Dieses Spiel wollte einfach nicht enden. Dieses Spiel wollte der Absurdität der Ereignisse noch einen draufsetzen. So legte sich Pape Sarr in der 132. Minute den Ball nochmal zurecht. Nach einem Handspiel des Belgiers Nicolas Raskin bekam der Senegal im WM-Sechzehntelfinale einen letzten Freistoß. Aus 17 Metern. Eine Superdistanz. Belgien hielt den Atem an, der Senegal, das Stadion in Seattle. Würden die Afrikaner in diesem Spiel, das sie schon fast gewonnen hatten und nun auf bittere Weise zu verlieren drohten, tatsächlich nochmal zurückkommen?
Sarr rannte an, schoss, der Ball flog über das Tor. Fassungslos schaute der Schütze dem Ball hinterher. Fassungslos blickten er und seine Löwen von Teranga dem WM-Knockout in die Augen. Sekunden später wurde dieses Spiel abgepfiffen. Mit 3:2 hatten bis zur 85. Minute völlig leblose und sich zoffende Belgier gewonnen. Durch einen Blitz-Doppelschlag kurz vor Ende der regulären Spielzeit und dank eines Elfmeters in der 125. Minute. "Ich bin extrem traurig, wie auch die Spieler", gestand Nationaltrainer Pape Thiaw. "Aber das ist Fußball, ein grausamer Sport. Wir müssen das akzeptieren und weitermachen, auch wenn es hart ist."
VAR-Elfer bringt Rangelei und stellt Spiel auf den Kopf

So richtig abfinden wollte er sich mit der Niederlage aber irgendwie doch nicht. Der späte Foulelfmeter sorgte für große Diskussionen, an denen sich Thiaw aber nicht beteiligen wollte: "Wir haben unsere eigene Meinung und glauben, dass es kein Elfmeter war", sagte er: "Aber der Schiedsrichter hat so entschieden." Dass sich seine Spieler lautstark beim Schiedsrichter beschwerten, sei "ihr gutes Recht". Es waren wilde Szenen vor der Ausführung. Das Foul passierte bereits in der 117. Minute. Dodi Lukebakio drischt den Ball an die Latte, abseits davon geschieht die Szene. Der eingewechselte Lamine Camara trifft Youri Tielemans von hinten. Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis der Gefoulte antreten kann: VAR, Gerangel, ein senegalesischer Spieler der am Punkt liegen bleibt. Wild alles.
"Ich war mit dem Spiel völlig fertig"
Als es endlich losgeht, hämmert Tielemans den Ball rechts oben in die Ecke. Besser kann man einen Elfmeter wohl nicht schießen. "Ich habe versucht, meine Ruhe wiederzufinden. Ich war mit dem Spiel völlig fertig. In diesem Moment musste ich tief durchatmen und an meine Fähigkeiten glauben", sagte Tielemans.
Verheerende Torwartaktion bringt Belgien in die Verlängerung

Belgien bebte plötzlich vor Leben. Tielemans hatte zum zweiten Mal zugeschlagen. Schon in der 89. Minute hatte er die Verlängerung erzwungen. Nach einer Flanke von Leandro Trossard. Die beiden hatten sich zuvor auf dem Feld tüchtig gestritten. Sie waren das Sinnbild für den Zustand der Belgier, die vom Senegal auf entzückende Weise hergespielt worden waren. Habib Diarra (25.) und Ismaila Sarr (51.) trafen. Der zweite Treffer war einer der schönsten der WM. Moussa Niakhaté spielte einen Sensationsball, den so nur Lothar Matthäus spielen konnte, über 50 Meter in den Fuß von Sarr, der nahm ihn perfekt an und mit und traf zauberhaft.
Der Senegal war dem Triumph nah. Sie waren besser gewesen, hatten einen absurden xG-Wert von 3,58, Belgien dagegen nur einen Wert von 1,74. In der 85. Minute brach Ex-Bayern-Spieler Sadio Mané durch, tauchte alleine vor Thibaut Courtois auf und scheiterte. Es war der Matchball. Statt ihn zu verwandeln, gab's im Gegenzug die erste Ohrfeige. Romelu Lukaku, die Sturmikone der Roten Teufel, büffelte den Ball zum Anschluss über die Linie. Die Afrikaner verloren nun völlig den Faden. Die Belgier drückten und trafen erneut. Torwart Mory Diaw griff bei der Hereingabe ins Leere, so dass Tielemans nur wenig Mühe hatte.
Senegals sensationeller Traumpass schockt Belgien

Senegal erlebt erneutes Drama
Das Spiel tobte hin und her. Mal war der Senegal dem Sieg näher, dann wieder Belgien. Dann der Pfiff, das Tor, der Schock. Für den Senegal war es der zweite bittere Elfmeter-Moment innerhalb eines halben Jahres. Nach einem späten Elfmeterpfiff für Marokko hatten Sadio Mané und Co. beim chaotischen Afrika-Cup-Endspiel Mitte Januar in Rabat aus Protest den Platz zwischenzeitlich verlassen, erst nach längerer Unterbrechung wurde die Partie fortgesetzt. Senegal gewann nach Verlängerung, später wurde ihnen der Titel vom CAF wieder aberkannt. Einen Vergleich wollte Thiaw nicht ziehen. "Das Team hätte es verdient gehabt", sagte er lediglich: "Es ist eine grausame Niederlage, sie haben alles für ihr Land gegeben."
Die Teufel feierten derweil ausgelassen das "wohl verrückteste Comeback der belgischen Fußballgeschichte", wie die Zeitung "Nieuwsblad" staunte. "Wir haben Kampfgeist gezeigt, wir hatten wirklich Eier, die braucht man für so ein Spiel", sagte Lukaku. Auch Trainer Rudi Garcia war schwer erleichtert. Ein Aus im Sechzehntelfinale mit einem Team um Kevin De Bruyne und Jeremy Doku, die er beide früh auswechselte, hätte ihn wohl unweigerlich den Job gekostet.
Stattdessen war er mit seinen Wechseln Teil des wahnsinnigen Comebacks. Als De Bruyne schon in der 56. Minute das Feld verlassen musste, stand eine der größten Fußball-Karriere der vergangenen Dekade vor einem unwürdigen Ende. Belgien aber rettete sich, seine Ikone und wohl auch seinen Trainer. Der staunte über die Leidenschaft der beiden Mannschaften bis zum Ende. "In der Verlängerung ist es ehrlicherweise wie bei zwei Boxern. Die Teams haben gekämpft und gekämpft." 132 Minuten lang. Was für ein Spiel.
