Der unsterbliche Lionel Messi hat sich beim 2:0 (1:0) des amtierenden Weltmeisters Argentinien gegen Österreich noch ein Stück weiter von der menschlichen Realität verabschiedet. "Messi, Messi, Messi", hallt es ehrfürchtig durch das Stadion der Dallas Cowboys. Die Journalisten in der Mixed Zone schmeißen sich erst auf den Betonboden und beten dann mit ihren Smartphones zur größten noch lebenden Ikone des Fußballs.
Sie alle wollen ihn sehen. Sie alle wollen den Spieler sehen, der nicht von dieser Welt kommt. Sie alle wollen ihm für einen kleinen Moment nahe sein. Gebannt halten sie die Szenen für ihre Archive fest. Der Tag, an dem der Außerirdische auf unserem Planeten Geschichte schrieb.
Mit seinen beiden Treffern in der 38. Minute und der fünften Minute der Nachspielzeit ist er nun erfolgreichster Torschütze in der bald 100‑jährigen Geschichte der Fußball‑Weltmeisterschaft. Miroslav Klose fällt auf Rang zwei zurück. Es ist sein fünfter Treffer bei dieser WM, Argentiniens fünfter Treffer bei dieser WM.
Der Unsichtbare lauert
Bei seinem Rekordtreffer, seinem 17. Treffer bei seiner insgesamt sechsten WM, streift der 38‑Jährige aus Rosario wieder einmal sein Superheldenkostüm über. Er wird für seine Gegenspieler zum Unsichtbaren. Verschwindet, verschiebt die Grenzen der Zeit, indem er sie stillstehen lässt. Indem er sich bewegt und niemand davon Notiz nimmt.
Dafür scannt er das Spielfeld permanent. Seine Vision ist die einer Fledermaus. Er weiß, wo die Mauern lauern. Er weiß, wo es die geheimen Lücken gibt, und er weiß, wie er durch sie kommen wird. Er bewegt seinen Kopf, vier, fünf Gegenspieler sind immer in seiner Nähe. Messi blickt in sie hinein und durch sie hindurch. Er weiß, was sie tun werden und wo er sie erwischen kann.
In der 38. Minute ist ihm der ehemalige Bayern‑Spieler Paul Wanner zugeordnet. Er ist an seiner Seite. Dann verschwindet Messi. Während ein Angriff der Argentinier über die linke Seite rollt, schiebt er sich immer näher in Richtung Tor. Er sieht, wie Thiago Almada raus auf den Flügel zu Facundo Medina spielt. Wanner sieht das auch. Der Angriff ist schnell vorgetragen, doch in der Mitte des Platzes steht die Zeit still.
Messi schleicht, Wanner hinterher. Mittlerweile liegen Meter zwischen ihnen. Der Unsichtbare lauert plötzlich am Strafraum, Medina flankt, Messi streift seinen Umhang ab, Almada blickt über die Schulter, lässt den Ball durch seine Beine. Wanner weiß, was jetzt passiert. Messi auch. Er öffnet seinen Fuß ganz leicht. Das reicht.
Im Tor ist Alexander Schlager ohne jede Chance. "Es war ein langer Weg", wird Wanner später den Journalisten erzählen. Aber er habe das Video des Tors noch nicht gesehen. Es war ein langsamer Weg, wäre die richtigere Antwort gewesen. Einer, auf dem Wanner den Unsichtbaren aus dem Blick verlor.
Mit diesem Tor schreibt Messi WM-Geschichte

"Der Beste aller Zeiten"
"Ich habe doch immer gesagt, der Messi ist kein Schlechter", telegrafiert der mittlerweile 48-jährige Klose in diesem Moment an die Redaktionen in Deutschland. Klose, nur zehn Jahre älter, stammt eben aus einer anderen Zeit. "Lionel Messi ist für mich der beste Fußballer aller Zeiten! Glückwunsch, Champion!"
Daran zweifelt längst niemand mehr. In den vergangenen Tagen überschlagen sich die Jubelarien. Der Planet Erde huldigt dem Superhelden, der hinabgestiegen ist, um mit wenigen Bewegungen Meisterwerke zu schaffen, die Kriege überleben werden und sich für immer in das kollektive Gedächtnis dieses Planeten einbrennen. Er ist nicht von dieser Welt. Darüber sind sich alle einig.
Daher darf das Datum des Rekords als ein Zeichen jener Kräfte verstanden werden, die wir nicht erklären können, die magisch erscheinen und es wohl auch sind. Auf der größten Bühne der Welt orchestrieren die, die hinabgestiegen sind, ihre eigene Geschichte.
Zum zweiten - Messi legt noch einen drauf

40 Jahre nach der "Hand Gottes"
Am 22. Juni 1986 war Diego Maradona emporgestiegen. Im WM-Viertelfinale gegen England im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt hatte er in kurzer Abfolge erst mit der Hand Gottes getroffen und bald einen Sololauf hingelegt, der als eines der wohl wichtigsten Gemälde in die Galerie des Fußballs eingegangen ist. Er wurde zu einem "kosmischen Drachen", wie es damals der Radiokommentator Victor Hugo Morales in seiner Live-Reportage schilderte.
Längst steht Messi neben dem seit dem 25. November 2020 endgültig im Himmel weilenden Fußball-Rebell. Die Frage nach dem größten Fußballer aller Zeiten, von Klose und all den anderen in diesen WM-Wochen mit Messi beantwortet, ist eine Generations- und keine Glaubensfrage. Von Diego gibt es Archivmaterial, von Messi alles auf TikTok und Twitch.
Die in Scharen angereisten Fans des Weltmeisters aber sind die Behüter ihrer Götter und Superhelden. Die Argentinier kennen nur eine Nummer. Es ist die Nummer 10. Sie tragen sie auf ihren Trikots. Auf den meisten dieser Trikots steht Messi, auf den anderen Maradona. Auf den Trommeln hält Messi den Weltpokal. Auf den Trommeln hält Maradona den Weltpokal. Auf den gigantischen Schwenkfahnen mit der Nummer 10 steht Messi oder Maradona. Es gibt keine Alternative.
"Werden wir nie wieder sehen"
Schon vor dem Spiel wissen die Österreicher, was sie ereilen wird. Messi sei, sagt Marko Arnautović im ORF, "etwas Einzigartiges, was wir leider Gottes nie wieder zu sehen bekommen". Zwar verspricht Trainer Ralf Rangnick am Tag vor dem Spiel jenen eine wundersame Geldmehrung, die ihr Geld auf Österreich setzen, doch bereits da skizziert er ganz genau, was "die Burschen" an diesem 22. Juni dann auch erwartet.
Er spricht von den langen Ballbesitzpassagen der Argentinier, die ihr Spiel plötzlich aufbrechen, um vertikal in die Spitze zu gehen. Dort, das wusste Rangnick, würde der unsichtbare Messi lauern. Er bewege sich zwar kaum in Richtung Defensive, aber sonst … Worte, die niemand aussprechen muss.
Dabei zeigt sich der Fußballgott zu Beginn zutiefst menschlich. In der neunten Minute tritt er gegen Alexander Schlager im Tor an. Elf Meter trennen ihn da vom Rekord. Nach einem Foul von Stefan Posch dauert es minutenlang bis zur Strafstoßentscheidung durch den ägyptischen Schiedsrichter Ahmed Mohamed. Messi schnappt sich den Ball an der Mittellinie, spaziert in Richtung Elfmeterpunkt, dort aber liegt bereits ein weiterer Ball. Der, den der Superheld zum Strafraum getragen hat, landet im Toraus, ziemlich genau an der Stelle, an der 45 Sekunden später auch sein Strafstoß die Torauslinie übertritt.
... dann öffnet sich eine Tür
In den nächsten 30 Minuten wird er das Spielfeld scannen und sich ein Privatduell mit David Alaba liefern. Der ehemalige Bayern-Verteidiger verhindert zweimal den Eintrag in die Geschichtsbücher. Dann steht Wanner hinter ihm, und Messi streift sein Kostüm über.
Rangnicks Österreich ist dabei über große Passagen des Spiels dem Weltmeister ebenbürtig. In seinem 100. Länderspiel hat Marcel Sabitzer einige gute Gelegenheiten, bis zum Schluss rennen sie gegen immer lauter feiernde Argentinier an. Tief in der Nachspielzeit verpasst Arnautović mit einem Kopfball nur knapp den Ausgleich.
Im Gegenzug leitet Messi ganz ohne Superheldenkostüm seinen fünften Treffer bei dieser WM über die rechte Seite ein. Er treibt den Ball in erstaunlichem Tempo in Richtung Strafraum, sieht den eingewechselten Julián Álvarez, dessen Abschluss Alexander Schlager parieren kann. Messi ist wieder am Ball. Sein erster Schussversuch wird noch geblockt, dann öffnet sich eine Tür, und Messi tritt hindurch. Im Stadion will es niemand glauben. "Messi, Messi, Messi", schallt es durch das Rund. In der Mixed Zone gehen die Smartphones hoch. Der Unsichtbare ist durch Dallas spaziert. Die Welt wirft sich vor ihm in den Staub.


