Mittelfinger, Mord und MaradonaDie erste Fußball-WM in den USA bleibt ein ganz dunkles Kapitel

In diesem Sommer kehrt die große Fußball-Welt zurück nach Amerika. Vor 32 Jahren, bei der Premiere, lief vieles aus dem Ruder. Die erste Weltmeisterschaft in den USA bleibt in vielerlei Hinsicht ein dunkles Kapitel der Fußball-Geschichte.
Das ganze Elend dieses irgendwie verhexten Turniers begann mit einer grotesk vergurkten Eröffnungsfeier. Während Titelverteidiger Deutschland siegesgewiss in der Kabine des Soldier Field auf den Auftakt der WM 1994 hinwartete, stürzte beim Innenraum-Zeremoniell erst Schmalzbarde Jon Secada durch eine Falltür und sang mit ausgekugelter Schulter aus dem Abgrund weiter.
Kurz darauf plumpste Moderatorin Oprah Winfrey vom Bühnenrand, während sie Starchanteuse Diana Ross ansagte, worauf diese den kläglichsten Elfmeter der Fußballhistorie vollführte. Und das Gros der 63.000 Zuschauer in Chicago interessierte eigentlich nur, dass zeitgleich in L.A. ein gewisser O.J. Simpson den Cops davonraste.
Das DFB-Team implodiert boulevardesk
Der Nordamerika-WM ab Donnerstag wird kompromissloser Fußball-Kapitalismus vorgehalten. Dabei setzt sich nur konsequent fort, was die Vergabe des Turniers vor 32 Jahren ins Soccer-Entwicklungsland USA lostrat. Was damals als bahnbrechende Erschließung neuer Märkte gedacht war, endete mit einem riesigen Dopingskandal, einem mutmaßlichen Auftragsmord, dem bis heute gruseligsten WM-Finale - und einem Desaster für einen zerrütteten Egomanen-Haufen in kruden Harlekin-Trikots.
"Wir hatten keine Mannschaft. Die hat nicht funktioniert", sagte der damalige DFB-Trainer Berti Vogts nach einer krachend gescheiterten Mission, die mit einem rumpeligen 1:0 im Eröffnungsspiel gegen Bolivien begann und mit einem 1:2 gegen Bulgarien im Viertelfinale endete. Jenes Team, das Vogts von Franz Beckenbauer als langfristig unschlagbar überantwortet worden war, implodierte boulevardesk - vom Mittelfinger Effenbergs über die Matthäus-Klinsmann-Hahnenkämpfe, der Illgner-Köpke-Torwartdiskussion bis zu missgünstigen Spielerfrauen und kapitalen Indiskretionen.
Es habe drei Gruppen gegeben, sagte Vogts, "die Weltmeister von 1990, die Spieler aus der Ex-DDR, die Neuen". Nie hätten diese zueinandergefunden. Die wütenden Heimat-Reaktionen kassierte Vogts fast exklusiv. "Ich wurde angepöbelt und angespuckt. Das wünscht man seinem ärgsten Feind nicht." Was Vogts vorausgesagt hatte: "Ich komme als Held oder Vaterlandsverräter zurück."
"Cocktail" an Substanzen
Das generelle WM-Spielniveau war ohnehin dürftig und begeisterte das US-Publikum kaum für den ungewohnten Sport. England und Frankreich waren nicht einmal qualifiziert, die Niederländer nicht auf 88er-Niveau - auch wenn sie beim 2:3 gegen Brasilien im Viertelfinale am besten Turnierspiel beteiligt waren.
Und Argentinien? Der 1990er-Finalist zerfiel, als Diego Maradona nach Gruppenspiel zwei durch die Dopingkontrolle rasselte. Einen Appetitzügler habe er benutzt, gestand der untröstliche Göttliche, einen ganzen "Cocktail" an Substanzen sogar, behauptete FIFA-Kommissionär Michel D'Hooghe. Maradona jedenfalls, dessen Nationalteam-Karriere damit endete, war raus, Argentinien nach einem 2:3 gegen formidable Rumänen mit dem "Karpaten-Maradona" Gheorghe Hagi im Achtelfinale ebenfalls.
Es passte zu dieser seltsamen WM, dass - gemeinsam mit Bulgariens Christo Stoitschkow - jemand unwahrscheinliches Torschützenkönig wurde: Der Russe Oleg Salenko schoss seine einzigen sechs Länderspieltore während des Turniers, fünf davon, bis heute Rekord, beim 6:1 gegen Kamerun. Für Kamerun traf der 42-jährige Roger Milla, der 1990er-Held war auf politischen Druck ins Team beordert worden.
Escobar wird nach der WM getötet
Millas Zeit war abgelaufen, die eines 17-Jährigen hatte noch nicht begonnen: Ronaldo wurde zwar Weltmeister, kam aber zu keinem Einsatz. Brasiliens Nationaltrainer Carlos Alberto Parreira vertraute auf das Starduo Romario/Bebeto, das im Finale gegen Italien enttäuschte - nach 120 trist-torlosen Minuten holte die Selecao dennoch ihren vierten WM-Titel, weil Roberto Baggio ähnlich kläglich vergab wie Diana Ross.
Der folgenschwerste Fehlschuss unterlief allerdings Andrés Escobar. Beim 1:2 im Vorrundenspiel gegen die USA traf der Kolumbianer ins eigene Tor, zehn Tage später trafen ihn vor einer Disco in Medellin sechs Kugeln. "Gol!", soll Schütze Humberto Munoz Castro, der Kontakte zu Drogenbossen unterhielt, nach jedem Schuss gerufen haben. Die Hintergründe sind bis heute nicht abschließend geklärt. Und Escobars Tod liegt seitdem wie ein Mantel aus Blei über der Erinnerung ans ohnehin verwunschene 1994er-Turnier.