Natürlich hatte Schiedsrichter Ilgiz Tantashev auch dieses Foul nicht gesehen. Obwohl er nur wenige Meter mit guter Sicht entfernt stand. Desire Doue hatte es kurz nach seiner Einwechslung mit halb Paraguay aufgenommen und war im Strafraum gefällt worden. Von Diego Gomez klar getroffen. Einen Elfmeter wollte der usbekische Schiedsrichter aber nicht geben. Wie er auch sonst nichts geben wollte, um die ruppige, ekelige Art des DFB-Bezwingers zu therapieren. Doch dann geschah Erstaunliches: Der VAR griff ein! Zum ersten und einzigen Mal an diesem unfassbaren Rüpel-Abend. Tantashev ließ sich überzeugen. Elfmeter. Kylian Mbappé. Tor. Sieg (1:0).
Über das Spiel an sich redete nach dem Abpfiff niemand mehr. Zu sehr waren Ilgiz Tantashev und sein Team inklusive der VAR-Kollegen außer Kontrolle geraten. Sie hatten den Fußball zerstört. Sie hatten zugelassen, dass der WM-Topfavorit in eine wüste Kneipenschlägerei hineingezogen worden war. KEINE einzige Gelbe Karten hatte der Usbeke an die enthemmten Südamerikaner verteilt. Wobei das nicht ganz richtig ist. Ein Co-Trainer wurde nach Abpfiff noch verwarnt, weil er sich zu vehement beim Schiri beschwert hatte, worüber auch immer.
Experte nimmt "schlechteste" Schiri-Leistung auseinander

Die Franzosen dagegen hatten drei Gelbe Karten kassiert. Das wirkt fast zynisch angesichts der Aggressionen und Provokationen, die sie aushalten mussten. In der 97. Minute etwa wurde Bayern-Star Michael Olise verwarnt. Er war in einen Streit mit Matias Galarza verwickelt. Der ganze Stress ging vom Paraguayer aus, der Franzose hatte eigentlich nichts gemacht. Wahnsinn. Die beiden anderen Verwarnungen gegen Manu Kone und Bradley Barcola dagegen waren, immerhin, berechtigt. Wenn der Maßstab eine normale Schiedsrichterleistung gewesen wäre. Und nicht ein Totalausfall auf allen Ebenen.
Ibrahimovic sieht viermal Rot
Wut und Fassungslosigkeit herrschten nach dem Abpfiff. WM-Experte Zlatan Ibrahimovic, selbst ein Meister der Provokation, sah vier Rote Karten gegen Paraguay. Er wütete gegen die Art der Südamerikaner, er wütete gegen die Provokationen und Aggressionen. Auch verrückt. Im Mittelpunkt der wilden Rüpelei: immer wieder Galarza. Erst schlug er im Lauf gegen den Arm von Mbappé, auch gegen Jules Koundé holte er kurz vor dem Ende zum Schlag aus, traf ihn aber nicht richtig. Dazu fiel er in einer Konfrontation mit Olise in der 97. Minute theatralisch zu Boden und versuchte, vor Mbappés Elfmeter den Punkt zu ramponieren.
Die Schlagszene gegen Mbappé sorgte für besonders hohe Wellen. "Es ist ein astreiner Schlag. Er hat nichts anderes vor, als den Spieler zu schlagen", schimpfte Schiedsrichter-Experte Patrick Ittrich bei Magenta TV und warf dem Unparteiischen "Kontrollverlust" vor. Der Ex-Referee suchte nach einer Erklärung, warum diese Szene nicht geahndet wurde. Ittrich vermutete, dass der Kontakt aus Sicht des Video-Assistenten möglicherweise nicht intensiv genug gewesen sei. "Er touchiert ihn nur. Regeltechnisch ist das egal. Auch eine versuchte Tätlichkeit ist eine Tätlichkeit."
"Wenn sie das nicht gewohnt sind ..."
Galarza war aber nicht der Einzige, der sich die Franzosen robust vornahm. So boxte unter anderem Gabriel Avalos dem Münchner Innenverteidiger Dayot Upamecano in den Magen. Tantashev stand eigentlich gut. Die Szene blieb trotzdem folgenlos. Ebenso wie diese Unsportlichkeit: Am Boden liegend trat Juan José Caceres - sehr leicht - gegen die Wade von Mbappé. (K)eine Tätlichkeit. Der starke Torwart Orlando Gill verteidigte seine Vorderleute: "Das ist Fußball. Wenn sie das nicht gewohnt sind – was sollen wir da machen? So ist Paraguay eben – eine harte Mannschaft."
Deschamps: "Sie haben endlos gefoult"

Nein, das war nicht hart. Das war unsportlich, manchmal brutal. Das war eine Vernichtungsbewerbung für den Fußball. Und Tantashev ließ sie mit reichlich Wohlwollen, fachlicher Unkenntnis oder massive Überforderung gewähren. "Wir haben drei Gelbe Karten bekommen und die anderen haben endlos gefoult. Jede Mannschaft spielt so, wie sie es für richtig hält, wobei ich auf einige Beleidigungen der Gegenseite hätte verzichten können", monierte Frankreichs Trainer Didier Deschamps nach dem Spiel. Auch sein Schützling Rayan Cherki echauffierte sich: "Wie viele Fouls gab es, 30, 40? Wie viele Gelbe Karten gab es? Dazu habe ich nichts mehr zu sagen." Ittrich sprach von der "schlechtesten Schirileistung dieser WM". Als Unparteiischer "hast du das Spiel zu managen, das ist hier komplett in die Hose gegangen", sagte er bei MagentaTV.
Völlig überreizt war am Ende Matchwinner Mbappé: "Wenn wir unsere Hände in die Scheiße stecken müssen, werden wir unsere Hände in die Scheiße stecken. Wir haben kein Problem damit." Er selbst hätte auch mehrmals Gelb sehen können. "Sie dachten, dass wir kommen würden, um im Smoking zu spielen, dass wir nur kommen würden, um schöne Aktionen und Eins-Zwei zu machen. Wir wissen auch, wie man schmutzigen Fußball spielt."

