Der Dealer und die Droge

FIFA-Boss Infantino bringt die WM und den Fußball in Gefahr

Stephan-UersfeldVon Stephan Uersfeld, Miami
Soccer-Football-FIFA-World-Cup-2026-Round-of-16-Switzerland-v-Colombia-BC-Place-Vancouver-Canada-July-7-2026-FIFA-president-Gianni-Infantino-and-Colombian-Football-Federation-president-Ramon-Jesurun-inside-the-stadium-before-the-match-REUTERS-Agustin-Marcarian
Gianni Infantino (r.) lässt sich gerne feiern. (Foto: REUTERS)
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09.07.2026 | 06:30 Uhr
Ab heute duellieren sich die acht besten Teams der WM. Kann Messi mit Argentinien den Titel verteidigen oder entreißt ein Europäer oder gar Marokko ihm den Pokal? Alles offen, oder? Verschwörungstheorien greifen um sich.

Die Viertelfinal-Spiele der Fußball-WM 2026 beginnen mit einem absoluten Top-Spiel. Geheimfavorit Marokko fordert den amtierenden Vize-Weltmeister Frankreich heraus. Die FIFA hat es sich nicht nehmen lassen, dem ohnehin brisanten Duell noch etwas mehr Atemlosigkeit hinzuzufügen: Der Argentinier Facundo Tello wird das Spiel als Schiedsrichter leiten. Stoff für neue Verschwörungstheorien.

Wird Tello entscheidenden Einfluss auf das Spiel ausüben? Wird der Referee womöglich über das Schicksal der Franzosen entscheiden? Was vor wenigen Tagen noch als große Verschwörungstheorie abgetan werden musste, hat seit dem Skandal um die zurückgenommene Rote Karte des US-Amerikaners Folarin Balogun nach politischer Intervention durch den FIFA-Friedenspreisträger Donald Trump nun eine Berechtigung. Weltweit wird spekuliert, wird genau hingeschaut. Die große Frage: Geht es bei dieser WM überhaupt noch mit rechten Dingen zu? FIFA-Alleinherrscher Gianni Infantino steht massiv unter Druck. Dabei will er doch nur Gutes, behauptet er.

Fußball, sagt Infantino in seinem niemals enden wollenden Instagram-Strom, vereint die Welt. Infantino kontrolliert dieses alle Kontinente begeisternde Spiel. Ihm und seinem Verband gehört die Fußball-Weltmeisterschaft, die größte Bühne der Welt. Diese bespielt er mit gieriger Willkür in der Manier eines ewig grinsenden Film-Bösewichts.

Infantino gefällt, was er geschaffen hat

Aus seinen Logen blickt er hinab auf das Volk und sieht, was er geschaffen hat. Es gefällt ihm. Denn er sieht die Fanfeste in den USA, die Leidenschaft in Mexiko und die Erweckung des Spiels in Kanada. Wieder einmal hat er nur Gutes getan. Hinter ihm sitzen ein paar Altstars der Weltmeisterschaften, die ihm Glaubwürdigkeit verleihen sollen. Vor ihm liegt die Bühne.

Das Problem: Der Schweizer hat jedes Maß verloren. Er ist berauscht von seiner eigenen Macht, die ihm seine Ware verleiht. Er ist berauscht davon, welche politischen Höhen er mit ihr erklimmen kann. Dem FIFA-Präsidenten stehen alle Türen offen, und wer ihm beim Vertrieb hilft, dem kann er kaum einen Wunsch abschlagen. Siehe Katar, siehe Friedenspreisträger Donald Trump, siehe Saudi-Arabien, siehe alles. Es gibt kaum etwas Gutes über ihn zu sagen. Es ist ihm ohnehin egal.

Die öffentliche Meinung kontrolliert er mit seinem Schweigen in den klassischen Medien und seiner ständigen Präsenz auf Instagram. Diese lässt er sich etwas kosten. 2,25 Millionen Pfund überweist die FIFA an eine Londoner Sportsmarketing-Agentur, berichtet das Investigativportal Josimar. Als Gegenleistung für den 22-Monats-Deal bespielt die Agentur die Accounts der FIFA und Infantinos. Schöne Bilder, erhabene Worte. Die Welt? Vereint.

Rekordgewinne um die Macht zu sichern

Das Geld für den Deal mit der Agentur? Peanuts für den Weltverband, der bei dieser Weltmeisterschaft wieder Rekordgewinne einfahren und im Anschluss die Mitgliedsverbände mit Dollarscheinen überhäufen wird. Im Zyklus nach dieser WM rechnet die FIFA mit 13 Milliarden Dollar Umsatz, allein neun Milliarden lassen sich der WM zurechnen. Gianni liefert. Er bringt dem Fußball das Geld, und der Fußball den Frieden - für die, die ihn sich leisten können. Die nationalen Verbände kassieren und schweigen. Sie hängen an seinem Tropf. Infantino macht den Verbänden ein Angebot, das sie nicht ablehnen können. Nicht einmal die europäischen Top-Verbände mit ihrer Superstarpower.

Die Fans sind ohnehin aufgeschmissen. Sie sind dem Fußball ausgeliefert, sie sind der FIFA ausgeliefert. Infantino dealt mit einer Glücksdroge. Es ist eine Droge, die klaren Spielregeln folgt. Eine, die kollektiven Rausch verspricht und meist kollektive Trauer bringt. Eine Droge, die wirkt, weil niemand weiß, was passiert. Der Fußball unterteilt in Sieger und Verlierer. Besonders der Fußball bei Weltmeisterschaften. Jetzt aber hat der Glücksdealer Infantino einen entscheidenden Fehler begangen. Er hat sich verführen lassen und das Grundprinzip des Fußballs infrage gestellt.

Gehen sie weiter. Es ist nie was passiert.

Die Aufhebung der Sperre des US-Amerikaners Folarin Balogun nach der Intervention von Donald Trump vor dem letztlich krachend verlorenen Achtelfinale gegen Belgien hat alles geändert. Die FIFA bestreitet all das. Gehen sie weiter. Es ist nie was passiert. Die Entscheidung, angeblich vom unabhängigen FIFA-Disziplinarkomitee gefällt, rüttelt an einem essentiellen Grundbestandteil der Glücksdroge Fußball: an der Unvorhersehbarkeit des Spiels.

Dieses Prinzip hat sich selbst im Turbokapitalismus des europäischen Fußballs erhalten. Sogar in der Bundesliga muss nicht immer der FC Bayern gewinnen. Bei der WM sowieso. Da kann Paraguay Deutschland schlagen und Kap Verde Argentinien an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringen. Oder vielleicht doch nicht? Die Entscheidung der FIFA am vergangenen Wochenende öffnet Verschwörungstheoretikern die Tür. "Was ist, wenn es für manche Nationen nie eine faire Chance gegeben hat?", fragen sie und werden lauter. Diese Ideen sind nicht mehr länger versprengten Stimmen in den sozialen Medien zuzurechnen. Sie werden durch die teilnehmenden WM-Nationen unverhohlen in die Welt getragen. Der Fußball macht den Trump. Es gibt keine Niederlage mehr, alles ist manipuliert. Und vielleicht stimmt das sogar?

Der ägyptische Nationaltrainer Hossam Hassan ist das prominenteste Beispiel. Nach dem 2:3 gegen Argentinien im Achtelfinale der WM konnte er nicht mehr an sich halten. Er war aufgebracht. Seine Spieler auch. Er machte keinen Hehl daraus, wem er die Leistung des Schiedsrichters zurechnete: eben nicht dem Unparteiischen selbst, sondern denen da oben, die Lionel Messi erneut im Finale sehen wollen, weil es gut fürs Geschäft ist.

Infantino hat den Fußball in Gefahr gebracht

Der Ägypter trug damit ein Gefühl in die Öffentlichkeit, das in Teilen der Fußball-Welt längst unterschwellig vorhanden ist und nun eine immer größere Masse erreicht. Die Aussagen des Trainers hört man dieser Tage so auch in den Bars zwischen Mexiko-Stadt und Vancouver. Aus der Unvorhersehbarkeit wird die Illusion einer Unvorhersehbarkeit. Das ist die größte Gefahr überhaupt. Wenn nicht mehr jeder gewinnen kann, braucht niemand mehr zu gewinnen. Glücksdealer Infantino hat den Fußball in Gefahr gebracht.

Infantinos Macht wird zementiert durch das Wahlsystem der FIFA, das jedem nationalen Verband eine Stimme gewährt. Demokratie, nennt das der Weltverband. Er wirft mit lebenserhaltenden Millionen um sich, bei denen kaum ausgeschlossen scheint, dass sich Funktionäre daran bereichern. Der Demokrat an der Spitze der FIFA lässt sich dann per Akklamation wählen, und alle schweigen - auch der DFB um Präsident Bernd Neuendorf. Der äußert sich, wie so viele, erst, als es bereits zu spät ist. Infantino ist stark darin, Abhängigkeit zu schaffen.

Weltweit lassen die Fans ihm und der FIFA vieles durchgehen. Die Begeisterung ist groß. Der Fußball ist größer. Sogar in der von zwei aufeinanderfolgenden Erdbeben zerstörten venezolanischen Hauptstadt Caracas hat die UN-Mission Leinwände aufstellen lassen, berichten Korrespondenten aus dem südamerikanischen Land. An diesen Orten trägt die Magie des Fußballs. Sie lässt sich nicht zerstören. Aus Geschichten werden Mythen. Die großen Erzählungen einer jeden Weltmeisterschaft brennen sich in das kollektive Gedächtnis der Welt ein. In jedem Land entstehen andere Bilder, andere Erinnerungen, anhand derer die großen gesellschaftlichen Themen einer Nation gespiegelt werden. Dafür reicht ein Blick auf die Reaktionen zum Aus der DFB-Elf. Das Fiasko wurde zum Sinnbild der kriselnden Bundesrepublik. Eine Niederlage, die übertriebene Dimensionen annahm.

Die Zahlen geben Infantino recht

Die Zahlen bei dieser WM geben Infantino bislang recht. Der Fußball vereint die Welt. Die Reaktionen in den Gastgeberländern auch. Mexiko hat sein eigenes Sommermärchen geschrieben. Dort ist das Turnier jetzt vorbei. Wie auch in Kanada, wo der Fußball weiter in den Mittelpunkt gerückt ist. In den USA unterdessen läuft der World Cup nur unter dem Namen FIFA. Dort steht der Weltverband neben all den anderen globalen Brands des Sports. Es gibt FIFA, es gibt die NHL, die NBA und natürlich die NFL. In diesem Sommer dominiert in den Vereinigten Staaten der Fußball, dominiert die FIFA. Minütlich vermeldet sie neue Rekorde. 99,7 Prozent Auslastung, bislang über 6,25 Millionen Zuschauer in den Stadien, über 20 Milliarden Video-Views auf den diversen Plattformen FIFA. Die Liste der Rekorde findet kein Ende.

Unzählige Geschichten bei unzähligen Spielen. 104 werden es nach dem Finale am 19. Juli in East Rutherford sein. Jedes Spiel für sich genommen ein Erfolg. Wirtschaftlich und meist auch sportlich. Ein Fest für die FIFA. Sie sagt: Seht her. Ihr könnt uns nichts. Wir hatten recht - und ohnehin: So ist das in den USA. Die vorgetragene Entschuldigung Infantinos und der FIFA für alles. Für den Umgang mit dem nach Mexiko abgeschobenen iranischen Nationalteam und für die bedauernswerte Nichteinreise des somalischen Schiedsrichters Omar Artan. So ist das in den USA. Und wenn Trump sich meldet, wird gehandelt.

"Das Ungewöhnliche ist die Gefügigkeit, mit der wir alle diese Übergriffe akzeptieren", sagte der Fußball-Philosoph Jorge Valdano in der "Süddeutschen Zeitung". "Eigentlich sollte der Fußball bei einer WM seine ganzen Stärken zeigen. Stattdessen hat er hier seine Schwäche gezeigt." Gianni Infantinos Ware ist ungenießbar geworden. Zeit, sich einen neuen Dealer zu suchen. Schlechter kann es nicht werden.

Verwendete Quelle: ntv.de