Trump, FIFA, Verschwörungen

Wie diese Fußball-WM außer Kontrolle geraten ist

imageVon Tobias Nordmann
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Auch Gianni Infantino hat die Weltmeisterschaft beschädigt. (Foto: IMAGO/EPA)
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08.07.2026 | 19:15 Uhr
In den ersten Tagen der Weltmeisterschaft ging es um Fußball. Was für eine Wohltat. Donald Trump blieb versteckt, Gianni Infantino fiel nur als Vielflieger auf. Doch dann eskalierte das Turnier. Was alles passiert ist.

Womöglich, nein, wahrscheinlich wird Gianni Infantino auch diese Weltmeisterschaft als die beste loben, die es jemals gegeben hat. Das ist der FIFA-Boss seinem guten Freund Donald Trump schuldig. Die beiden Alphatiere haben es doch noch geschafft, dem Turnier ihren "Glanz" zu verleihen. Lange war ihnen die Rolle der Nebendarsteller zugeschrieben. Oder gar, im Falle Trumps, des unsichtbaren Geists, der zwar über den Dingen schwebt, der aber niemanden belästigt. Doch dann sah erst US-Stürmer Folarin Balogun Rot und anschließend der US-Präsident. Er wollte nicht akzeptieren, dass der Spieler gesperrt wird. Er pfiff wieder einmal auf die Regeln. Und bekam recht.

Die Fußball-Welt war erschüttert. Der mächtigste Mann der Welt, dieses Verständnis hat Trump von seinem Amt, hatte in die Regeln des Sports eingegriffen. Und die FIFA folgte ihm, auch wenn sie verzweifelt versuchte, die Einflussnahme von Trump zu negieren. Warum die Sperre zur Bewährung ausgesetzt wurde, konnte die FIFA nicht gut erklären. Was hängen bleibt: Ein sportpolitischer Skandal, der das Turnier beschädigt. In Grenzen hält sich der Schaden, weil die völlig überforderten US-Boys gegen Belgien sang- und klanglos ausschieden (1:4). Aber es werden neue Wellen kommen. Infantino, so sieht es die UEFA, darf nicht ungeschoren davonkommen.

"Wenn Europa nicht mehr mitspielt, wäre die FIFA am Ende"

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Um die Sprengkraft des Skandals, in dessen Schatten auch die "Bewährung" von Rotsünder Cristiano Ronaldo für das Turnier nochmal hochgespült wurde, deutlich zu machen, sparten Experten nicht mit krassen Vergleichen. Es sei fatal, dass die "höchste politische Autorität des Veranstalterlandes" sich eingeschaltet habe, um zugunsten seiner Mannschaft einen Vorteil herauszuholen, sagte etwa Sportsoziologe Gunter Gebauer der "Süddeutschen Zeitung". Dieses Verhalten sei unerhört. "Nehmen Sie zum Beispiel die Olympischen Spiele 1936 in Deutschland. Da saß Adolf Hitler auf der Tribüne und hat nicht ein einziges Mal eingegriffen. Obwohl er später alle möglichen Verträge gebrochen hat, muss man sagen: Selbst der Gastgeber Hitler hat sich an die Regeln des Sports gehalten."

Ägypten löst Trump ab

Ob es gelingt Infantino zu stürzen? In vielen Teilen der Welt hat der spendable FIFA-Boss viele Anhänger. Denn die Fußball-Welt funktioniert nach dem Prinzip "ein Verband, eine Stimme". Die Macht der UEFA ist beschränkt. Und ohnehin kann Infantino vorerst durchatmen (oder doch nicht?). Kaum waren die USA raus aus dem Turnier, kaum war der "Fall Balogun" sportlich unauffällig geblieben, kracht die nächste Wut auf das Turnier herab. Ägypten fühlt sich nach der dramatischen Niederlage gegen Argentinien betrogen. Ein Tor wurde aberkannt - dafür gibt es sogar noch Gründe, auch wenn die Ägypter die nicht wahrhaben wollen (ein Foul bei der Balleroberung) - und ein Elfmeter verweigert. Mit Folgen. Die Nordafrikaner rannten in einen Konter, der sie aus der WM kegelte.

In unverblümter Offenheit bellte Trainer Hossam Hassan seine Wut heraus: "Ich werde sagen, was ich denke - ganz gleich, welche Konsequenzen das hat. Das war ganz klar ein manipuliertes Spiel, und die ganze Welt hat das gesehen." Ägypten forderte im Nachgang sogar den Ausschluss des Schiri-Teams von der WM. Der Fokus lenkte sich sofort um. Die nächste Verschwörungstheorie war in der Welt. Schon nach dem Achtelfinalspiel Frankreich gegen Paraguay hatte es tüchtig geknallt. Auch da im Fokus: der Schiedsrichter. Die wild um sich tretenden Südamerikaner wurden komplett verschont. Niemand sah Gelb. Die "Opfer" wurden nicht geschützt, die "Täter" nicht bestraft. Schon da geisterte durch die sozialen Netzwerke das Gerede darüber, was der Schiedsrichter wohl in der Hand habe, um sich so ein Spiel leisten zu können. Womöglich war er einfach nur völlig überfordert.

So viele Nebenschauplätze

Wie so viele in diesem Turnier, das so viele Nebenschauplätze hat, wie kaum ein vorangegangenes. Die WM in Russland und die folgende in Katar waren eher monothematisch überlagert. Sie waren politisiert. Es ging um die Gastgeber, um Menschenrechte, um Dopingskandale und Kriege. Aber nie waren die Eingriffe auf das Spiel so vehement wie jetzt. Das ist eine neue Dimension, die sich nicht mit der Aufstockung auf 48 Teams erklärt. Es ist eine neue Dimension, auch im Umgang mit der Qualität der Schiedsrichter.

Auch das deutsche Team war zweimal in umstrittene Entscheidungen verwickelt. Gegen Ecuador hätte das frühe Tor von Leroy Sané nicht zählen dürfen. Co-Vorbereiter Aleksandar Pavlovic hatte seinen Gegner mit dem Fuß im Gesicht getroffen. Eine Fehlentscheidung, die folgenlos blieb, weil Deutschland verlor. Härter traf es das Team im Sechzehntelfinale gegen Paraguay, als der vermeintliche Siegtreffer von Jonathan Tah zurückgepfiffen worden war, weil plötzlich die Torhüter im Strafraum doch geschützt sind. So erklärte es Pierluigi Collina. Der Boss der Schiedsrichter hat es sich gründlich verscherzt mit den Protagonisten. Er rückte mehr und mehr in den Fokus als die isolierten Einzelfälle. Der Fisch stinke vom Kopf, wüteten die Kritiker, viele Ex-Schiedsrichter.

Collina ändert die "Gesetze"

Collina hatte die Regeln, oder seine "Gesetze", wie manche Experten klagten, ohne öffentliche Kommunikation kurzerhand vor der WM geändert. Einerseits soll das Spiel bei Zweikämpfen großzügig laufen gelassen werden, andererseits sind die Torhüter wieder besser zu schützen. Beide Leitlinien sind bei der Endrunde deutlich erkennbar. Darüber informiert hat Collina nach eigenen Angaben zwar Trainer und Spieler vor dem Turnier, alle anderen bekamen das aber erst durch seinen Zwischenbericht mit. Das führte zu Ärger.

Den gab's auch schon vor dem Turnier. Die Iraner ließen keine Gelegenheit aus, ihre Wut auf WM-Gastgeber USA rauszulassen. Der Zoff um die verzögerten und untersagten Einreise-Visa vergiftete die Stimmung noch mehr als das politisch ohnehin schon der Fall war. Nach dem Aus der Iraner ließen es Funktionäre und Politiker auf beiden Seiten nochmal knallen. Längst vergessen war der Eklat um Schiedsrichter Omar Artan, dem die USA die Einreise verweigert hatten. Die zuständigen US-Behörden hatten Sicherheitsbedenken wegen angeblicher Verbindungen zu einer Terrororganisation genannt.

So sehr der Fokus in den ersten Turnier-Tagen auf dem Spiel lag, so sehr wird das Turnier in der zweiten Halbzeit von Aufregungen, Wut, Rassismus-Eklats - gegen Kylian Mbappé und jetzt auch gegen Lionel Messi - und dem Trump-Skandal eingeholt. Nur noch selten steht der Fußball als Spiel im Vordergrund der Berichterstattung. Dabei gibt es großen Sport. Wie das Spiel England gegen Mexiko, das die Menschen mit seiner unfassbaren Intensität verzauberte. Wie die Sensation der Norweger gegen die brasilianische Selecao. Wie auch das Spiel Ägypten gegen Argentinien, das davon lebte, dass der Fußball-David den Goliath 79 Minuten zur Verzweiflung trieb.

Am Donnerstag geht's mit den Viertelfinalspielen weiter. Marokko trifft in einem emotionalen 2022-er-Déjà-vu auf Frankreich. Norwegens neue Superhelden fordern Englands enthemmte Tuchel-ianer. Ob der Fußball sich dann wieder die Kontrolle über die wahrscheinlich "beste WM aller Zeiten" zurückholt?

Verwendete Quelle: ntv.de