Der deutsche Fußball liegt am Boden, diesmal wirklich. Die DFB-Elf verabschiedet sich zum dritten Mal in Folge sehr früh aus einer Weltmeisterschaft. Das Team von Julian Nagelsmann offenbart Defizite in allen Mannschaftsteilen. Aber wie in jeder Krise liegt irgendwo auch eine Chance. Eine (etwas naive) Sicht, warum alles auch besser werden könnte.
Die Erkenntnis, dass etwas verändert werden muss
Es ist eine Binse: Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung. (Noch?)-Bundestrainer Julian Nagelsmann saß am Montag im Presseraum des WM-Stadions von Houston und beantwortete die letzte Frage des Abends. "Wir brauchen einen 'Big Change'", sagte er. Es brauche alles seine Zeit, die Ergebnisse werde man irgendwann sehen. Wie das eben auch bei den Klubs so ist. Man hat es schon oft gehört.
Es muss sich im deutschen Fußball etwas ändern. Bei der Ausbildung, beim Personal. Das ist die Erkenntnis dieser Weltmeisterschaft. Sind die aktuellen Verantwortlichen mutig genug, das auch anzugehen? Nagelsmann machte einige Fehler bei diesem Turnier, all das ist durchexerziert. Aber: Es ist nicht so, dass er einen Talentpool zur Verfügung hatte, den er nur verwalten musste - so wie das Didier Deschamps in Frankreich seit Jahren macht. Es fehlt an Mittelstürmern, an Innenverteidigern, an körperlich robusten Sechsern. Die kann man nicht züchten, die müssen geformt werden.
Das betrifft auch die Bundesliga. Und da hat jemand vielleicht einen Punkt, von dem man es nun wirklich nicht erwarten würde. Der Spanier Albert Riera ist bei seiner Blitz-Amtszeit bei Eintracht Frankfurt wirklich mit Anlauf krachend gescheitert. Er trat auch Wochen später noch nach, sagte dann aber etwas Interessantes. "Die Teams im unteren Tabellendrittel spielen alle auf die exakt gleiche Weise. Wenn man sie analysiert, hat man das Gefühl, jede Woche gegen denselben Gegner zu spielen." Da ist etwas dran, denn taktisch wird es dort wenig anspruchsvoll.
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Das Anspruchsdenken ist (hoffentlich) weg
Immerhin: Bei den vermeintlich kleineren Gegnern ist sie noch da, die DFB-Aura. Egal, ob Dick Advocaat oder Gustavo Alfaro, die Trainer von Curacao und Paraguay: Sie sprachen (zumindest vor den Spielen) mit Ehrfurcht über das DFB-Team. Die haben ja so viel erreicht, immerhin viermal Weltmeister. Ein großer Gegner, eine große Historie, große Namen. Aber Frankreich war es völlig egal, ob sie im Achtelfinale gegen die deutsche Nationalelf oder sonst jemanden spielen. Die Sorge vor einer komplizierten Reiseroute war viel größer.
Wenn diese Erkenntnis auch irgendwann mal in Fußballdeutschland ankommt, könnte das der Nationalelf helfen. Der Druck, bei jedem Turnier mindestens ins Halbfinale zu kommen, hilft niemandem. Bitte nicht falsch verstehen: Das ist kein Plädoyer, jeden Leistungsgedanken aufzugeben. Sondern eher ein Appell an ein bisschen mehr Realismus. Die DFB-Elf hat mit der Weltspitze für die nächsten Jahre nichts zu tun. Vor zehn Jahren ist sie von dort verschwunden, seither nicht zurückgekehrt - es wird auch noch dauern.
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Verbrannte Generation ist weg - junge Talente frischen das Team auf
Haben sie das Unglück an den Hacken kleben? Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Serge Gnabry, und Leroy Sané, ein wenig auch Jonathan Tah und Antonio Rüdiger. Sie gehören einer Spielergeneration an, die mit der A-Nationalmannschaft einfach nichts gewinnen kann. Zu jung waren sie 2014 beim letzten WM-Titel. Sie sind hinzugestoßen zur Nationalmannschaft mit dem Label "Goldene Generation", jetzt haben sie nicht einmal Blech gewonnen. Für das frühzeitige Ausscheiden bei Weltmeisterschaften gibt es nur Spott. Auch für das Erreichen des Viertelfinals der EM 2024 heimsten sie keine Lorbeeren ein. Nun werden sie wohl in zwei Jahren nicht mehr alle für den DFB auflaufen. Sanés Karriere läuft in der Türkei so langsam aus, Goretzka wechselt ebenfalls aus dem Blickfeld Bundesliga, Rüdiger wird 35 Jahre alt sein. Womöglich wandert das Unglück ja mit ihnen weiter.
Und lässt die jungen Talente hoffentlich in Ruhe. Etwa die, die für den DFB im vergangenen Jahr Silber bei der U21-EM gewonnen haben. Da wäre der beste EM-Torschütze Nick Woltemade - der diesmal am Elfmeterpunkt scheiterte, aber davor auch nur wenige Minuten Spielzeit bekommen hatte. Da wäre ein Nathaniel Brown, der sich jetzt schonmal einspielen konnte und als Linksverteidiger überzeugte. Lennart Karl hätte jetzt schon dabei sein sollen, verletzte sich aber bekanntlich kurz vor dem Turnier. Said El Mala hätte nachnominiert werden können, Nagelsmanns Wahl fiel auf Assan Ouedraogo, der nun gar nicht zum Zug kam. Ebenfalls zwei Hoffnungsträger. Auch Tom Bischof vom FC Bayern hatte durchaus schon jetzt Argumente auf seiner Seite - in zwei Jahren wird der zukünftige Bundestrainer im defensiven Mittelfeld kaum an ihm vorbeikommen. Kapitän Kimmich stellte schon in seiner Zeit in Winston-Salem fest, dass es erst jetzt wieder so langsam ein Team gibt, das über Jahre zusammenwachsen kann. "Das haben wir nach 2018 nicht hinbekommen", sagte er.
Klar scheint auch, dass sich das Personalkarussell im Tor gehörig drehen wird. Manuel Neuers Comeback ist wieder vorbei, Oliver Baumann wird voraussichtlich nicht noch weitere zwei Jahre darauf warten, dass er vielleicht doch irgendwann mal ein Turnier spielen darf. Auch die Zeit von Marc-André ter Stegen ist abgelaufen. Mit Neuer-Kumpel Jonas Urbig drängt ein junger Wilder auf die Nummer eins, der sich jetzt schon beim FC Bayern beweisen kann.
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Wusiala wird in besserer Form sein
Florian Wirtz und Jamal Musiala - das Duo Wusiala. Künstlernamen bekommen nur die, die besonders auffallen. Die zwei sind Offensivkünstler und haben ihren Shipname durch so manchen Trick während der EM 2024 erhalten. 2024 funktionierten sie auch, weil sie einen Großen in ihrer Mitte hatten, den Motor Ilkay Gündogan, während die beiden wirbeln konnten.
Nun sind sie bei der WM mit dem DFB-Team gescheitert, ein bisschen aber auch jeder für sich. Gegen Paraguay konnten sie die Last nicht stemmen. Die Leichtigkeit fehlte. Dafür gibt es aber Gründe - die in zwei Jahren nicht mehr gelten werden. Musiala war fast die gesamte Saison ausgefallen. Seine schwere Verletzung von der Klub-WM hat den 23-Jährigen lange belastet. Und prägt ihn wohl noch immer. Christian Streich nahm ihn im ZDF in Schutz, der üble Wadenbeinbruch mit Sprunggelenksluxation nach dem Zusammenprall mit dem damaligen PSG-Torhüter Gianluigi Donnarumma hat den Dribbelkünstler Selbstvertrauen gekostet. Spielpraxis natürlich ebenso. Es ist davon auszugehen - Klopfen auf Holz -, dass Musiala in zwei Jahren gesund und mit Spielwitz zur EM reisen kann.
Auch Wirtz wird dann eine gewichtige Ausrede nicht mehr haben. Er hat gerade die erste Saison beim FC Liverpool hinter sich. Er war den Millionen der Premier League erlegen und musste feststellen, dass es nicht so leicht ist, der Erwartungshaltung zu entsprechen. Anderer Stil Fußball, einer von vielen Stars, mehr Jungtalent als gesetzter Könner. Er, Musiala und die beiden zusammen sollten sich in zwei Jahren freigeschwommen haben. Von ihren eigenen Problemen und der Abhängigkeit von einem "Erziehungsberechtigten".
Nagelsmann beantwortet Zukunftsfrage nach WM-Aus klar

Neuer Bundestrainer (neuer Nagelsmann)
Die obligatorische Pressekonferenz nach einem Turnier-Aus hat der DFB schon abgesagt. Ob Nagelsmann das Podium jemals wieder als Bundestrainer betritt? Im Moment ist das noch unklar, die Antwort fällt erst in Deutschland. Es gibt viele Argumente, die dagegen sprechen. Die Ära Nagelsmann scheitert (sollte sie denn enden) nicht nur an der Kommunikation, sondern auch an inhaltlichen Gründen. Bei dem öffentlichen Druck ist es unwahrscheinlich: Aber es könnte sein, dass der DFB dem Bundestrainer noch ein Turnier mehr Zeit gibt. Nagelsmann hat sich alleine in seiner Ära schon mehrfach neu erfunden. Er war EM-Bundestrainer, auch WM-Quali-Bundestrainer. Vielleicht schafft er das auch noch einmal?
Ansonsten könnte jemand Neues das DFB-Team übernehmen. Jemand, der dieses Team weiter formt, ihm Zeit gibt, auch beim Zusammenwachsen. Nagelsmann hatte das eigentlich probiert und auch ein bisschen geschafft. Eine neue Mannschaft war im Entstehen, dafür steht Oliver Baumann exemplarisch. Trotz seiner Degradierung feuerte er seine Kollegen noch mit voller Euphorie von der Bank aus an. Das muss man ihm zugutehalten. Aber vielleicht braucht es jemanden als Bundestrainer, der mehr über den Dingen steht. Ein Name wäre Christian Streich, der das in Freiburg viele Jahre geschafft hat. Zwar mit mehr Ruhe im Umfeld, aber vielleicht verschwindet das Anspruchsdenken ja wirklich.
