Bayerns Sportvorstand Max Eberl ekelt sich, Matthias Sammer sieht die "Grundmauern des Fußballs bedroht", die europäische Spielergewerkschaft FIFPRO schäumt vor Wut, die Fußball-Welt changiert zwischen Alarmismus und großem Interesse - und FIFA-Boss Gianni Infantino hat fast gewonnen. Der gierigste Mann, den der Weltfußball je gesehen hat, will die Weltmeisterschaft verkaufen. Das sagt er so natürlich nicht. Er kleidet die größte Kommerz-Revolution der Geschichte in ein feines rhetorisches Kleid. Seine aus dem Nichts verkündete Idee, Anteile an der Fußball-WM an private Investoren zu veräußern, sei bloß "ein Vorschlag, ein Angebot, Teil eines demokratischen Beratungsprozesses. Es ist eine Gelegenheit, aber keine Verpflichtung."
Infantino verspricht sich davon die "Erschließung bisher nicht realisierter Werte". Die kommerzielle Seite des Fußballs zu stärken, sei "der logische nächste Schritt." Schließlich kämen bislang zu geringe Tranchen der gestiegenen FIFA-Einnahmen an der Basis an. "Dies ist eine einmalige Chance, die weltweite Entwicklung des Fußballs deutlich zu beschleunigen." Aber Obacht, findet er, für die Fans werde sich durch einen Einstieg von Investoren nichts ändern. Wirklich nicht? Die Sorge ist groß vor noch mehr Turnieren, vor noch mehr Teilnehmern. Vor mehr und mehr. Vor einer Unersättlichkeit der Gierigen, die die Fußball-Kuh schädlich mästet.
Die ganze Wahrheit scheint das Gerede vom Vorschlag nicht zu sein. Der Plan zum Einstieg von Investoren ist offenbar schon deutlich gereifter, als es der FIFA-Boss zugeben will. Infantino hat den Mitgliedsverbänden eine Frist bis zum 19. September gesetzt, um den Plänen zuzustimmen. Für kleinere Verbände in Afrika, der Karibik oder sonst wo ist das Angebot verdammt lukrativ. Jedem Verband winkt eine Ausschüttung von 40 Millionen Euro. Von derzeit acht Millionen US-Dollar pro Vierjahres-Zyklus stiege der Betrag laut des Weltverbands zunächst auf 20 Millionen und bis 2035 auf bis zu 24 Millionen US-Dollar. Dazu käme optional eine Einmalzahlung in Höhe von 20 Millionen US-Dollar.
Für Riesenverbände wie den DFB ist das keine Summe zum Hecheln vor Glück. Für andere schon. Und: Die Verbände müssen offenbar keine Rechenschaft darüber ablegen, wie das Geld investiert wird. Der Selbstbereicherung einzelner Funktionäre sind damit keine Grenzen gesetzt.
"Das nächste Kap Verde schaffen"
Infantino sieht das (natürlich) anders: Der große Freund des Sports sieht große Chancen zur Demokratisierung des Fußballs. "Höhere Zahlungen an die Mitgliedsverbände bedeuten höhere Investitionen in bessere Fußballplätze, stärkere Nationalmannschaften und ebnen den Weg für Jungen und Mädchen überall auf der Welt", sagte er, und er versprach: "Wir kümmern uns um alle." Die FIFA wolle "das nächste Kap Verde schaffen" - die zentralatlantische Inselgruppe hatte es erstmals zur WM geschafft. Das Problem an der Sache ist: Infantino hat in den vergangenen Jahren - zumindest in Europa - einen großen Glaubwürdigkeitsverlust erlitten. Der sich mit Vorbereitung und der Durchführung der WM ins Unermessliche potenziert hat. Das peinliche Buckeln vor US-Präsident Donald Trump, die Verleihung des FIFA-Friedenspreises an ihn, der Fall Folarin Balogun - Infantino ist in Europa unten durch.

Enthüllungs-Journalist sieht bei WM-Vorschlag kein entkommen
Und genau das scheint die einzige Chance zu sein, diesen Schweizer oder Italiener oder Libanesen (Infantino besitzt all diese Staatsbürgerschaften) zu stoppen. Noch heute treffen sich Vertreter der 55 Mitgliedsverbände der UEFA zu einer Dringlichkeitssitzung. Und womöglich greift die UEFA zum Äußersten. Es droht die ultimative Eskalation, laut Sky, ESPN und Bloomberg wollen die Europäer über einen möglichen Boykott der WM sprechen. Ob alle Einzelverbände aber auch Linie zu bringen sind? Eher nicht. Der tschechische Verbandschef David Trunda etwa steht den Plänen Infantinos offen gegenüber und sagte dem britischen Sender Sky News, er sehe Vorteile für den tschechischen Fußball.
Für die Umsetzung oder zumindest die konkrete Vorbereitung braucht der FIFA-Boss eine einfache Mehrheit, wie er in dem Brief an die Einzelverbände verkündet. Das sorgt für weitere Irritationen. Denn laut "Times"-Journalist Martyn Ziegler, der an der Enthüllungsgeschichte zu den Investoren-Plänen beteiligt war, braucht es für eine Satzungsänderung eigentlich 75 Prozent Zustimmung. Die würde Infantino sicher nicht bekommen, 51 Prozent dagegen wirken sehr realistisch bis wahrscheinlich. Weil sich etwa der afrikanische Kontinentalchef Patrice Motsepe schon extrem interessiert zeigt. Im Namen des Kontinentalverbands forderte Motsepe seine Mitglieder dazu auf, die Pläne zu prüfen "und sich im Einklang mit den Vorschriften und festgelegten Verfahren der CAF und der FIFA am Konsultationsprozess zu beteiligen."
"Das volle wirtschaftliche Potenzial ausschöpfen"
In einer Mitteilung heißt es zudem: "Die CAF ist entschlossen, den Dialog und die Zusammenarbeit mit ihren Mitgliedsverbänden, der FIFA, anderen Fußballkonföderationen und Interessengruppen fortzusetzen, um die Bereitstellung finanzieller und anderer Ressourcen für die Entwicklung und das Wachstum des Fußballs in Afrika und weltweit zu fördern." Sollte Afrika geschlossen für die Pläne votieren und die 51-Prozent-Zustimmungs-Regel angewendet werden, hätte Infantino schon die Hälfe der benötigten Stimmen im Sack. Dass er die andere Hälfte auch noch zusammenbekommt, daran besteht kaum Zweifel. Zu viele Freunde hat der FIFA-Boss sich mit seiner Großzügigkeit in den vergangenen Jahren gemacht. Die FIFA ist eine gigantische Profitmaschine geworden.

Infantinos WM-Vorstoß? "Vollkatastrophe, was da passiert"
Der Weltverband will mit den nun zunächst geleakten Plänen nach eigenen Angaben "das volle wirtschaftliche Potenzial der Übertragungsrechte und Sponsoringverträge über das gesamte Turnierportfolio im Männer-, Frauen- und Jugendfußball" ausschöpfen. Das soll über eine noch zu gründende Tochtergesellschaft namens FIFA Forward Enterprise (FFE) passieren. "Sorgfältig" ausgewählte Investoren sollten dann "Minderheitsbeteiligungen ohne Kontrollrechte an der FFE" erwerben. Basierend auf einer Unternehmensbewertung von 20 Milliarden US-Dollar werde die FFE dieses Jahr bis zu 4,2 Milliarden US-Dollar aufbringen. Laut Berichten sollen bis zu 20 Prozent der Anteile verkauft werden.
Bleibt also augenscheinlich nur noch der Hammer der UEFA: der Boykott. Noch vor der Investoren-Idee sinnierte Infantino über die nächste Aufstockung der WM. 64 Teams schweben ihm vor. Was aber, wenn Spanien, England, Frankreich, Deutschland, die Niederlande plötzlich nicht dabei wären? Es wäre der Tod des Turniers, die maximale Entwertung der Weltmeisterschaft. Ein Schlag in die Magengrube der Investoren, die auf viele der größten Stars der Welt verzichten müssten. Aber traut sich die UEFA diesen Schritt wirklich zu? Es wäre der größte Knall, den es im Weltfußball je gegeben hätte. Die Folgen wären kaum abzuschätzen.
Findet die UEFA einen Gegenkandidaten?
Oder nur dann, wenn es der UEFA in einem zweiten Schritt gelingt, einen starken Gegenkandidaten für die im kommenden Jahr stattfindende Wahl des FIFA-Präsidenten aufzubauen. Eine wahnsinnige Herausforderung im Sog des Allmächtigen. Infantinos Investorendeal, die Ausschüttung von großen Summen, ist aber nicht bloß ein Demokratisierungsgeschenk an das Spiel Fußball. Es ist vor allem ein wahltaktisches Manöver, um bis mindestens 2031 im Amt zu bleiben. Geld hat meistens die größte Überzeugungskraft.
Der Hoffnungsträger der Investoren-Gegner heißt: Aleksander Ceferin. Der UEFA-Präsident ist inzwischen fast schon traditionell ein Gegenspieler Infantinos. Sein europäischer Dachverband verhinderte erst federführend 2018 einen Milliardendeal, bei dem die FIFA sogar mit 25 Milliarden US-Dollar warb - und 2021 die Super League, die einige europäische Topklubs planten. Ceferin wird zwar nicht wörtlich zitiert, doch die Position der UEFA darf durchaus als sein Standpunkt verstanden werden. "Damit wird eine Grenze überschritten, die die für den Fußball verantwortlichen Institutionen niemals überschreiten dürften", hieß es von der UEFA.

"11Freunde"-Chef zerlegt Infantino
Was die Investoren-Nummer besonders neben dem "Verkauf der Seele des Spiels" besonders heikel macht, ist die wirtschaftliche Ebene: So soll der milliardenschwere Investor Joshua Kushner eine tragende Rolle spielen. Und er gehört zur erweiterten Trump-Familie: Joshua ist der Bruder von Jared Kushner, der mit Präsidententochter Ivanka Trump verheiratet ist. Politisch trat Joshua Kushner bisher aber kaum in Erscheinung. Unter den Firmen, in die Kushners Fonds investierte, waren die Foto- und Videoplattform Instagram, das Filmstudio A24, der heutige Musikstreaming-Marktführer Spotify und später der ChatGPT-Entwickler OpenAI.
Für Infantino könnte sich das noch als schmerzhafter Bumerang erweisen. Im US-Kongress gibt es reichlich Argwohn gegen das enge Verhältnis von Infantino zu Trump. Der einflussreiche demokratische Abgeordnete Jamie Raskin forderte zuletzt die FIFA und Infantino auf, bis zum 9. August Informationen über Kontakte zur US-Regierung vorzulegen. Aus dem Lager der Demokraten gab es über eine anonyme Quelle in der "New York Times" die Warnung, aus heutigen Fragen könnten später förmliche Untersuchungen werden. Raskin forderte vorerst unter anderem eine Liste an, der alle Geldtransfers und Geschenke an Trump, dessen Regierung sowie Familienmitglieder zu entnehmen sind.
