Dafür zahlt er die WürstchenKimmich versteht das alles mit Neuer überhaupt nicht

Neuer, Neuer, Neuer: Rund um die deutsche Fußball-Nationalmannschaft scheint es nur ein Thema zu geben. DFB-Kapitän Joshua Kimmich bezieht deutlich Stellung - und spricht tatsächlich auch über andere Dinge.
Es gibt nur wenig, was dieser Manuel Neuer nicht kann. Physisch befand sich der 40-Jährige nicht im selben Raum, als sich Joshua Kimmich den Fragen der Journalisten im DFB-Lager stellte. Und doch war der Torwart auch im Pressesaal in Herzogenaurach zugegen. Der "Manu" ist eben gerade überall, wo die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist - also fast (dazu später mehr).
Und so dauerte es auch nicht lange: Kimmich bemerkte zunächst das "Siffkissen" auf dem Podium, beantwortete ein paar Fragen und landete dann doch bei der Causa "Neuer". Es ist so: Der DFB-Kapitän hat eine sehr deutliche Meinung zu seinem Vorgänger. "Rein sportlich, darf es diese Diskussion nicht geben, weil wir als Deutschland die besten Spieler dabeihaben wollen."
Damit war der Ton gesetzt. Kimmich verstehe diese "ganze Diskussion", die Fußballdeutschland nun mal seit Wochen durch die Talkshows trägt, überhaupt nicht. "Manu ist der beste Torhüter aller Zeiten, ist immer noch einer der besten Torhüter der Welt", sagte Kimmich. "Für mich ist die Diskussion ein bisschen zu negativ behaftet, weil wir eigentlich kein Problem haben auf der Torhüterposition."
Neuer schreibt, Baumann hält
Und was ist mit Oliver Baumann? Monatelang trägt der 35-Jährige die DFB-Elf durch die WM-Qualifikation, wird dann aber unmittelbar vor dem XXL-Turnier in den USA, Mexiko und Kanada degradiert. Kimmich merkte an, dass Baumann zwar "enttäuscht" sei, aber vor allem auch "bereit". "Ich wäre enttäuscht, wenn er nicht enttäuscht gewesen wäre", erklärte der Kapitän.
Enttäuschung hin oder her: Auf die "Weltklasse-1-B-Lösung" (Nagelsmann), also Baumann, wird es in den nächsten Tagen erst einmal ankommen. Denn Neuer kann gerade vor allem eine Sache nicht, die systemrelevant für den Fußball ist: auf dem Platz stehen. Die linke Wade verhindert nach einer Verhärtung nach wie vor einen Einsatz. Der Torwart verpasst damit den ersten WM-Test des DFB-Teams am Sonntag gegen Finnland (20.45 Uhr/ZDF und im ntv.de-Liveticker).
Der vermutlich nicht enttäuschte Rio-Weltmeister Neuer verbrachte deshalb seinen Vormittag damit, den ersten Sponsorentermin seit seiner Rückkehr abzuhalten, und schrieb im Adidas-Store von Herzogenaurach fleißig Autogramme. Der ehemalige Welttorhüter löste tatsächlich eine Euphorie aus: Drinnen gingen die mitgebrachten 700 Autogrammkarten aus, draußen bildete sich eine Hunderte Meter Schlange.
Die Sache mit den Würstchen
Aber neben Neuer gab es auch andere Themen, die Kimmich (übrigens der einzige Rechtsverteidiger im deutschen WM-Kader) bewegen. Die politischen Fragen rund um Trump-Land sollen Verband und Politik beantworten. Seine WM-Altlasten (zweimal Vorrundenaus) spielen für ihn für die anstehende Aufgabe keine Rolle. Und der aktuelle WM-Kader kann seine Stärken und Schwächen gut einschätzen - anders als früher. Man habe damals "immer das Gefühl gehabt, dass wir besser sind, als wir eigentlich sind".
Und dann ist da ja noch die Frage, wann eine Weltmeisterschaft eigentlich ein Erfolg ist. Der 31-Jährige vermied es, eine klare Zielsetzung zu nennen. "Wir sollten nicht über Finale oder den Titel nachdenken", sagte Kimmich, "das bringt uns nicht vorwärts." Stattdessen gehe es um die Art und Weise, wie das DFB-Team Fußball spielt, sagte Kimmich. Der 6:0-Erfolg zum Abschluss der WM-Quali gegen die Slowakei sei ein gutes Beispiel gewesen.
Der Kapitän äußerte einen spannenden Gedanken. Ob ein Turnier erfolgreich ist, lasse sich gar nicht unbedingt am Endresultat messen. Etwa die Heim-Europameisterschaft 2024: Im Kollektivgedächtnis bleibt das so etwas wie ein Erfolg - obwohl schon im Viertelfinale Schluss war. Kimmich merkte an, dass das DFB-Team nicht ausschließlich "sehr, sehr gute" Spiele zeigte. Er meinte damit nicht den rauschenden 5:1-Auftakterfolg gegen Schottland und das 1:2 gegen Spanien im Viertelfinale. Aber sonst war dem Kapitän zufolge viel Verbesserungspotenzial.
Häufig geht es auch um das Gefühl, das den Fans des DFB-Teams vermittelt wird. Die Nationalelf könne den Turniererfolg gar nicht immer zu "100 Prozent" beeinflussen. Kimmich zufolge versucht das Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann, mit seinem Auftreten und der Art und Weise, wie es die Spiele angeht, für Euphorie zu sorgen.
Den ersten Schritt geht die Mannschaft von Bundestrainer Nagelsmann schon am 1. Juni. Dann verabschiedet sich der DFB-Tross mit einem öffentlichen Training in die USA - zum Testspiel gegen den Co-Gastgeber in Chicago. Für die Fans gibt es zum Abschied auf dem DFB-Campus in Frankfurt kostenlose Bratwurst, wie Kimmich auf der Pressekonferenz bestätigte. Mannschaftsrat und Verband hätten überlegt, dem titelhungrigen Anhang etwas zurückzugeben. Es könnte der erste Schritt zu einem erfolgreichen Turnier sein.