Mit einem 1:0 gegen Haiti startet Schottland erfolgreich in die WM, jetzt geht es gegen Marokko und Brasilien. BVB- und Schottland-Legende Paul Lambert spricht bei ntv Sport über die Chancen der Tartan Army und den Größten aller Zeiten.
ntv.de: Herr Lambert, 1998 waren Sie für Schottland bei der WM in Frankreich dabei. Damals ging es nach der Vorrunde nach Hause. Wie nun 2026 ging es in der Gruppe gegen Brasilien und Marokko, beide Spiele gingen verloren. Was sind Ihre Erinnerungen daran?
Paul Lambert: Gegen Brasilien, im Eröffnungsspiel, hatten wir verdammt viel Pech. Gegen Marokko, in unserem letzten Gruppenspiel, waren wir nach dem Unentschieden gegen Norwegen einfach schlecht. Wir haben nichts hinbekommen, eine Rote Karte kassiert und den Sieg nicht verdient. Auch damals schon hatte Marokko gute Spieler. Aber diese Mannschaft jetzt, das haben wir in den letzten Jahren gesehen, ist noch einmal ganz anders.
Dazu kommen wir später. Zurück zum Eröffnungsspiel 1998 gegen Brasilien. Ein Eigentor von Tom Boyd in der 74. Minute entschied das Spiel. Sie verloren mit 1:2 gegen den damals amtierenden Weltmeister.
Das war hart für uns. Wir haben ein richtig gutes Spiel gemacht, und dann das Eigentor. Ich wollte damals nur rausgehen und es genießen. Druck habe ich nicht gespürt, auch weil ich mit Borussia Dortmund viele große Spiele hatte. Mir war klar, dass wir gegen ein Team mit Dunga, Rivaldo, Bebeto und Ronaldo spielen. Auf diesem Level musst du viel Vertrauen in dich haben.

Die schottische Nationalmannschaft hat sich mit einem 4:2 gegen Dänemark für die WM qualifiziert. Es war ein irrwitziges Spiel: Scott McTominays Fallrückzieher, Kieran Tierneys Treffer von der Mittellinie. Hat die Mannschaft da dieses Selbstvertrauen aufbauen können?
Wir wissen jetzt, dass wir Spiele gewinnen können. Das hilft uns. Das ist der Schlüssel. Das wird der Mannschaft helfen, mit großem Selbstvertrauen in das Spiel gegen Marokko zu gehen.
Was können wir von Schottland nach dem 1:0 gegen Haiti noch erwarten? Es ist eine heikle Ausgangslage. Jetzt kommt Marokko, danach Brasilien. Ein Weiterkommen, auch als Gruppendritter, ist nicht garantiert.
Gegen Haiti ging es nur um die drei Punkte. Das haben wir erledigt. Das erste Spiel ist traditionell schwierig, gerade weil jeder gegen Haiti ein einfaches Spiel und einen Sieg erwartet hat. So ist das nicht. Es war ein schwieriges Spiel für uns. Der Druck war immens, weil jetzt die großen Teams kommen. Zuerst Marokko …
… die Brasilien ein 1:1 abgetrotzt und ihre Rolle als Geheimfavorit untermauert haben …
… und durch das Unentschieden jetzt vielleicht etwas mehr unter Druck stehen. Sie müssen gewinnen. Uns würde ein Unentschieden zum Weiterkommen reichen. Ein Punkt gegen Marokko oder Brasilien, das würde reichen.
Wie wird Schottland das Spiel angehen?
Trainer Steve Clarke könnte das System ändern, einen Stürmer rausnehmen und das Mittelfeld mit drei Spielern vollpacken. Zwei Achter oder zwei Sechser hinter dem zentralen Angreifer. Wir werden im Mittelfeld breiter aufgestellt sein.
Welcher Spieler wird den Schotten am meisten wehtun können?
Achraf Hakimi. Wenn wir seine Läufe nicht stoppen, bekommen wir Probleme. Hakimi ist wirklich gefährlich. Er war schon bei Borussia Dortmund richtig gut.
In der schottischen Nationalmannschaft spielen viele Profis im Ausland: Lewis Ferguson in Bologna, Ché Adams beim FC Turin, Scott McTominay beim SSC Neapel. Dazu viele Spieler aus der Premier League wie Andrew Robertson, der mit Liverpool so erfolgreich war, und John McGinn, der den Siegtreffer gegen Haiti erzielte. Das war jahrelang nicht der Fall. Inwiefern hilft das der Mannschaft?
Wir haben ein Team mit Spielern, die in Italien und in der Premier League auf Top-Level spielen. Das ist sehr wertvoll. Sie wissen, wie es ist, vor großer Kulisse zu spielen und um Titel zu kämpfen. Das war lange nicht der Fall, wir waren auf vielen Positionen schwach besetzt. Jetzt fühlt es sich wie eine gut zusammengestellte Klubmannschaft an. Das hilft uns. Außerdem werden die Spieler im Ausland schneller erwachsen und haben keine Angst mehr - nicht vor großer Kulisse und nicht vor irgendwelchen Spielern. Das Spiel gegen Dänemark in der Qualifikation hat das gezeigt.
Schottland hat sich erstmals seit 1998 für eine WM qualifiziert. Was bedeutet das für das Land?
Unser Land hat das gebraucht. Glasgow, Edinburgh, Aberdeen und Dundee, die großen Städte - sie alle haben es gebraucht. Diese Mannschaft hat es geschafft. Allein bei der WM dabei zu sein, ist großartig. Der Auftakt war gut, wir haben Haiti geschlagen. Jetzt freuen wir uns auf Marokko und ganz besonders auf unsere Fans. Sie sind verrückt, unterhaltsam, friedlich. Sie feiern sich einfach. Ich glaube, in der Mannschaft herrscht ebenfalls eine gute Atmosphäre. Sie scheinen gerade in einem guten Moment zu sein.
Wir sehen immer wieder die Tartan Army in den Straßen. Sie wirkt wie eine Verlängerung der schottischen Mannschaft. Gibt es nur mit der Tartan Army das ganze schottische Paket?
Das ist so, seit Jahren. Die Tartan Army ist überall: 1978 in Argentinien, 1982 in Spanien, 1986 in Mexiko, 1990 in Italien. Dann kamen sehr karge Jahre, erst 1998 in Frankreich waren wir wieder dabei. Und dann diese 28 Jahre seitdem. Wenn Schottland bei einem großen Turnier dabei ist, meinen die Fans es ernst. Sie kommen zu Tausenden und sie kommen in Frieden. Das macht die Tartan Army aus.
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Wann wäre die WM für die Tartan Army und die Nationalmannschaft ein Erfolg?
Die K.-o.-Runde wäre eine große Sache. Keine schottische Mannschaft hat das bislang geschafft. Klar, das Format hat sich geändert, aber die nächste Runde wäre ein Erfolg. Wir brauchen dafür vier Punkte, denke ich.
Sie sprechen das neue Format mit 48 Nationen an. Was hat sich verändert?
Einige Spiele waren ziemlich langsam, aber es gibt auch diese aufregenden Spiele, und dann ist das wirklich gut.
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Was war bislang wirklich gut?
Argentinien mit Lionel Messi. Ich weiß nicht, welches Spiel er spielt - Fußball ist das sicher nicht. Er spielt ein ganz anderes Spiel. Oh mein Gott. Ich habe Maradona spielen sehen, als er mit 18 mit der Nationalmannschaft nach Schottland kam. Ich habe gegen Zinédine Zidane gespielt, gegen Gheorghe Hagi und gegen Mehmet Scholl. Aber Messi? Er ist ein Phänomen. Wenn man ihn spielen sieht, ist das einfach unglaublich.

Messi ist mittlerweile 38 Jahre alt, hat in der Hitze von Kansas City einen Hattrick gegen Algerien erzielt.
Wenn Messi am Ball ist, ist man sofort gewarnt: Es kann immer etwas passieren, ob er passt, dribbelt oder schießt. Er ist für mich der beste Spieler aller Zeiten. Messi ist von einem anderen Planeten. Er übertrifft alle Spieler, die ich je gesehen habe, und ich rede hier von Maradona 1986 in Mexiko, ich rede von Pelé, den ich leider nie live spielen sah. Lionel Messi übertrifft all das.
Mit Paul Lambert sprach Stephan Uersfeld


