Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft geht in ihr drittes und letztes Vorrundenspiel. Das Team von Julian Nagelsmann hat sich den Luxus erarbeitet, dass es völlig egal ist, wie das Spiel gegen Ecuador ausgeht. Für die zweite Reihe ist das trotzdem keine gute Nachricht.
Letztes Gruppenspiel, alles entschieden: Da rotiert man als Bundestrainer doch, oder?
Es ist eine knifflige Sache: Wie hält ein Bundestrainer im egalsten Spiel für die DFB-Elf bei dieser Weltmeisterschaft die Spannung hoch? Während Experten darüber philosophierten, ob Julian Nagelsmann nun zwei, drei oder gar zehnmal durchwechselt, überrascht der Bundestrainer dann doch in der laut ihm "einzig berechtigten Frage": Er wechselt nur das Nötigste. Heißt: Der verletzte Nico Schlotterbeck und der angeschlagene Nathaniel Brown werden durch Antonio Rüdiger und David Raum ersetzt.
Eigentlich hätte man gedacht, dass Deniz Undav, der übrigens neben dem Bundestrainer saß, endlich sein WM-Startelfdebüt bekommt. Doch falsch gedacht. Auch der Superjoker bleibt das, was er ist: ein Superjoker. So spielt auch im Gruppenfinale gegen Ecuador (22 Uhr/Magenta, ZDF und im ntv.de-Liveticker) praktisch dieselbe Elf, die auch schon die ersten beiden Spiele gegen Curacao und die Elfenbeinküste gewonnen hat.
Dabei hätte es durchaus die Möglichkeit gegeben: Der erste Tabellenplatz steht in der Tabelle schon fest. Vielleicht überzeugte Nagelsmann auch etwas anderes: Zwölf Länderspielsiege in Serie gab es in der langen Verbandshistorie bisher nur 1979/80 unter Bundestrainer Jupp Derwall. Drei WM-Vorrundenerfolge wurden zuletzt beim Sommermärchen vor 20 Jahren notiert. Auch damals hieß der dritte Gruppengegner Ecuador (3:0).
Wie erklärt der Bundestrainer die Überraschung?
Ein gut gelaunter Nagelsmann gab in dem Pressezelt auf dem Parkplatz des Stadions kurz Einblick in seine Überlegungen. Das Trainerteam, er und die DFB-Kicker hätten gemeinsam gebrütet und dann gemeinsam die Entscheidung getroffen: Wir spielen uns weiter ein. "In den Wochen vor der Weltmeisterschaft war eines der entscheidendsten Themen, dass sich die Mannschaft einspielen muss", sagt Nagelsmann und meint die harsche Kritik von Uli Hoeneß, der den Bundestrainer dafür mehrfach auf verschiedenen Wegen kritisierte.
Und dazu kommt: Jamal Musiala, Felix Nmecha, Kai Havertz, sie alle hatten in den vergangenen Wochen und Monaten nicht so wahnsinnig viel Spielzeit. Da zählt jede Minute. Man wolle das auch nutzen, sagt Nagelsmann, während die Flugzeuge über Stadion und Pressezelt donnern. Gerade bei Oliver Baumann sei die Entscheidung vor allem menschlich nicht leicht gefallen. Aber der Bundestrainer müsse den Blick für das Große und Ganze haben. Manuel Neuer reiste nicht mit superviel Spielpraxis zum DFB-Team, die Partien gegen Curacao und die Elfenbeinküste seien keine Torwartspiele gewesen. Er musste nur zwei Bälle halten.
Bekommt Undav denn nie sein WM-Startelfdebüt?
Nein. Also sollte das Verletzungspech nicht nochmal zuschlagen. Er selbst hat übrigens kein Problem mit der Rolle, sagt er. Sonst wäre er nicht hier. Ein starkes Argument. Stattdessen antwortet er herrlich auf die Frage eines englischsprachigen Journalisten, ob ein trockener Rasen ein Problem sei. "Ich ziehe die Schuhe an und gehe aufs Feld. Das ist es", sagt Undav. Da muss selbst Nagelsmann lachen.
Wer war noch einmal Ecuador?
Vermutlich ein tückischer Gegner. Denn das Team aus Südamerika holte im zweiten Gruppenspiel gegen Curacao nur ein torloses Remis. Das passt nicht so richtig mit den eigenen Ansprüchen des fußballverrückten Landes zusammen. Überall in New York sieht man die knallgelben Trikots schon überall, die Fans erwarten wohl, dass es diesmal anders als bislang läuft.
Gerade Ecuadors hochgelobte Stardefensive erfüllt derzeit ihren Job. Willian Pacho (PSG), Piero Hincapié (FC Arsenal und früher Leverkusen) und Moisés Caicedo (FC Chelsea und einer der teuersten Transfers der Fußballgeschichte) ließen erst ein Gegentor zu. Doch vorn funktioniert trotz des 36-jährigen Altmeisters Enner Valencia nichts.
Trainer Sebastian Beccacece steht eine ungemütliche Heimreise bevor, sollte es tatsächlich das Vorrundenaus sein. "Hör auf, heiße Luft zu verkaufen, und tritt bei La Tri zurück!", schrieb schon Ex-Nationalspieler Jefferson Montero bei X: "Hab ein bisschen Würde, du hast unserem Fußball mit einer Generation, die die beste der Geschichte sein sollte, großen Schaden zugefügt."
Wie war's im Quartier in Winston-Salem?
Tatsächlich etwas geschockt. Nico Schlotterbeck brachte aus Toronto sein verwundetes Sprunggelenk mit ins Camp. Erst dort gab es die Diagnose: ein Innenbandriss. Der Innenverteidiger wird der DFB-Elf fehlen, in der Defensive und auch beim Spielaufbau. Es könnte die Statik des Teams verändern.
Danach wurde es dann auch noch ungemütlich. Weniger wegen der Stimmung rund um das DFB-Team, sondern eher wegen des Wetters. Die Woche begann mal wieder knüppelheiß und ebenso schwül. Am Montagabend schüttelte dann ein heftiges Unwetter die Stadt durch. Teilweise fiel gar der Strom aus, Ampeln verabschiedeten sich und Bäume knickten um. Das schlechte Wetter hielt dann am Dienstag noch an: Die DFB-Protagonisten hatten das Pech, keine Regenschirme auf den Platz mitnehmen zu dürfen.
Ansonsten war die kurze Woche vor allem von Reiseplanungen geprägt, denn die K.-o.-Runde steht bevor. Es kursierte das Gerücht, das DFB-Team würde Winston-Salem den Rücken kehren. Dafür gibt es tatsächlich einige Argumente: Schließlich warten mit zweimal Boston und einmal Philadelphia zwei Spielorte, die relativ nah beieinanderliegen - und klimatisch nicht unbedingt viel mit North Carolina gemein haben. Aber: Der DFB-Tross kehrt nach dem ersten K.-o.-Spiel zurück.
Und wird das DFB-Team wirklich Weltmeister?
Das lässt sich diesmal wirklich nicht sagen. Aus dem einfachen Grund: Um eine Prognose zu wagen, müsste man wenigstens die ungefähren Umstände wissen. Es ist etwas kurios: Schon am Montag spielt die Nagelsmann-Elf in Boston das Sechzehntelfinale. Erst am späten Samstagabend (Ortszeit) weiß das DFB-Team überhaupt erst, wer auf der anderen Seite des Platzes stehen wird. Die größte Weltmeisterschaft bislang zieht auch den kompliziertesten Turnierbaum nach sich. Erst, wenn die Gruppenphase durch ist, stellt sich heraus, wer mit auf dem DFB-Ast wohnt. Das Scounting, erzählt Nagelsmann, schiebt am Samstag eine Nachtschicht ein - um am Sonntag dann der Mannschaft einen Matchplan zu präsentieren.



