Noch vor vier Wochen schien es ziemlich unwahrscheinlich, dass es im zweiten WM-Spiel diesen Moment geben würde. Da ließ sich nach der ersten Trinkpause bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft eine kurze Szene beobachten: Die beiden Torhüter Manuel Neuer und Oliver Baumann standen etwas abseits vom Rest des DFB-Teams, sie hielten ein kurzes Zwiegespräch. Baumann schien Neuer auf etwas hinzuweisen.
Der eine (Neuer) musste danach wieder aufs Feld, der andere (Baumann) wieder auf die Auswechselbank. Aber so eine kleine Sequenz muss Julian Nagelsmann etwas erleichtern: Sie sprechen tatsächlich miteinander. Der Bundestrainer bekommt so etwas wie eine Light-Version des Kahn-Lehmann-Moments bei der WM 2006. Als der Degradierte Oliver Kahn der Nummer eins Jens Lehmann vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien im Viertelfinale auch Mut zuspricht.
Nagelsmann hat damit Glück. Schließlich hatte er Baumann kurz vor dem Turnier relativ unelegant - zumindest in der öffentlichen Kommunikation - degradiert. Für den 36-Jährigen war es ein Schlag, das Verhältnis zu Nagelsmann hat obendrauf auch gelitten. Baumann sagte selbst, dass das Ganze "nicht so ganz cool" abgelaufen war. Mittlerweile sollen sich alle Seiten ausgesprochen haben.
"Manu" und die "Aura"
Eigentlich hatte Baumann nach seiner Degradierung zwei Optionen, beide komplett nachvollziehbar: Er hätte auf seinen Stolz pochen und das DFB-Team verlassen können. Schließlich war maßgeblich er es, der die Nationalelf durch eine ruckelige Qualifikation zur Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko geführt hatte.
Doch Baumann entschied sich für die zweite Möglichkeit: Trotz der Degradierung schloss er sich dem DFB-Reisetross zur WM an. Und das, ohne zu schmollen, ohne irgendwie schlechte Laune zu verbreiten - jedenfalls gibt es dafür keinerlei Indizien. Joshua Kimmich erzählte es im Quartier in Winston-Salem nebenbei in der vergangenen Woche. Der Kapitän hatte am freien Tag gemeinsam mit Baumann gefrühstückt. Und der Torwart soll ihm angeboten haben: "Wenn du jetzt noch Torschüsse machen willst, stelle ich mich rein."
Nagelsmann singt Lobeshymne auf Deniz Undav

Man könnte dem Kapitän unterstellen, dass er solche Anekdoten bewusst verbreitet. Dafür war sein restlicher Auftritt in der Pressekonferenz jedoch zu ehrlich. Er behauptete etwa nicht, dass die DFB-Elf schon eine große Familie sei, wo sich jeder liebt. Sondern erzählte, dass er und seine Kollegen gerade erst auf dem Weg dorthin seien. Und was Baumann angeht: Die Eindrücke gegen die Elfenbeinküste bestätigen das. Er jubelte, er feuerte an, er wedelte in der Schlussphase gegen die Elfenbeinküste wild mit den Armen - und all das von der Auswechselbank aus.
Und dafür sollte Baumann belohnt werden. Klar, es lässt sich ausführlich argumentieren, eine Fußball-Weltmeisterschaft ist der Gipfel des Leistungssports - kein Ort für irgendwelche Geschenke (so wie es Matthias Sammer eifrig getan hat). Aber die deutsche Nationalelf hat sich die luxuriöse Situation erspielt, dass es gegen Ecuador am Donnerstag (22 Uhr/Magenta, ARD und im ntv.de-Liveticker) zum letzten Mal die Möglichkeit für solche Gesten gibt.
Schließlich ist die DFB-Elf schon als Gruppenerster für die K.-o.-Runde qualifiziert. Das Spiel gegen Ecuador spielt für den weiteren Turnierverlauf keinerlei Rolle. Zudem hat Neuer nun schon zweimal bewiesen, dass der 40-Jährige auch ohne Spielpraxis funktioniert. Und wenn man den Vergleich mit 2006 bemüht: Kahn bekam sein Spiel zwar erst nach dem verlorenen Halbfinale gegen Italien, aber niemand kann prophezeien, dass man es diesmal bis ins Semifinale schafft (außer der magische Kanarienvogel Piro Piro aus Mexiko).
Nagelsmann ist mit der Rückholaktion von Neuer auch ein Risiko eingegangen. Niemand konnte seriös vorhersagen, ob der Bayern-Torwart rechtzeitig zum Turnierbeginn auch fit werde. Neuer sagte selbst, er hatte in dieser Saison einige "Vorverletzungen" schon erlitten. Der Bundestrainer drohte dafür seinen eigentlichen Stammtorwart Baumann zu verprellen, dazu ohne eine wirkliche sportliche Argumentation. Nagelsmanns Begründung war: "Der Manu" hat halt die "Aura", die habe er selbst nicht und auch nicht Baumann.
Und gleichzeitig hätte das Ecuador-Spiel für Baumann möglicherweise einen netten Nebeneffekt: Neuer brillierte beim FC Bayern in der Champions League gegen Real Madrid und PSG, während er die Spiele in der Bundesliga seinem potenziellen Nachfolger Jonas Urbig überließ. Nach dem Ecuador-Spiel beginnt die K.-o.-Runde. Die Pausen zwischen den Partien werden kürzer, die Reiserei nimmt zu. Das könnte auch für Neuer belastender sein.



