Lionel Messi schießt die Fußballwelt weiter erbarmungslos in Grund und Boden. Obwohl die argentinische Ikone das eigentlich gar nicht durfte. Erling Haaland ist bei der Weltmeisterschaft nicht aufzuhalten, Kylian Mbappé sowieso nicht. Und Englands Superstürmer Harry Kane nimmt eine Elfmeter-Wiederholung dankend an, um danach im "Wettballern" der Giganten vorne mitzumischen. Fehlt eigentlich nur noch einer: Cristiano Ronaldo.
Der Mann, der sich selbst für den größten Fußballer aller Zeiten hält, der Naturgesetze außer Kraft gesetzt hatte. Der beim Fallrückzieher einst höher sprang als jeder andere Spieler zuvor. Der Mann, der seinen Herzschlag beim Elfmeter so runterkühlen konnte, dass er in großen Momenten die Ruhe selbst war. Am Mittwoch betrat er die WM-Bühne - als letzter Gigant. Und verließ diese nach dem Remis gegen DR Kongo (1:1) als verzwergter Riese. "Wir wissen, dass er nicht mehr derselbe ist wie früher. Er ist ein bisschen älter jetzt", befand Mittelfeldspieler Ngal Ayel Mukau, eine besondere Manndeckung habe es "nicht wirklich" gebraucht. Au, weia.
Kein Schuss aufs Tor
Das erste WM-Spiel lief an Ronaldo vorbei. Er brachte keinen Schuss aufs Tor. Er brachte kein Dribbling durch und spielte nicht einen einzigen Schlüsselpass. Er hatte sogar deutlich weniger Ballkontakte (25) als der kongolesische Torhüter Lionel Mpasi-Nzau (35). Während die heimischen Medien die Legende zerrissen - "das Team war seinem Vertrauen in Ronaldo ausgeliefert", klagte etwa die Zeitung "Público" - schwieg der schwer angekratzte Ronaldo. Im Schutze seiner Teamkollegen schlich er sich aus dem Stadion, winkte alle Interviewanfragen weg.
Schwacher Ronaldo verzweifelt an Kongo-Abwehr

Was er zu sagen hatte, war ohnehin belanglos. In den sozialen Medien schrieb er: "Es war nicht der Start, den wir wollten, aber das ist noch lange nicht zu Ende. Kopf hoch und Fokus auf das nächste Spiel." In fünf Tagen wartet WM-Neuling Usbekistan. Und Portugal beschäftigt eine Frage. Und zwar nicht jene, ob dieses Spiel gewonnen wird oder nicht. Das Selbstverständnis der Startruppe ist zu groß für solche Banalitäten. Portugal quält die Frage, ob der Superstar dieser Mannschaft wirklich noch hilft? Und wenn ja, dann wirklich als echter Neuner?
Aber Ronaldo abschreiben? Dieser Fehler wurde seit seinem Wechsel in die luxuriöse Bedeutungslosigkeit schon zu oft gemacht. Auch in Saudi-Arabien reüssierte der Superstar weiter. Wenn auch nicht mehr als Titelhamster. In 142 Spielen für Al-Nassr erzielte er 147 Scorerpunkte. Für sein Land glänzte er im Sommer 2025 beim Finalturnier der Nations League. Deutschland warf er im Halbfinale mit seinem Siegtreffer raus, im Finale erzielte er das 2:2 gegen Spanien, was Portugal in die Verlängerung verhalf. Im Elfmeterschießen gewann die Selecao.
Als Fremdkörper als Zielspieler
Aber es ist eben auch so. Auf den größten Bühnen klappt es für Ronaldo nicht mehr. Sein letztes Tor bei einem wichtigen Turnier liegt schon zehn Spiele und 802 Minuten zurück. Im Auftaktspiel der WM 2022 in Katar traf Ronaldo per Elfmeter, im weiteren Turnierverlauf und auch bei der EM 2024 in Deutschland warteten Millionen von "CR7"-Fans vergeblich auf weitere Treffer. Dabei bespielt Ronaldo die zentrale Position im Sturm und lauert auf die Zuspiele seiner Kollegen. Große Laufarbeit leistet der mehrfache Weltfußballer nicht mehr. Zum Teil wirkte eher wie ein Fremdkörper als der Zielspieler schlechthin. Das hemmt die Kreativität der Offensive. Denn Ronaldo ist qua Aura und Weltstatus immer eine Option. Er selbst würde daran ohnehin nie einen Zweifel lassen.
Kongos Traum-Kopfball bringt Portugal ins Wanken

Das Mittelfeld der Portugiesen mit den Paris-Spielern Vitinha und João Neves gehört zu den besten der Welt - und lebt vor allem auch von einem temporeichen Kombinationsspiel. Ein aktiverer Stürmer, der überall anspielbar ist - wie etwa Englands Harry Kane oder PSG-Profi Ousmane Dembélé - käme dem Spiel mehr entgegen. Und dann ist da noch der gelebte Eigensinn des "GOAT". In der 68. Spielminute vergab Ronaldo nach einem Querpass von der rechten Seite aus rund zehn Metern die Chance auf das 2:1. Ein Blick auf die Wiederholung zeigt: Bruno Fernandes war hinter ihm besser positioniert. Das brachte Thierry Henry, einst auch ein Superstürmer, in Wallung.
"Für alle Leute zu Hause, eine Sache ist ganz wichtig", sagte der frühere Torjäger Henry in seiner Rolle als TV-Experte bei Fox: "Die Mannschaft muss treffen, nicht Du musst treffen." Laut Henry verweigert "CR7" wichtige Laufwege, die seine Mitspieler in gute Abschlusspositionen bringen würden, weil er selbst treffen will. Das belegte er mit einer Szene aus Minute 68: "Weil er ein Tor machen möchte, steht er Bruno Fernandes im Weg."
Ronaldo ist längst zum großen Gegenentwurf zu Kane geworden. Der beste Fußballer der Welt, der (bisher) nie als solcher ausgezeichnet wurde. Kane trifft nicht nur aberwitzig oft, er ist auch Englands Sherpa. Er schultert alle Aufgaben. Er blockt Bälle im eigenen Strafraum, er grätscht, kämpft, fliegt, öffnet das Spiel mit Sensationspässen, vor allem beim FC Bayern. Kane ist der neue Superheld im Fußball, obwohl auch schon 32 Jahre alt. Aber endlich erlöst vom ewigen Titelfluch wird er besser und besser. Er ist die Benchmark. Das Monster Haaland kann da noch mithalten, der sagenhaft schnelle Mbappé und Messi, der Algerien im Alleingang fix und fertig machte, obwohl er zuvor hätte Rot sehen müssen. Nach einem fliegenden Tritt gegen die Wade seines Gegenspielers.
Ronaldo bleibt die "heilige Kuh"
Ronaldo kann da nur zuschauen. Unfassbar viele Rekord hat der Mann gebrochen. Dass er in der WM-Historie der besten Torschützen aller Zeiten aber noch einen prominenten Platz einnehmen wird, ist quasi ausgeschlossen. Auf Platz 31 liegt er gerade mal, mit acht Toren. Messi hat sich gerade erst Miroslav Klose geschnappt (beide 16) und muss Mbappé fürchten (14). Möglich, dass Ronaldo gegen Usbekistan mal wieder trifft. Trotz Abdukodir Khusano, dem hochtalentierten Innenverteidiger von Manchester City.
Unmöglich dagegen scheint, dass er in diesem Spiel nicht mitmacht. Ronaldo bleibt trotz aller Argumente gegen sich eine heilige Kuh. Vielleicht auch, weil der sonst so brillante Kader keine echte Alternative hergibt. Goncalo Ramos von PSG könnte einspringen, aber eine gute Saison hat er für die Franzosen nicht gespielt. Rafael Leao und Joao Felix wären noch Optionen, allerdings auch eher Kompromisslösungen als Aufdringlichkeiten. Bleibt Ronaldo also die zentrale Figur? Trainer Roberto Martínez lässt keine Zweifel zu: "In einem Spiel wie heute, in dem es so schwer war, in den Strafraum zu kommen, ist es wichtig, Cristianos Qualitäten zu nutzen. Es macht keinen Sinn, den besten Torschützen der Fußballgeschichte in einem Spiel auszuwechseln, in dem wir Tore brauchen. Seine Erfahrung im Strafraum ist wichtig, die Art, wie er die Verteidiger auf sich zieht … jeder Spieler hat seine Rolle auf dem Platz, und wenn wir Tore erzielen wollen, brauchen wir Cristiano auf dem Feld."
Nur erzielt der eben keine (WM)-Tore mehr. "Die historische Bürde, Cristiano Ronaldo in guten wie in schlechten Zeiten auf dem Platz zu halten, lastet schwer auf ihnen. Und das hilft sicherlich nicht", schrieb die spanische "Marca".
