"Unwiderstehliche Franzosen"

Senegals penetranter Aufstand provoziert Franzosen-Gala

imageVon Roland Peters, East Rutherford
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21.06.2026 | 15:16 Uhr
Kurz vor der WM müssen sich die Franzosen in einem Testspiel geschlagen geben. Wie stark ist der Topfavorit auf den Titel wirklich? Senegal provoziert den Vizeweltmeister eine Halbzeit lang, geht fast in Führung. Doch dann nimmt Bayerns Michael Olise die Fäden in die Hand.

Kylian Mbappé will kaum etwas gelingen. Der französische Superstürmer vertändelt den Ball ein weiteres Mal, dieses Mal hat es Folgen. Der Senegalese El Hadji Diouf spielt einen Steilpass über links auf Noch-Bayern-Stürmer Nicolas Jackson, der rennt samt Ball wie der Wind, schießt aus dem Laufduell gegen Vereinskollege Dayot Upamecano flach auf die kurze Ecke. Aber vom Pfosten prallt der Ball an die Hacke (!) des geschlagenen Mike Maignan und von dort ganz knapp ins Toraus.

Die Szene ist symptomatisch für die erste Hälfte des Duells von WM-Topfavorit Frankreich gegen den Senegal. Die zweite Hälfte sieht komplett anders aus, das Endergebnis 3:1 (0:0) wird eine Warnung für die restlichen Turnierteilnehmer. Die Équipe Tricolore kann offenbar einen Gang höher schalten, wenn sie möchte - und das westafrikanische Topteam nicht. Diese Erkenntnis ist auch für Deutschland wichtig: Gewinnt die DFB-Elf ihre Gruppe und Frankreich marschiert ebenso souverän durch, könnten die Rivalen bereits im Achtelfinale aufeinandertreffen. Und Kimmich und Co. sich auf was gefasst machen.

Wenn man nach der Meinung vieler Experten geht, gibt es einen Topfavoriten unter den Topfavoriten bei dieser Fußball-WM: Frankreich. Nationalcoach Didier Deschamps hat schließlich einen Superstar-Kader um seine Superstar-Elf. Die Dominanz der Grande Nation zeigt sich sogar darüber hinaus: nach Geburtsort hat kein Land so viele Spieler bei dieser WM, über mehrere Nationalmannschaften verteilt: 98 sind es, allein im senegalesischen Kader 10. Frankreich und seine ehemalige Kolonie sind auch 66 Jahre nach ihrer politischen Unabhängigkeit fußballerisch noch eng verzahnt.

Star-Angriffsreihe ohne Zugriff

Senegals Nationaltrainer Pape Thiaw hatte seine Mannschaft vorher als "ehrgeizigen Außenseiter" bezeichnet. Seinen Kader verjüngte er gegenüber der WM 2022 in Katar. "Ich möchte eine Mannschaft sehen, die ohne die Last der Vergangenheit spielt - ich habe mich für ein schnelleres und jüngeres Profil entschieden", so Thiaw. Sechs Spieler des Kaders hatten zum Turnierstart weniger als zehn Länderspieleinsätze auf dem Konto. Das Team kam mit enormem Schwung in die USA, qualifizierte sich ohne Niederlage und bekam seinen vermeintlichen Afrika-Cup-Titel nachträglich aberkannt. Die letzte vorherige Pflichtspielniederlage stammte aus einem Elfmeterschießen.

Das zeigt sich in der ersten Halbzeit deutlich. Die Partie findet hauptsächlich im Mittelfeld statt, Frankreich schafft es überhaupt nicht, Senegal mit ihrer Star-Angriffsreihe aus Michael Olise von den Bayern, Mbappé von Real Madrid, Ousmane Dembélé und Désiré Doué von Paris St. Germain einzuschnüren oder zu überfallen. Stattdessen versuchen sie es zunächst mit Steilpässen, die aber zu nichts führen - Mbappé hängt praktisch in der Luft, mehrfache Stockfehler machen mögliche Chancen zunichte.

Die Franzosen auf den Rängen wirken geradezu gelangweilt, nur hinter dem Banner von Irrésistibles Français ist etwas Bewegung. "Unwiderstehliche Franzosen" ist das Pendant zum deutschen Fanklub Nationalmannschaft. Das Stadion ist mit rund 80.000 Zuschauern fast komplett gefüllt, senegalesische Fans deutlich in der Unterzahl, die Feierlaune außer einer kurzen Langeweile-La-Ola entsprechend begrenzt.

Senegal mit Auge und Ideen

Vor dem Turnier kamen leichte Zweifel an der französischen Form auf: Didier Deschamps' Mannen verloren ihr Testspiel gegen die Elfenbeinküste 1:2. Les Bleus waren zwar überlegen, aber die Tore schossen die Westafrikaner. Dieses Schicksal hätte die Franzosen auch an diesem Nachmittag im Bundesstaat New Jersey ereilen können. Als Titelverteidiger hatten sie bei der WM 2002 ihr erstes Spiel gegen Senegal sogar 0:1 verloren. Die Teranga-Löwen erreichten damals das Viertelfinale, es war ihr bestes Turnierergebnis überhaupt. Vor vier Jahren schieden sie im Achtelfinale von Katar deutlich gegen England aus.

Nach Jacksons Ausrufezeichen am Pfosten pfeift der iranische Schiedsrichter zur Trinkpause, der Rasen wird schnell gewässert, es bilden sich Regenbogenfarben. Die Senegalesen bilden sofort einen engen Kreis, Thiaw gibt seiner Mannschaft intensiv Anweisungen. Deschamps erklärt daneben ebenfalls etwas seiner Elf, aber wesentlich knapper. Es ändert sich kaum etwas auf dem Feld. Senegal bleibt mutiger, Frankreich fällt nicht viel ein und ist ungenauer.

Der Unparteiische lässt sehr viel laufen, was die Partie im Vergleich zur VAR-Elfmeter-Apokalypse bei der WM 2022 angenehm flüssig macht. Beschwerden werden ignoriert. In der 40. Minute etwa schlängelt sich Ismaïla Sarr zwischen zwei Franzosen an der Mittellinie durch, läuft frei über rechts durch, zieht in die Mitte und wird gelegt - Vorteil, sagt der Schiedsrichter, da der Ball seinen Empfänger an der Strafraumgrenze findet, der auch abschließt.

Senegal verteidigt mit Auge, fängt manchen Pass ab, mehrmals landen zu steile Pässe bei Torwart Edouard Mendy. Einmal versucht es Jules Koundé vom FC Barcelona mit einer Flanke, aber die fliegt über Mbappé hinweg ins gegenüberliegende Seitenaus. Die beste Chance der Franzosen ist ein gefährlicher Knie-Abpraller des unbedrängten senegalesischen Verteidigers Kalidou Koulibaly aus fünf Metern, der ins Toraus geht.

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In die Halbzeit gerumpelt

In der Nachspielzeit der ersten Hälfte setzt sich Senegals Sadio Mané im Strafraum spielend einfach durch, passt in die Mitte, wo Sarr versucht, den halbhohen Ball mit der rechten Fußinnenseite volley ins Tor zu bugsieren. Er setzt ihn drüber. Frankreich rumpelt sich mit einem Torwahrscheinlichkeitswert alias xG von 0,02 in die Pause. Senegals Trainer Thiaw wird später sagen: Wir hätten zur Halbzeit 2:0 führen können, aber Frankreich war effizienter. "Wir wurden mit Kontern bestraft."

Die kommen wegen der Umstellung der Franzosen mit immer größerer Präzision. Schnell wird klar, Deschamps hat in der Kabine Konsequenzen gezogen, Olise in die Mitte und von dort Dembélé auf dessen vorherige Position rechts gesetzt. Doch es geht los mit Doué, der von der Strafraumkante knapp links vorbeischießt. Ein paar Minuten später läuft Olise durch, kann aber Mendys nachgezogenes Bein nicht bezwingen.

Jackson versucht es auf der Gegenseite erneut, wird von Bayern-Kollege Upamecano abgekocht. Beim nächsten Angriff kommt der Senegalese knapp nicht an eine Flanke heran. Die Partie ist jetzt viel offener, Frankreich ist richtig griffig, immer überlegener. Im Zentrum lässt Adrien Rabiot hinter Olise mit aller Ruhe die gegnerischen Spieler an sich abprallen.

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Der Bayern-Flügelwirbler ist im Zentrum eine wahre Waffe. Olise spielt auf Mbappé, der zunächst zentral an Mendy scheitert. Der Torwart ist nun klar der stärkste der Löwen. Doué von links, wieder rettet Mendy in höchster Not. Mbappé rast vom rechten Flügel in den Strafraum, Mané packt in voller Geschwindigkeit die Grätsche aus, der Franzose liegt auf dem Bauch, der Ball im Toraus. Praktisch das komplette Stadion erwartet einen Elfmeter, ist aber entsetzt: Ecke, insistiert der Unparteiische Alireza Faghani mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er nie eine einfachere Entscheidung getroffen.

Der VAR meldet sich, Faghani geht an den Bildschirm, die Pressetribüne meint: Jetzt gibt er ihn. Doch nach mehreren Minuten heißt es: nichts da, weiter mit Torabstoß. Neben dem Foul war auf den Bildern noch etwas zu erkennen: Mbappé hatte den Ball zuletzt berührt. Nach den neuen Regeln kann auch eine Eckenentscheidung mit VAR-Hilfe revidiert werden. Es ist ein Geschenk für Senegal, aber nur ein Gnadenaufschub. Nachdem Mbappé einen weiteren Pass Olises nicht verwandeln kann, ist es in der 66. Minute so weit: Olise, Mbappé, an Mendy vorbeigelegt, Tor. Der französische Stürmer ist nun mit Frankreichs bisherigem Rekordschützen Olivier Giroud gleichgezogen, 57 Tore im Nationaltrikot.

Mbappé kontert spektakulär

Die Versuche Senegals sind nun deutlich schwächer. Jackson erzielt ein Abseitstor, danach flankt Diouf auf ihn, er setzt den Ball knapp drüber. Frankreich bleibt dominant, in der 82. Minute läuft Rabiot mit dem Ball durchs halb verwaiste Mittelfeld, wartet, wartet, wartet, und spielt messerscharf und diagonal auf den kurz zuvor eingewechselten Bradley Barcola, der die Kugel über Mendy lupft. Jetzt zweifeln auch die Fans auf den Rängen hörbar nicht mehr, hüpfen und singen: Dieses Frankreich wollten sie sehen.

In die Jubelstimmung der angebrochenen Nachspielzeit hinein sticht zunächst der ebenfalls eingewechselte 19-jährige Senegalese Ibrahim Mbaye, der per Blitzhüftwackler über die rechte Seite durchbricht und den bunten Ball aus kurzer Distanz einfach ins Netz knallt. Es steht plötzlich 1:2.

Die Franzosen bleiben unbeirrt. Aus 30 Metern zieht Mbappé ab - und Mendy ist einen Tick zu langsam mit der Hand oben, das Standortbestimmungsspiel vorbei. Mbappé hat sich zu Frankreichs Rekordtorschützen gekrönt, Olise eine grandiose zweite Halbzeit abgeliefert. Frankreich ist Titelfavorit, so viel ist deutlich. In der zweiten Halbzeit waren sie tatsächlich die "unwiderstehlichen Franzosen". Und der Senegal? "Wir holen die anderen sechs Punkte", meint Trainer Thiaw trotzig.

Verwendete Quelle: ntv.de