Regenschlacht im Aztekenstadion

Thomas Tuchel stürmt im Jahrhundertspiel in die Herzen Englands

Stephan-UersfeldVon Stephan Uersfeld, Mexiko-Stadt
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06.07.2026 | 07:24 Uhr
Was für ein Spiel. England besiegt Mexiko im WM-Achtelfinale mit 3:2. Mit zehn Mann wehren sie sich gegen das Ausscheiden und lassen ein ganzes Land verstummen. Dafür entschuldigt sich Tuchel.

Am Tag, an dem die FIFA den Fußball mit der Aussetzung der Sperre des US-Spielers Folarin Balogun an den Rand des Abgrunds bringt, schlägt dieser erbarmungslos zurück. Niemand kann den Fußball zerstören. Diesen Beweis tritt das WM-Achtelfinale zwischen Co-Gastgeber Mexiko und England an.

Mexiko verabschiedet sich dabei von der Fußball-WM 2026. Thomas Tuchels England zieht nach einem Jahrhundertspiel mit einem 3:2 (2:1) ins Viertelfinale gegen Norwegen ein. An diesem Sonntagabend im Aztekenstadion ereignet sich Fußball-Geschichte. Das aufgrund eines Unwetters über der Stadt mit einer Stunde Verzögerung angepfiffene Spiel zuckt bis in die letzten Sekunden. Es ist kaum auszuhalten.

"Wenn ein Team Herz und Glauben hat, dann ist es dieses Team. Ein legendäres Match in einem legendären Stadion", sagt Tuchel nach dem Spiel. "Wir haben heute so viele Widrigkeiten überwunden. Wir haben uns geweigert, aufzugeben, in einer Art und Weise, die absolut bewundernswert ist."

Aztekenstadion löst alle seine Versprechen ein

Für England trifft Jude Bellingham mit einem Doppelpack (36./38.) und Harry Kane mit einem Elfmeter (60.), Julián Quiñones (42.) und Raúl Jiménez (Elfmeter, 69.) lassen das Feuer für Mexiko brennen. Englands Jarell Quansah sieht nach einer eingesprungenen Blutgrätsche in der 54. Minute die Rote Karte. Bei den Feierlichkeiten nach dem Spiel stürzt der englische Ersatzspieler Jordan Henderson schwer und bricht sich wohl das Handgelenk. "Es sieht nicht gut aus", sagt Tuchel.

Der magische Ort des Weltfußballs löst all seine Versprechen ein. Immer wieder fliegen Biere, Nachos und manchmal auch Schuhe durch die Luft. Der Jubel bei den Treffern der Mexikaner ist unendlich, der Schmerz nach dem Abpfiff des australisch-iranischen Schiedsrichters Alireza Faghani unüberhörbar. Für einen Moment herrscht absolute Stille, nur die Gesänge der wenigen englischen Fans sind zu hören. Die Spieler beider Mannschaften brechen zusammen. Überwältigt. Erschöpft. Der Abend hat ihnen zugesetzt. Das letzte WM-Spiel in Mexiko bekommt eine beinahe mythische Bedeutung.

Kane bricht nach irrem WM-Krimi komplett die Stimme weg

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"Es fühlt sich an wie ein Finale. Es hat sich nie wie ein Achtelfinale angefühlt. Eine heroische Leistung einer heroischen Mannschaft", sagt Tuchel, der sich immer wieder schockverliebt zeigt. Mexiko hat es ihm angetan. Immer wieder huldigt er den Gegnern, den leidenschaftlichen Fans, der unglaublichen Begeisterung. "Eine unglaubliche Mannschaft in einem unglaublichen Stadion. Eigentlich müssten wir uns entschuldigen, dass Mexiko raus ist." Dafür kann sich der Co-Gastgeber nichts kaufen.

Eine der größten WM-Schlachten der Geschichte

Mexiko blutet das Herz. Es reicht nicht. Trotz alledem. Trotz Roter Karte für England, trotz VAR-Glück und trotz des fanatischen Stadions im Rücken. Es ist vorbei. Sie kennen nur die Hitze. Daran scheitern sie in diesem Spiel, das als eine der großen WM-Schlachten in die Geschichte eingehen wird.

Über eine halbe Stunde lang gibt es nur einen Weg. Flanke über Flanke fliegt in den letzten 30 Minuten plus den elf Minuten Nachspielzeit in den englischen Strafraum. Immer ist da ein Bein, immer ist da die Faust des alles überragenden englischen Torhüters Jordan Pickford.

Englands Trainer Tuchel verwandelt die Three Lions in einen Eisberg. Bereits vor dem Spiel legt er den Fokus allein auf das Sportliche, er spricht über den Tunnel, in dem sich seine Mannschaft befindet. Aus diesem gibt es kein Entkommen. All das Geplänkel im Vorfeld macht ihnen nichts. Die Höhe, die Belagerung des Teamhotels, die Last der Geschichte? Nicht mit Tuchel. Sie sind hier, um ein Fußballspiel zu gewinnen. Sie sind hier, um Geschichte zu schreiben.

In diesen insgesamt 106 epochalen Minuten sind die Three Lions eiskalt, fokussiert, klar. Sie überwinden alle Widerstände. An ihnen prallt alles ab. Erbarmungslos verteidigen sie ihren Strafraum, mit schnellen Angriffen überfallen sie ihren Gegner. Schlagen zu. Mexiko ist machtlos. Egal, wo sie sind: Ein englischer Spieler ist schon da. "Das dritte Tor hat uns getötet", sagt Mexikos Trainer Javier Aguirre nach dem Spiel.

Die Three Lions lassen sich nicht von 80.000 Mexikanern, nicht von quälend langen Verzögerungen vor dem Spiel und nicht von ihren eigenen Emotionen überwältigen. Was im Stadion passiert, bekommen sie mit. Bellingham ist überwältigt von der Atmosphäre. "Die beste, die ich je in einem Länderspiel erlebt habe", sagt er. England aber macht das nichts aus. Anfangs ziehen sie Mexiko in ihren besten Momenten auf eine sachliche Ebene. Und als das nicht mehr geht, stellen sie um.

Es beginnt harmlos

Sie werfen sich in die Zweikämpfe, lassen alles auf dem Platz, der nicht ihrer sein sollte. Die Three Lions bezwingen die Brutalismus-Bestie mit ihren Bewohnern im Süden der mexikanischen Hauptstadt. Ab der 35. Minute geht es los. Alles davor ist Geplänkel. Danach ist alles Spektakel. Der Doppelpack von Bellingham wird von Quiñones beantwortet. Die zweite Halbzeit bringt eine Rote Karte für Jarell Quansah, zwei Elfmeter und ganz viel Anrennen - und am Ende Verzweiflung.

"Wir haben unseren Strafraum eiskalt mit zehn Mann verteidigt", sagt Bellingham. "Es waren Momente des höchsten Drucks. Früher wäre England zusammengebrochen. Ich habe das als kleiner Fan im Fernsehen gesehen."

Alles beginnt harmlos. Die ersten 35 Minuten hat Mexiko den Ball, kommt zu einer guten Chance, Pickford kratzt einen spektakulären Flugkopfball von Raúl Jiménez zur Ecke. Ansonsten passiert wenig. Jeder Ballkontakt der Engländer wird im Rund mit großem Missfallen begleitet. Dazu gibt es selten die Gelegenheit. Tuchel hat seinem Team Defensive und Kontrolle verordnet. Früh wehren sie sich körperlich. In der ersten Minute sieht Declan Rice Gelb, wenig später markiert auch Kane sein Revier.

Bundesliga-Star rauscht mit gestrecktem Bein in Gegenspieler

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Dann, nach quälend langem Ballbesitz der Mexikaner, nach einem Chip hinter die englische Abwehr, beginnt das Drama. Pickford fängt den Ball ab, bringt ihn zu Rice, der mit mächtigen Schritten marschiert, auf Bukayo Saka auf der rechten Seite spielt. In der Mitte wirbelt ein Lauf von Bellingham die Abwehr der Mexikaner durcheinander.

Bei der Flanke steht Bellingham frei, er fliegt mit dem Kopf zum Ball - und dieser ins Tor. Keeper Raúl Rangel kann nichts machen, zwei Minuten später ist er wieder ohne Chance. Diesmal grätscht Bellingham in eine Hereingabe von Kane. Quiñones trifft kurz vor der Pause .Das Stadion explodiert, es gibt kein Halten mehr. "Was ist, wenn es doch passiert?", rufen die Zuschauer ohrenbetäubend.

Zweite Hälfte wird zum Fiebertraum - Kane ohne Stimme

Mexiko vergibt bereits vorher eine Fülle von besten Chancen. Angreifer Jiménez leistet sich ein Privatduell mit Englands Torhüter Pickford. Die bisherige WM-Schwachstelle der Three Lions zeigt sich von der wilden Stimmung in Mexiko-Stadt unbeeindruckt. Er ist da, wie auch Bellingham, der mit einer Monstergrätsche den Ausgleich durch César Montes verhindert.

Die zweite Halbzeit ist ein einziger Fiebertraum. Die frühe Rote Karte. Der Elfmeter der Engländer. Kanes Jubel an der Eckfahne, sein Foul wenige Minuten später. Der VAR hat es gesehen, Jiménez trifft und richtet seinen Finger in Richtung Himmel - Erinnerungen an seinen verstorbenen Vater. Es spielt nur noch eine Mannschaft. Es reicht nicht. Es ist vorbei. Die Erschöpfung der Engländer ist unendlich. Kane muss ausgewechselt werden - trotz eines immer noch möglichen Elfmeterschießens. Er kann nicht mehr. Am Ende jedoch ist da nur noch Jubel für England und Trauer auf der Seite der Mexikaner. "Alles war heute gegen uns, wir haben es trotzdem geschafft", sagt ein vollkommen überwältigter Kane bei der BBC. Er ist kaum zu verstehen. "Ich habe zu viel gesungen", sagt er und zeigt auf die England-Fans.

Zum Ende seiner Pressekonferenz dreht sich wieder alles in Richtung FIFA. Tuchel redet über Quansahs Rote Karte, redet über die zurückgenommene Sperre Baloguns. "Wo startet es und wo stoppt es? Wir wollen nur Konsistenz in den Entscheidungen. Mehr wollen wir nicht. Wo endet das?" Bei Donald Trump, fragt einer. "Das ist ein guter Ausgangspunkt", antwortet Tuchel.

Es sind diese Antworten, die einen komplett veränderten Trainer zeigen. Der Sieg Englands ist auch ein Sieg Tuchels. Der aus Deutschland beinahe Hals über Kopf geflüchtete Trainer hat seine Heimat gefunden. Er verdreht mit seinen Worten einer ganzen Nation den Kopf, flößt ihnen massenweise Selbstvertrauen ein und wirkt dabei wie ein Elder Statesman. Tuchel kann alles erklären. Tuchel kann sein Team schützen. Tuchel kann alles von ihnen fernhalten, und er bringt sie immer näher an den Punkt, an dem 60 Jahre Schmerz sterben.

Der Fußball hat sich an diesem Sonntag im Aztekenstadion erneut gegen all die Eingriffe gewehrt. Die Regenschlacht zwischen Mexiko und England reiht sich ein in die lange Liste der Jahrhundertspiele in der Heimat des Fußballs.

Verwendete Quelle: ntv.de