Er hat es also getan. US-Präsident Donald J. Trump hat zum (roten) Telefon gegriffen und FIFA-Boss Gianni Infantino angerufen, damit der Weltverband die Rotsperre von US-Torjäger Folarin Balogun für das Achtelfinale gegen Belgien am besten aufhebt. Der Skandal ist damit nicht nur perfekt - er wird von Trump vor aller Augen Welt schamlos inszeniert. "Ich habe um eine Überprüfung gebeten, weil ich nicht dachte, dass es ein Foul war", prahlte Trump vor Reportern im Weißen Haus und fügte an: "Alles, was ich getan habe, war, um eine Überprüfung zu bitten. Ich habe nicht gesagt, ihr müsst das tun." Der 80-Jährige gab sich für seine Verhältnisse geradezu zahm. Die Botschaft ist indes eine ganz andere: Seht her, ich bin der mächtigste Mann der Welt und wenn ich will, dass eine Rote Karte nicht mehr Rot ist, dann ist sie nicht mehr Rot.
Um es klarzustellen: Donald Trump ist hier nicht das vorderste Problem. Donald Trump tut, was er immer tut, seit er im Weißen Haus sitzt. Er holt den Dampfhammer raus, droht, poltert, zockt und feiert sich schließlich. Jetzt hat er auch im Fußball einen "Deal" für "seine" USA herausgeholt, das Team vor dem Duell mit den ob der FIFA-Revision fassungslosen Belgiern wieder greater gemacht. Schließlich ist Balogun mit drei Toren der beste Schütze der Amerikaner im laufenden Turnier.
Tumult um Rote Karte: "Jetzt ist Trump da"

Europa müsste der XXL-WM den Stecker ziehen
Das Problem hat einen anderen Namen: Gianni Infantino. Der FIFA-Präsident mag sich als Sonnenkönig gerieren. Als Gerechten aller Völker. Als wortgewandter Zirkusdirektor, der natürlich betont, die FIFA-Disziplinarkommission, die Baloguns Sperre zur Bewährung ausgesetzt hat, sei "unabhängig". Wie überhaupt alle FIFA-Organe. Eine Einflussnahme Trump? Hat es selbstverständlich nicht gegeben.
In Wahrheit aber ist Infantino eine Marionette Trumps - das zeigt die Farce um die Sperre des amerikanischen Stürmers überdeutlich. Der Chef des Fußball-Weltverbandes darf aber keine Marionette sein. Wenn er schon kein moralischer Saubermann ist, sondern der typische FIFA-"Politiker", hätte man von Infantino erwarten dürfen, dass er seinen Kumpel Donald freundlich, aber bestimmt daran erinnert, was eine Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters ist. Dass ein Anruf aus dem Weißen Haus eine solche nicht mal eben umstoßen kann. Stattdessen verantwortet Infantino nun den wohl größten Skandal der WM-Geschichte. Der Präsident eines Landes - noch dazu des Mitgastgebers - mischt sich in den Turnierverlauf ein, beschert seinem Nationalteam einen Vorteil. Es ist ungeheuerlich. So ungeheuerlich, dass Europa dem XXL-Turnier jetzt eigentlich den Stecker ziehen müsste.
Belgien sollte den Spieß sofort umdrehen und in Trumpscher Pistole-auf-die Brust-Manier mit Boykott des Achtelfinales drohen. Ein Nichtantritt wäre eine ultimative Blamage für das Duo Trump/Infantino und ihre Hochglanz-WM. Außerdem sollten die Belgier den Schulterschluss mit den Schwergewichten England, Frankreich, Spanien und Portugal suchen, auch mit Norwegen und der Schweiz. Mit voller Unterstützung des Dachverbandes UEFA. In einer gemeinsamen Erklärung müsste stehen: Wir ziehen unsere Mannschaften sofort aus dem Wettbewerb zurück, wenn die FIFA ihre willkürliche, die eigenen Statuten und hehren Versprechen verletzende Aussetzung der Strafe nach der Roten Karte nicht umgehend rückgängig macht.
Balogun-Affäre "könnte richtig Druck geben für Infantino"

Wem gehört der Fußball?
Das mag naiv klingen, auf den ersten Blick unrealistisch, gar abwegig. Aber: Geht es im Zeitalter des Trumpismus überhaupt anders? Noch ist Europa eine Weltmacht - im Fußball jedenfalls. Was wäre die WM ohne die Superstars vom alten Kontinent? Nicht gar nichts. Aber ganz bedeutend weniger. Zugegeben: Es ist eine Menge etwa von den Engländern einzufordern, dass sie sich jetzt in ein politisches Gefecht stürzen. Gerade erst haben die Three Lions Mexiko in einer epischen Regenschlacht niedergerungen. Football is coming home? Das Mutterland des Fußballs hofft auf Erlösung, den ersten Titel seit 1966. Aber es geht jetzt um mehr: um den Fußball selbst. Und um die Frage, wem dieses Spiel gehört. Der Welt? Oder Trump und Infantino?
Gianni Infantino ist ein Alleinherrscher. Einer, ganz nach dem Geschmack von Trump. Einer, mit dem man "reden" kann. Fußball-Europa muss diesen unerhörten Machenschaften ein Ende setzen, die Alleinherrschaft Infantinos beenden, den Schweizer auf das Normalmaß eines FIFA-Präsidenten zurückstutzen. Bestimmt gibt es selbst in der FIFA Funktionäre, die angesichts des Skandals entsetzt sind. Sie muss Europa jetzt ansprechen: Soll es mit dem Fußball-Weltverband wirklich so weitergehen? Wo soll das alles noch hinführen? Wer ruft als nächstes an?
Sollte es bei der Aufhebung der Sperre bleiben und Belgien ausscheiden, steht den Roten Teufeln Experten zufolge der Gang zum internationalen Sportgerichtshof offen. So weit darf es nicht kommen. Es ist an der Zeit, etwas zu unternehmen.


