Da saß Thomas Tuchel nun im Keller der gigantischen Arena in Dallas, wenige Stunden vor seinem ersten WM-Spiel als Trainer der englischen Nationalmannschaft. In Dallas geht es am heutigen Mittwoch gegen Kroatien. Kurz vorher war Tuchel mit einer Highway-Police-Eskorte gemeinsam mit seinem Kapitän Harry Kane in einem unscheinbaren Kleinbus aus Dallas ostwärts gebracht worden. Jetzt sprach er über seine Dankbarkeit, eben genau hier sein zu dürfen.
"Es ist die größte Bühne, das größte Turnier. Hier sind die größten Spieler der Welt. Ich bin einfach nur dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, hier zu sein", sagte er und bedankte sich bei allen, die ihm das ermöglicht hatten. "Ich bin dankbar, der Trainer von England zu sein. Wir träumen. Das Turnier startet morgen."
"Verbindung zur Fußballkultur"
Ganz England träumt. In dem kargen Raum in der Arena der Dallas Cowboys soll nun das beginnen, was England erlösen und Tuchel am Ende in die Geschichtsbücher bringen soll. Der 52-jährige Deutsche ist nach Fabio Capello und Sven-Göran Eriksson erst der dritte nicht-britische Trainer der Three Lions. Er hat große Hoffnungen, und das hat auch mit seiner Sucht nach der Masse zu tun - der Sucht danach, die Menschen glücklich zu machen.
"Ganz früh schon habe ich diese Verbindung zur Fußballkultur in England gespürt", sagte er gegen Ende seiner Pressekonferenz. Tuchel war im Januar 2021, inmitten der Pandemie, zum englischen Nobelklub Chelsea FC gewechselt. Er hatte nur wenig später einigermaßen sensationell im Finale gegen Manchester City mit Timo Werner und Kai Havertz die Champions League gewinnen können.
Fünf Jahre später trainiert er nach etlichen Wirrungen in seiner Karriere nun England. Seine seltsame Zeit bei Bayern München ist längst vergessen, jetzt trägt er die Erwartungen einer ganzen Nation. Auch in England ist der Titel Pflicht. Zumindest ist es an ihm, diese Illusion zu vermitteln. Dreißig Jahre nach Baddiel & Skinner und der Hymne vom Fußball, der nach dreißig Jahren des Schmerzes - also 1996, dreißig Jahre nach dem WM-Gewinn 1966 - nach Hause kommen sollte, ist der Fußball immer noch nicht zuhause.
Thomas Tuchel soll das ändern, und er will es ändern. Weil er England liebt, weil er eine "enge Verbindung" mit dem Land und den Fans spürt und weil er ihnen etwas liefern will, was er einst bei Borussia Dortmund selbst erleben durfte: die größte Party des Jahres.
"Wenn du das siehst ..."
Es war 2017, als Tuchel mit Borussia Dortmund den DFB-Pokal gewinnen konnte - nach einem Halbjahr, das beinahe der gesamten Mannschaft nach einem Anschlag das Leben oder zumindest die Profikarriere gekostet hätte. Der Bombenanschlag vor dem Spiel gegen PSG ging schief. Wenig später siegte der BVB erst gegen Bayern im Pokal-Halbfinale, dann gegen Frankfurt im Finale.
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Die Menschen feierten auf den Straßen in Dortmund. Auch 2026, beinahe zehn Jahre später, sollen die Menschen wieder auf den Straßen feiern. "Ich erinnere mich an die erste Parade, die ich in Dortmund erlebt habe. Wenn du siehst, dass da Hunderttausende auf den Straßen sind und was es ihnen bedeutet", sagte er. "Ich mag mir kaum ausmalen, wenn wir das für ein ganzes Land schaffen würden, wie glücklich und stolz die Menschen wären."
Hager wie eh und je, nur der Sidekick von Kapitän Harry Kane, setzt er auf der Pressekonferenz trotzdem die Akzente. Tuchels Art kommt in England gut an. Er redet und philosophiert. Er weiß, wie er die Klaviatur des englischen Stolzes spielen muss. Ihn umgibt, wie er da zurückgelehnt und mit einer Hand am Kinn sitzt, eine Aura. Tuchel ist der, der die Fäden zieht.
"Menschen stolz machen"
"Niemand erwartet von uns, dass wir den Titel im Vorfeld garantieren. Wir wollen die Menschen mit der Art, wie wir spielen, stolz machen", sagte er und stand bald auf. Vorher sagte er noch, dass er nichts dagegen habe, den Titel zu gewinnen - als erster Nationaltrainer überhaupt, der nicht in dem Land geboren wurde, das er trainiert.
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Bei der WM 2018 reichte es für Platz vier, auch bei den verlorenen EM-Endspielen 2021 und 2024 waren sie knapp dran. "Ich erinnere mich noch", sagte Kane, der vor seinem 115. Länderspiel steht und damit David Beckham einholen wird, "wie ich als kleiner Junge die Turniere gesehen habe und geglaubt habe, dass wir was gewinnen können. Ich möchte, dass die kleinen Kinder jetzt auch glauben können."
Kane blickte zufrieden drein. Auch er ist bereit, sagte er. England sah selten zuversichtlicher und selbstbewusster aus als in diesem kargen, kalten Presseraum unterhalb der Betonwüste Texas'. In Blickweite drehte die Achterbahn eines nahegelegenen Freizeitparks ihre Runden. Die Engländer steigen ein. Sie glauben. Sie haben einen Auftrag. Sie haben gute Laune. Mit ihnen ist zu rechnen.





