Die Fußball-Welt staunt und diskutiert. Was geschieht da gerade in den USA bei der Weltmeisterschaft?
Die Lage schien eigentlich klar: Nach einem Foulspiel im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina war US-Stürmer Folarin Balogun mit der Roten Karte vom Platz gestellt worden - nach VAR-Eingriff, wohlgemerkt. Die Entscheidung war umstritten, aber stand. Es folgte eine Sperre über ein Spiel. Am Sonntag dann teilte die FIFA plötzlich mit: Die Sperre wird auf Bewährung ausgesetzt. Im Achtelfinale gegen Belgien ist er spielberechtigt. US-Präsident Donald Trump jubelte öffentlich. Die genaue Verstrickung und mögliche Telefonate zwischen Trump und Infantino stehen aktuell im Fokus der Debatte. Offizielle Stellungnahmen der FIFA und des Weißen Hauses dazu gibt es nicht.
Als Begründung für ihren Schritt verwies die FIFA auf Artikel 27 des Disziplinarreglements. Demnach kann die Durchführung einer Disziplinarmaßnahme ganz oder teilweise ausgesetzt werden. In diesem Fall bedeutet das: Baloguns Sperre werde für ein Jahr zur Bewährung ausgesetzt.
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Dass Sperren nachträglich ohne jede Begründung auf Bewährung ausgesetzt werden, kommt extrem selten vor. Einen ähnlichen Vorgang gab es bisher nur einmal in der Geschichte der Weltmeisterschaft. 1962 wurde dem brasilianischen Angreifer Garrincha nach einem Platzverweis im Halbfinale auch das Auflaufen im Finale des Turniers erlaubt. Auch damals hatte es laut "New York Times" politische Interventionen gegeben. In diesem Fall durch die brasilianische Regierung. Eine Pflichtsperre wie heute gab es damals aber noch nicht.
Ronaldo-Sperre wurde angepasst
Außerhalb eines Turniers profitierte zuletzt Cristiano Ronaldo. Auch hier bezog sich die FIFA auf den bisher nicht so bekannten Artikel 27 der FIFA-Disziplinarordnung.
Wie also war die Situation bei Ronaldo? Der Portugiese hatte im vergangenen November im WM-Qualifikationsspiel gegen Irland einen Ellbogenschlag gegen Gegenspieler Dara O'Shea ausgeteilt. Ronaldo flog vom Platz und erhielt zunächst eine FIFA-Sperre für drei Partien.
Wenige Tage später ruderte der Verband zurück. Aus den drei Spielen wurde ein Spiel Sperre plus die beiden weiteren auf Bewährung. Das bedeutete für Ronaldo: Er konnte das unwichtige Quali-Duell gegen Armenien absitzen und war für die WM wieder spielberechtigt. Die Zwei-Spiele-Sperre hätte er ansonsten in die Weltmeisterschaft mitgenommen. CR7 hätte dort die ersten beiden Partien verpasst. FIFA, Ronaldo und dem WM-Veranstalter schadete diese Regelung sicher nicht. Auch damals gab es ein sehr lautes Echo und kritische Kommentare. Die Entscheidung hatte ein ziemliches Geschmäckle. Im Nachgang - kurz vor der WM - gab die FIFA sogar bekannt, dass Sperren aus Qualifikationsspielen nicht mehr für das Turnier übertragen werden. Der Grund: Man wolle, dass die Teams "auf der größten Bühne des internationalen Männerfußballs mit ihren bestmöglichen Kadern antreten können".
Was unterscheidet nun die beiden Fälle?
Der Unterschied bei Balogun und Ronaldo
Bei Balogun ist die Lage so, dass er eigentlich für ein Spiel gesperrt wurde. Im Gegensatz zu Ronaldo lag keine Tätlichkeit vor, sondern grobes Foulspiel. Die Aktion war augenscheinlich unabsichtlich.
Bei Balogun wurde die Sperre nun de facto aufgehoben, bei Ronaldo "nur" verkürzt. Durch die Umwandlung in eine Bewährungsstrafe muss Balogun kein einziges Spiel absitzen. Zudem findet die Aktion während des laufenden WM-Turniers statt, was dem Ganzen noch mehr Brisanz verleiht. Auch die mutmaßliche Einmischung von ganz oben aus dem Weißen Haus eskaliert die Situation. Die politische Dimension ist riesig.
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Davon war bei Ronaldo nicht die Rede. Allerdings war der Altstar eine Woche vor der FIFA-Änderung seiner Strafe Gast im Weißen Haus. Auch FIFA-Boss Gianni Infantino soll dort gewesen sein. Ein kausaler Zusammenhang zur anschließenden Strafmilderung wurde bisher nicht hergestellt.
Gut möglich aber, dass die Ronaldo-Entscheidung der FIFA im vergangenen November einen Präzedenzfall geschaffen hat, der nun Balogun, dem US-Team und dem Weltverband die Möglichkeit gab, die Sperre fürs Achtelfinale anzupassen. Eigentlich widerspricht sich die FIFA aber selbst. Denn in Artikel 66.4 im FIFA-Disziplinarkatalog steht eindeutig, dass eine Rote Karte automatisch eine Sperre von einem Spiel nach sich zieht.
Wenn das Schicksal einen ironischen Haken schlägt, treffen die beiden Teams Portugal und USA und damit Ronaldo und Balogun sogar im Viertelfinale aufeinander. Falls sich Ronaldo und Balogun erneut eine ähnliche Aktion leisten, werden sie übrigens wirklich gesperrt. Stand jetzt.


