Nicht mehr Dr. Seltsam

Wie Thomas Tuchel zur WM-Hoffnung Englands wurde

Stephan-UersfeldVon Stephan Uersfeld, Miami
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Den Glauben an sein Team, den hat Tuchel. (Foto: picture alliance / PA Images)
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11.07.2026 | 05:16 Uhr
Thomas Tuchel ist in Dortmund und München ein Trainer, der keinen Frieden findet und entlassen wird. In England formt er eine Mannschaft, die ein ganzes Land begeistert. Das gelingt ihm nicht ohne Grund. Er setzt auf einen ganz wichtigen Faktor.

Aura. Aus deutscher Sicht das große, fatale Wort dieses Turniers. Aura sollte Manuel Neuer haben, hatte er dann nicht. Aura aber hat der letzte Deutsche im Turnier. Aura hat Thomas Tuchel. Der Trainer der englischen Nationalmannschaft hat das Mutterland des Fußballs für sich eingenommen. Der hagere Mann an der Seitenlinie, der tobt und dem dabei gerne einmal die Augen aus dem Gesicht fallen, ist angekommen.

Der 52-Jährige wirkt bei dieser WM 2026 ganz bei sich. Der in Deutschland als verschrobener Kauz verschriene Trainer umarmt seine neue Heimat und schwebt mit den Three Lions auf einer Wolke der Verschworenheit durch das Turnier. Bislang räumen sie jedes Hindernis aus dem Weg, vor einem echten Test stehen die Engländer am heutigen Samstag im Glutofen von Miami.

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Mit Norwegen erwartet sie ein Team, das mit seiner Freude an das dänische Überraschungsteam bei der EM 1992 erinnert. Die Wikinger umarmen das Turnier, erobern die USA mit ihrer Herzlichkeit und Seltsamkeit im Sturm und sind der heimliche Liebling dieser WM. Dazu haben sie ein Team, das dazu geeignet scheint, die Schwächen des Weltmeisters von 1966 gnadenlos auszunutzen: Das um Erling Haaland und Martin Ödegaard gebaute Team dringt immer wieder mit Flanken in den Strafraum ein und spielt dort seine körperliche Überlegenheit aus.

Es ist eine Überlegenheit, die Englands Abwehr vor große Aufgaben stellen wird. Bei dieser WM haben sie sich dort als anfällig erwiesen, die Defensive wirkt in entscheidenden Momenten unorganisiert, nicht in der Schlussphase des epischen Achtelfinales gegen Mexiko, aber sonst immer wieder. Jederzeit kann alles vorbei sein, es gibt keinen Favoriten, womöglich ein entscheidender Vorteil für die mit großer Demut antretenden Three Lions.

Tuchel verpasst England einen neuen Geist

Tuchel und England stellen den Wikingern, die in den USA eine Wirkung entfalten wie Dänemark bei ihrem Überraschungstriumph bei der EM 1992, eine füreinander kämpfende Mannschaft gegenüber. Das war bei den Star-Ensembles von der Insel bei vergangenen Turnieren nicht immer der Fall, in den entscheidenden Momenten clashten die Egos. Das ist bislang nicht so: Die Spieler vertrauen ihrem Trainer blind, sie folgen ihm, und er vermittelt ihnen das Gefühl, dass er nicht über ihnen steht.

Über Vertrauen hat Tuchel schon immer gesprochen. Nichts, sagte er zu Beginn seiner Zeit bei Chelsea, sei wichtiger als das, und deswegen könne es auch unbequem werden. "Wir müssen Vertrauen und eine Beziehung aufbauen, auf die wir uns verlassen können. Man bestraft, beleidigt und schimpft nicht vor der ganzen Mannschaft mit jemandem, das ist inakzeptabel. Nur, wenn wir Dinge klar ansprechen müssen, bin ich ein großer Fan davon, dies vor der gesamten Mannschaft zu tun."

Es ist eine Härte, die er so auch bei den Three Lions zeigt. Bislang wurde sie immer aufgefangen. Weil Erfolg und Vertrauen zusammenfallen. Das ist bislang seine große Stärke, sie lässt sich gut an den Tagen vor dem Turnier erklären.

Im Mai 2026 muss er Dinge vor einer ganzen Nation ansprechen. Die Kaderbekanntgabe für die Fußball-Weltmeisterschaft bietet in England nicht weniger Diskussionsstoff als in Deutschland. Tuchel lässt einige Größen der Three Lions zu Hause: Cole Palmer ist nicht dabei, Trent Alexander-Arnold, Harry Maguire und Phil Foden sind es auch nicht. Die Namen werden breit in der Öffentlichkeit debattiert, Maguire wütet ein wenig in den sozialen Medien, der Verteidiger von Manchester United bleibt daheim, Dan Burn fliegt mit.

Stars sind bei Tuchel keine Alleinherrscher

Der 34-jährige Hüne von Newcastle United erfährt das am Ende eines langen Tages voller Absagen. Tuchel telefoniert sich durch die Liste, erklärt es jedem Spieler persönlich via FaceTime. Als es bei Burn klingelt, hat dieser ein ungutes Gefühl: Erst vor ein paar Tagen hat er erfahren, dass es klappen könnte, jetzt der Anruf. Tuchel erklärt ihm, er habe heute nur Absagen verteilt, Burn rutscht das Herz in die Hose, sein Traum von der WM scheint ausgeträumt. "Ich will den Tag mit einem guten Gefühl beenden. Du bist dabei", sagt Tuchel.

Burn wird es ihm danken. Bei seinem ersten WM-Einsatz in der Regenschlacht gegen Mexiko schmeißt der Verteidiger sich in der Endphase in jeden Ball. Er wird eingewechselt, der Druck der in Überzahl spielenden Mexikaner ist kaum noch zu ertragen. Zweimal köpft er den Ball aus dem eigenen Strafraum in die gegnerische Hälfte, einmal blockt er einen Fallrückzieherversuch von Raúl Jiménez.

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Tuchel baut seinen Kader für diese WM um die beiden großen Stars des Teams. Er baut ihn um Jude Bellingham und Harry Kane, macht sie jedoch nicht zu Alleinherrschern, sondern zu Faktoren in der Mannschaft. Bei dieser WM der Superhelden gelingt es Tuchel, jedem Spieler eine Perspektive zu vermitteln, niemand ist einfach nur so dabei. Der nunmehr verletzte Jordan Henderson fährt mit, weil er trotz seiner 36 Jahre sportlich noch wichtig sein könnte, aber auch als Bindeglied. Diesen Status verdient er sich durch seine spielerische Qualität und durch seinen Anspruch, er will der Mannschaft helfen. Da unterscheidet sich Henderson nicht von Burn.

Deutscher Trainer sucht die Herausforderung

Auch der Verteidiger will einfach nur da sein für die Mannschaft, er will diese wenigen Minuten auf der WM-Bühne nicht verstreichen lassen. Für diese Situationen ist er mitgekommen, uneitel und dankbar für die Chance. Burn ist, wenn man es mit dem ehemaligen Bundestrainer Julian Nagelsmann sagen will, ein perfekter Rollenspieler, einer, der von seiner Rolle nicht aus den Medien erfahren hat. Auch das unterscheidet die Three Lions bei dieser WM vom DFB-Team.

Die deutsche Nationalmannschaft ist ohne herausragenden Führungsspieler zum Turnier gereist, und mit einem Trainer, dem es nicht gelang, dem immer noch guten Team eine feste Struktur zu geben, einen Mannschaftsgeist zu vermitteln. Tuchel schafft das. Zweifel daran gibt es natürlich vor dem Turnier, sie haben jedoch mehr mit seinem Deutschsein als mit seiner Reputation zu tun. Die ist in England tadellos.

Als Tuchel im Oktober 2024 seinen Vertrag mit dem englischen Verband unterschreibt, stehen ihm auch andere Türen offen. Manchester United ist mal wieder auf Trainersuche, doch nach 15 Jahren als Vereinstrainer will er eine andere Herausforderung. Kein Luftholen, sondern eine Rückbesinnung auf etwas, das ihm wirklich etwas bedeutet: der Fußball, abseits des täglichen Drucks.

Tuchel tourt durch die Stadien, sieht sich überall Spiele an, will alles wissen, will sich selbst verändern und herausfordern. Seine Karriere hat er ohnehin auf den Säulen der Veränderung aufgebaut. Er sucht die spektakuläre Bühne, er sucht den Rock'n'Roll, es gibt keine Aufgabe, die ihm zu groß erscheint. Zu Paris Saint-Germain wechselt er auch, weil er von der Ansammlung von Superstars um Gianluigi Buffon, Kylian Mbappé und Neymar fasziniert ist.

Die Probleme in Deutschland

Davon hat er davor in Deutschland genug gespürt. In München endet seine Zeit nach etwas mehr als einer Saison. Sie endet in Misstönen. Noch viel später wird ihm Uli Hoeneß seine Verfehlungen vorhalten. Er habe die Schuld auf die Spieler abgewälzt. In der Kabine fehlt ihm das Vertrauen, seine Aufstellungen werden angezweifelt.

Bereits bei Borussia Dortmund war ein ähnliches Muster zu erkennen. Klub und Trainer verbeißen sich ineinander. Tuchel fliegt direkt nach dem Pokalsieg 2017. Bis heute der letzte Titel des Klubs, den er gemeinsam mit seinen Fans feiern konnte. Als Edin Terzic den BVB 2021 erneut zum DFB-Pokalsieg führt, wütet die Pandemie. Zweimal wird er in Deutschland zum Problem erklärt. Er ist ein Trainer, dem die Beziehung zum Umfeld entgleitet.

In England hat Tuchel eins: Aura

In England ist das anders. Dort ist Tuchel der Trainer, der mit Chelsea die Champions League gewonnen hat, dort genießt er höchste Wertschätzung. Hier ist er nicht Dr. Seltsam, sondern einer, den eine Aura umgibt. Die FA vertraut ihm, erst kürzlich wurde er mit einem neuen Vertrag bis zur Heim-EM 2028 ausgestattet. Das ist das große Ziel, die Weltmeisterschaft auf einem anderen Kontinent muss nicht zwangsläufig den Titel bringen.

"Ich will die Spieler unterstützen", sagt Tuchel am Vorabend des Spiels gegen Norwegen. "Ich will ihnen eine Plattform bieten. Was den englischen Fußball auszeichnet, ist der Biss, der Hunger, die nötige Entschlossenheit. Das ist die Basis, auch die der Premier League." Tuchel lehnt sich an diesem Tag vor dem Spiel zurück, scannt die Umgebung, hört seinem Kapitän Kane zu. Irgendwann sagt er: "Ich liebe den englischen Fußball. Ich bin glücklich, zurück zu sein."

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Englands schwerer Weg ins Viertelfinale

Schon vor dem Viertelfinale hängt das Turnier auch für England mehrfach am seidenen Faden. Gegen die DR Kongo verhindert nur der Pfosten ein 0:2 vor der Pause, die Three Lions drehen das Sechzehntelfinale erst ganz spät. Nach dem Spiel wird Flügelspieler Anthony Gordon mit Hochachtung von seinen Mitspielern sprechen, sie hätten den Gegner müde gespielt, er nur das Werk vollendet. Gordon, ab der neuen Saison bei Barcelona, bringt mit seinen zwei Vorlagen für Harry Kane die Wende, doch davon will er nichts wissen.

Gegen Mexiko trotzen sie im wildgewordenen Estadio Azteca dem Sturmlauf der Co-Gastgeber. Burn und Torhüter Jordan Pickford schmeißen sich in jeden Ball, sie alle sind voller Glauben, sie alle strotzen vor Selbstbewusstsein. So überwinden sie die gigantische Hürde trotz beinahe 50-minütiger Unterzahl, trotz der Höhe und dem feindseligen Stadion. "Es war ein schwieriger Weg für uns bis hierhin", sagt Tuchel. Er weiß, was passieren kann, weil er weiß, was bereits passiert ist.

"Ein Teil von Dir will stolz sein"

Es gibt zu viele Unwägbarkeiten, besonders in der K.o.-Phase. Ein Ausfall eines Schlüsselspielers. Ein Fehler, eine Rote Karte kann das Ende bedeuten. Die Bedingungen an den Spielorten unterscheiden sich immer wieder: Ist es in Mexiko die Höhe, so wird in Miami die Hitze die große Unbekannte. Die gefühlte Temperatur soll zum Anstoß um 17 Uhr Ortszeit bei rund 40 Grad liegen, die örtlichen Behörden im Süden Floridas haben eine Hitzewarnung ausgesprochen. Dazu kommt noch Norwegen, der große Außenseiter bei diesem Turnier, mit seinem Tormonster Haaland.

Alles kann jederzeit vorbei sein. Aber einmal noch Argentinien im Halbfinale, das wäre was. Schon wieder ein Spiel der Spiele, wie bereits Mexiko, wie jetzt auch Norwegen mit dem Duell gegen Haaland. "Du spielst gegen deine eigenen Erwartungen", sagt Tuchel. "Ein Teil von dir will stolz sein über das Viertelfinale, der andere Teil von dir will mehr und mehr und mehr." Bis Argentinien aber denken will noch niemand, zu viel Respekt herrscht vor den Norwegern. Das kann der große Vorteil sein, auch das ist Teil der Aura Tuchels.

Verwendete Quelle: ntv.de