Katastrophaler Einbruch

"Zerstört": Ganz England versinkt im Schmerz nach brutalstem Drama

David BeduerftigVon David Bedürftig, Atlanta
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16.07.2026 | 00:15 Uhr
Der Wembley-Fluch schlägt wieder zu. Im WM-Halbfinale steht England schon mit einem Bein im ersten Endspiel seit 1966, aber dann folgt der kolossale Einbruch. Ein alleingelassener Harry Kane trauert am Mittelkreis, auf den Rängen fließen Tränen.

Der Schlusspfiff ertönt. Schmerzhafter als jeder Stich mitten ins englische Herz. Die Three Lions sind ihrem ersten Weltmeisterschaftsfinale seit 60 Jahren zum Greifen nah, führen im Halbfinale gegen Argentinien nach 84 Minuten mit 1:0. Doch dann kommen wieder diese verrückten Comeback-Weltmeister, angepeitscht von frenetischen Fans und einer bombastischen Stimmung, und dreht diese wilde Partie tatsächlich noch in den allerletzten Minuten.

Argentinien steht im WM-Finale gegen Spanien, weil der unvermeidbare Lionel Messi beim späten 2:1 (0:0)-Sieg wieder liefert - und weil England gegen den bitterbösen Fluch einfach nicht ankommt. Das Spiel der Erzfeinde, das nur so trieft von Rivalität, Historie und Rachegedanken, endet wegen eines katastrophalen Einbruchs in einem der größten Dramen der englischen Fußballgeschichte.

Argentiniens Tor zum Finale, Englands Stoß in die Schmerzhölle

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Mit dem Spielende brechen etliche englische Spieler auf dem Rasen zusammen. Aber Harry Kane bleibt allein in der Nähe des Mittelkreises stehen. Die Hände in die Seite gestemmt, bewegt sich der Stürmerstar vom FC Bayern München minutenlang keinen Zentimeter vom Fleck. Irgendwann rauft er sich die Haare, nach dem WM-Finale und den EM-Endspielen 2021 und 2024 wird es schon wieder nichts für den vielleicht besten Angreifer der Welt. Irgendwann kommt Messi für eine Umarmung vorbei, währenddessen baut Jude Bellingham, der zweite Superstar der Engländer, der dieses Turnier so prägte, wie sonst nur Messi, seine Mitspieler auf und bedankt sich fair beim Schiedsrichter.

Kane ist "am Boden zerstört"

"Ich bin einfach nur am Boden zerstört - für die Jungs, für alle, den Stab, die Fans", sagt Kane bei der BBC. "Wir haben so hart dafür gearbeitet, hier zu sein, die Jungs haben alles gegeben, bis zum letzten Tropfen Schweiß. So zu scheitern, wie wir es heute getan haben, ist niederschmetternd." Seine Mannschaft habe "über weite Strecken ein gutes Spiel gemacht", meint der Angreifer, aber nach der Führung "haben wir versucht, das Ergebnis zu halten, was auf diesem Niveau aber nicht ausreicht." Auch die Presse trauert: "Untröstlich", schreibt die "Sun", von "gebrochenen Herzen" der "Guardian".

Tapfer schleppen sich die Engländer in die Kurve für ihre große WM, die aber nicht den zweiten Titel nach 1966 bringt. Der Fluch von Wembley, er schafft es auch in die USA. Nagt auch in Atlanta in den Köpfen der Three Lions. Selbst mit Startrainer Thomas Tuchel und nach eigenen grandiosen Comeback-Siegen will der finale Schritt einfach nicht gelingen.

Fernandez-Schlenzer trifft England ins Herz

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Die argentinische Mannschaft feiert dagegen so ausgelassen wie noch nie bei dieser WM. Denn - so unglaublich es bei all diesen späten Siegen auch klingen mag - dieses Comeback gegen England ist noch einmal eine Klasse für sich und geht in die WM-Geschichte ein.

Wildes Halbfinal-Duell

Tuchel und seine Mannschaft hatten noch am Vortag ihren Teamgeist und Zusammenhalt gelobt. Dadurch würden sie nie nervös, sagten sie, und könnten sich aus allen schwierigen Situationen heraus manövrieren. Das stimmte auch. Bis zum Mittwochabend. Denn dann übernahmen die Dämonen.

Die erste Halbzeit liefert eine wilde Partie. Zur Pause steht es 12:7 für Argentinien, aber die Albiceleste hätte gegen England weitaus höher führen können. Wer hätte damit gerechnet? Allerdings, hier ist nicht von Toren die Rede, sondern von Fouls. In Atlanta entwickelt sich zunächst ein furchtbares WM-Halbfinale: kein Fußball, keine Gefahr, nicht mal Torschüsse. Einfach nichts. Bezeichnenderweise ist dies das erste WM-Spiel seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1966, in dem es in der ersten halben Stunde einen einzigen Torschuss - weder auf den Kasten noch daneben - gab.

Elegantes Gordon-Tor lässt England träumen

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Dafür gibt es zuhauf: Tritte, Schläge, Schubser, Proteste und sinnlose Aktionen der Spieler beider Mannschaften. Vor allem Argentinien will die Partie zu einem Kampf gestalten und wenn England foult, hackt die Albiceleste doppelt so hart zurück. Nicht einmal Messi kann dieses Schlachtfeld retten, kommt kaum zur Entfaltung. Kane und Bellingham sind vollends abgemeldet.

Gordon trifft zur englischen Führung

Doch nach dem Pausentee gibt es tatsächlich Fußball. Nach einer Doppelchance von Julian Alvarez trifft England aus dem Nichts zur Führung. Einen langen Ball kann Argentinien nicht per Fallrückzieher klären und über die rechte Außenbahn rauscht Morgan Rogers, den Tuchel neu in die Startelf geworfen hat, heran und schlägt eine präzise und harte Flanke, die am hinteren Fünfmeterraum Anthony Gordon technisch fein für sein erstes WM-Tor ins Netz leitet (55.). Direkt vor der englischen Kurve findet der furiose Jubel statt, bei einigen argentinischen Fans laufen die Tränen.

Aber als dann Messi und Co. mit wütenden Angriffen antworten, bricht England mehr und mehr ein. Dabei sollte doch jeder Widerstand gemeistert werden können. Sind das die Dämonen im Kopf oder ist das die Kraft, die den Körper verlässt? Ängstlich, in den eigenen Strafraum gedrängt, festgenagelt - so sehen die Löwen nun aus. Es scheint, als würde ein Film aus alten WM-Zeiten laufen. Eine Mannschaft, die völlig unfähig ist, einen Vorsprung oder ein Spiel zu kontrollieren, wenn es wirklich darauf ankommt. Tuchel muss nun eine Menge Fragen beantworten.

Epische Monstergrätsche - ganz England eskaliert

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"Wir hatten Mühe, Druck auf den Ball auszuüben", sagt Kane über das Spiel nach der eigenen Führung. "Nach dem Tor - sei es, weil sie mehr Spieler nach vorne schickten oder weil wir sie Mann gegen Mann nicht decken konnten - es kam eine Angriffswelle nach der anderen." England hat zwischen dem Tor von Anthony Gordon und dem Ausgleichstreffer nur zwölf Prozent Ballbesitz.

England bricht völlig ein

Es folgt schon bald der katastrophale Einbruch. England kann das Spielgerät überhaupt nicht mehr in den eigenen Reihen halten und versucht lediglich, um sein Leben zu verteidigen. Mit der Heldengrätsche im Strafraum von Djed Spence gegen Giuliano Simeone gelingt das auch zunächst (58.), aber anschließend bettelt Tuchels Team um den Ausgleich.

Weil aber Argentinien Chance um Chance liegenlässt, bahnt sich Messis WM-Ende immer bedrohlicher an. Großchance in der 69. Minute: Messi flankt vom rechten Strafraumeck perfekt auf den Kopf von Nicolas Gonzalez, aber dieser nickt die Kugel etwas zu zentral auf den Kasten, sodass Pickford sie gerade noch herausragend von der Linie kratzen kann. 76. Minute: Pfosten! Wieder kommt die Flanke von rechts, diesmal von Rodrigo De Paul, wieder ist es ein Kopfball, diesmal von Alexis Mac Allister, der unter ohrenbetäubendem Geschrei der Fans ans Gebälk klatscht. Das muss ein Tor sein, Pickford ist schon geschlagen. Nur zwei Minuten später startet Gonzales nach einer Messi-Flanke tief und auch er kommt zum Kopfball, aber setzt diesen aus spitzem Winkel knapp neben den Pfosten. Pickford schnauzt seine Vordermänner lautstark an.

England verteidigt jetzt im tiefen 5-4-1, die Kräfte schwinden. Und dann passiert es. Einen Distanzschuss aus 30 Metern von Enzo Fernandez lenkt Pickford über die Latte. Die kurz ausgeführte Ecke schickt Messi erneut zu Fernandez, der diesmal aus gut 20 Metern abzieht. Bellingham rauscht heran, aber sein Klärungsversuch kommt eine Millisekunde zu spät - und der Strahl schlägt im linken Winkel ein (85.). England hat um dieses Tor gebettelt, es ist der hochverdiente Ausgleich. Das Stadion explodiert. Wieder fließen die Tränen bei manchem Argentinier.

Doch diese Albiceleste hat schlichtweg immer noch einen im Köcher. Nach einem erneuten Pfostentreffer flankt Messi herrlich von rechts, Lautaro Martinez ist viel zu frei im englischen Strafraum und köpft kraftvoll zum Siegtreffer ein (90.+2). Manch Fan, der glaubt, Messi habe einen schwächeren rechten Fuß, wird hier eines Besseren belehrt. Eine unglaubliche Leistung des 39-Jährigen. Ein x-tes Mal bei dieser WM.

Es ist der Stich ins Herz, von dem sich England nie wieder erholt. Kurz darauf steht der alleingelassene Harry Kane am Mittelkreis und kann es nicht fassen. Für Thomas Tuchels Three Lions ist der große Traum von Titel vorbei. Der Fluch hat wieder einmal gesiegt.

Verwendete Quelle: ntv.de