In der 52. Minute der Zweitliga-Partie zwischen dem VfL Osnabrück und Eintracht Braunschweig segelt der Ball in den Strafraum. Daniel-Kofi Kyereh schaltet am schnellsten und erzielt das 1:0 für die lila-weißen Hausherren. Anschließend sprintet der Mittelfeldspieler zur Trainerbank, wo er von allen Verantwortlichen gefeiert wird. Für Kyereh ist dieser Treffer eine Erlösung - das Ende einer Zeit, in der er einen Rückschlag nach dem anderen hinnehmen musste. Es ist der sichtbare Beweis, dass ein langer Kampf nicht umsonst war.
Dabei ist seine Karriere bis zu seinem Kreuzbandriss im Februar 2023 ein stetiger Aufstieg: Über Havelse und Wehen Wiesbaden arbeitet sich der heute 30-Jährige von der Regionalliga bis in die 2. Bundesliga hoch. Im Sommer 2020 folgt ein Angebot des FC St. Pauli - dort wird er seine bisher erfolgreichste Zeit erleben.

Traumtor bringt sogar Kane ins schwärmen
Vom Nationalspieler zum Dauer-Invaliden
Bei den Hamburgern ist Kyereh unter Trainer Timo Schultz sofort gesetzt. Während seiner gesamten Zeit bei St. Pauli verpasst er nur zwei Spiele und ist der Dreh- und Angelpunkt in der Offensive der Kiezkicker. In 67 Partien sammelt der Ghanaer 43 Scorerpunkte und wird zudem regelmäßig für die Nationalmannschaft nominiert. Diese Leistungen bleiben nicht unbemerkt. Der SC Freiburg klopft an - St. Pauli muss seinen Starspieler ziehen lassen, und Kyereh wird zum damaligen Rekord-Abgang des Vereins.
Bei den Breisgauern scheint es zunächst nahtlos so weiterzugehen. Nach einer anfänglichen Rotationsrolle spielt sich Kyereh unter Freiburgs Trainerlegende Christian Streich allmählich in die Startelf. Es folgt das erste Tor in der Bundesliga und auf internationaler Bühne in der Europa League - doch dann der Schock. Ein falscher Schritt und auf einmal ist alles anders: Während einer Trainingseinheit reißt sich Kyereh das Kreuzband, wenige Tage zuvor stand er gegen Borussia Dortmund noch in der Startelf.

"Eine prägende und ganz besondere Zeit"
Im Regelfall dauert die Genesung nach einer solchen Verletzung bis zu einem Jahr. Bei Daniel-Kofi Kyereh braucht es mehr als dreimal so lange. Zunächst verläuft alles wie geplant: Er ist stetig im engen Austausch mit Christian Streich und bleibt der Mannschaft nah. Kyereh selbst sagt im Sommer 2024: "Viel fehlt nicht mehr! Ich möchte zu Saisonbeginn wieder fit sein und mit der Mannschaft trainieren können." Doch dann kommt die nächste Hiobsbotschaft - nach über einem Jahr Pause macht das Knie wieder Probleme, der 18-malige Nationalspieler muss sich einer erneuten OP unterziehen. Auch nach diesem Rückschlag ist Aufgeben keine Devise. Im Interview mit der Sportschau verrät der so arg Gebeutelte: "Es ist wichtig, Menschen um sich herum zu haben. Ein großer Dank geht an die Teamkollegen und den Staff."
Es folgt ein Reha-Programm dem nächsten, doch der Weg ist weit. Nach fast zwei Jahren braucht sein Körper viel Zeit, um wieder fit zu werden. Immer wieder gibt es Lichtblicke, und er erlebt beim Sport-Club eine historische Zeit: Zusammen mit seinen Teamkollegen und tausenden Fans feiert er den Europa-League-Finaleinzug der Breisgauer im Europa-Park-Stadion. Für jeden ist klar - Kyereh ist immer noch ein Teil des Teams. Und kurz darauf wird die harte Arbeit endlich belohnt: In der Regionalliga bei der U23 von Freiburg kommt das langersehnte Comeback. Nach über 1100 Tagen und 144 verpassten Spielen kann Daniel-Kofi Kyereh endlich wieder Fußball spielen - am Ende der Saison 25/26 stehen sieben Einsätze und vier Scorer auf seinem Konto. Zwar nicht in der Bundesliga, aber immerhin im Trikot der Breisgauer. Der Vertrag mit dem SC Freiburg wird trotzdem einvernehmlich nicht verlängert.

Nur fünf Minuten bis zum erlösenden Tor
Beim VfL Osnabrück wagt Kyereh einen Neustart - ein Wiedersehen mit dem Ex-St.-Pauli-Trainer Timo Schultz, unter dem er seine bisher erfolgreichste Zeit erlebte. Auch für die Lila-Weißen nicht ohne Risiko, schließlich hat Kyereh seit über drei Jahren kein einziges Spiel in Deutschlands Top-Ligen absolviert. In enger Zusammenarbeit mit VfL-Physiotherapeut Sebastian Schwermann wird seine körperliche Verfassung genauestens beobachtet und jede Belastung abgewogen.
Der Körper scheint nun endlich wieder mitzuspielen, das Knie hält stand. Gegen den VfL Bochum feiert Kyereh sein Debüt für Osnabrück und sein Comeback im Profi-Fußball. Nur eine Woche später folgt das wohl emotionalste Tor seiner Laufbahn: In der 45. Minute betritt Kyereh gegen Eintracht Braunschweig das Feld und ist sofort zur Stelle. Im Getümmel bewahrt der Rechtsfuß die Übersicht und erzielt seinen Premierentreffer an der Bremer Brücke. "Dafür brauchst du einen Sebastian Schwermann", sagt Kyereh später im Interview - ein Satz, der zeigt, wie viel von diesem Comeback auch das Werk von Menschen hinter den Kulissen war. Zeit zum Durchatmen und Genießen bleibt nicht. Am Sonntag wartet bereits Tabellenführer Hertha BSC auf den VfL Osnabrück (13:30 Uhr/Live bei Sky und im Liveticker bei ntv.de).
