Investorin polarisiert

DFB-Star Anyomi geht den Weg ins gefährliche Wunderland

Bild-AnjaVon Anja Rau
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Für Nicole Anyomi beginnt in London ein neuer Karriereabschnitt. (Foto: IMAGO/HMB-Media)
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26.07.2026 | 08:15 Uhr
Nicole Anyomi wechselt wie so viele deutsche Fußballerinnen aus der Bundesliga nach England - und findet sich plötzlich in einem wahren Starensemble inklusive Weltfußballerin wieder. Die London City Lionesses sind Verheißung und Gefahr gleichermaßen.

DFB-Stürmerin Nicole Anyomi muss sich in den vergangenen Wochen mehrfach wie im Wunderland gefühlt haben. Nicht nur wechselte sie von Eintracht Frankfurt zu den London City Lionesses und erfüllte sich damit den Wunsch so vieler Fußballerinnen, in England zu spielen. Nein, nach ihr wurden auch die Transfers der zweifachen Weltfußballerin Alexia Putellas und Innenverteidigerin Mari León bekannt, die beide vom Champions-League-Sieger FC Barcelona nach London kommen. Zudem wechselt Frankreichs Nationalspielerin Kadidiatou Diani von OL Lyonnes an die Themse, auch die ehemalige englische Torhüterin Mary Earps gehört zum Team.

Der Klub baut an einem amtlichen Starensemble und ist dabei, die Rangordnung in der Women's Super League durcheinanderzuwirbeln. Dabei sind die Lionesses erst vor einem Jahr in die höchste Spielklasse aufgestiegen. Die erste Saison in der WSL beendet der Klub auf Platz sechs - wird also nicht international spielen. Und trotzdem kommen die Stars scharenweise. Es ist kein normaler Klub, zu dem die 31-fache Nationalspielerin Anyomi da gewechselt ist.

Die London City Lionesses gehören seit Dezember 2023 in den Besitz von Michele Kang. Die Geschäftsfrau aus den USA ist keine Unbekannte im Fußball der Frauen: Ihr gehören auch das US-Team Washington Spirit und seit 2024 der achtmalige Champions-League-Sieger Lyon. Sie ist mit ihrer Sportgruppe Kynisca also die weibliche Macht im Multi-Club-Ownership. Kritiker sehen darin die unfairen Vorteile, etwa Transferkosten sparen zu können mit internen Wechseln und die Möglichkeit, Kosten aufzuteilen. Kang hielt in der BBC dagegen: "Für den Frauenfußball ist Multi-Club-Ownership fast schon unerlässlich." In der Tat konnte ihr Weg Lyon zur Autonomie vom existenzbedrohten Männer-Klub verhelfen. Seitdem fungiert das vormals bekannte Olympique unter OL Lyon. Und mehr: Als es der französische Klub mit dem Insolvenzverwalter zu tun bekam und der Zwangsabstieg drohte, sprang Kang auch beim Männerteam ein und ist Mehrheitseignerin.

"Hypnotisiert und bekehrt"

Dabei hatte Kang viele Jahre ihres Lebens gar keine Ahnung von Fußball, geschweige denn Interesse. "Ich wusste nicht, wer Leo Messi ist", sagte sie mal. Erst 2019 wurde sie bekehrt, als sie zu den Feierlichkeiten rund um den Weltmeistertitel der US-Amerikanerinnen eingeladen wurde. Als sie dann ein Spiel von Washington Spirit sah, sagte sie der BBC, sei sie "hypnotisiert und von diesem Moment an bekehrt" gewesen. Sie kaufte den Klub für 35 Millionen Dollar, 2022 war das ein horrender Preis im Fußball der Frauen. Inzwischen wird der Klub auf einen Wert von mehr als 130 Millionen Dollar geschätzt.

Die heute 67-Jährige hat mehr als genug Geld, um in ihre neue Leidenschaft investieren zu können. Dank Risiko-Kapital-Unternehmen und vor allem mit "Cognosante", das auf IT im Gesundheitswesen spezialisiert ist, baute sie ein immenses Vermögen auf. Kang stand 2025 mit einem geschätzten Vermögen von 1,2 Mrd. US-Dollar (1 Mrd. Euro) auf Platz 28 der Forbes-Liste der reichsten US-amerikanischen Selfmade-Milliardärinnen. Es dürfte ihr also nicht nur um die Liebe zum Fußball, sondern auch die zum Geschäft gehen, wenn sie etwa in London reichlich investiert.

Die Lionesses sind aus den Millwall Lionesses hervorgegangen, einem ehemaligen Vorreiter des Frauenfußballs in England. Der Verein hatte das erste weibliche Leistungszentrum und feierte Erfolge in den 1990er-Jahren. Doch der Klub stand am Rand der Insolvenz, 2019 spaltete sich das Frauenteam ab, benannte sich um in London City Lionesses, nahm das Spielrecht mit. In der 2. Liga lief es sportlich gut, der Aufstieg war nah, doch die finanzielle Existenz bedroht. Die bisherigen Klubbesitzer fanden in Kang eine Käuferin - und innerhalb von 18 Monaten gelang der Aufstieg in die erste Liga und in den Fokus der Profispielerinnen.

Kapitänin lobt: Kang "ist eine Macherin"

Das Ziel, den Frauenfußball allein groß zu machen und unabhängig von der Unterstützung eines Männerteams, ist immer noch eine Seltenheit, kommt bei vielen Spielerinnen aber gut an. Kang geht den Weg recht konsequent. Die Londonerinnen bekamen ein eigenes Trainingsgelände, der Umzug in ein größeres Stadion ist im Gespräch. "Sie ist eine Pionierin. Sie ebnet den Weg für die nächste Generation starker Frauen", sagte etwa Lionesses-Kapitänin Kosovare Asllani beim englischen Sky Sports. "Man sieht ja, wie sehr der Frauenfußball wächst, und ich denke, das ist der Unterschied zwischen ihr und allen anderen - sie hat es verstanden." Die schwedische Nationalspielerin ist auch so ein Beispiel für Stars, die nach London wechseln. Asllani spielte schon für Manchester City, Real Madrid und Paris St. Germain, ist Kapitänin ihres Nationalteams. Trotzdem wechselte sie zum damaligen Zweitligisten. Kang hatte sie überzeugt. "Sie ist eine Macherin. Sie redet nicht nur, und ich habe schon lange darauf gewartet, dass jemand in den Frauenfußball investiert und das auch zeigt."

Und wie Kang investiert. In der vergangenen Saison hatte London mit dem Transfer von Grace Geyoro von PSG einen neuen Weltrekord aufgestellt: Die französische Nationalspielerin war für etwa 1,65 Millionen Euro gewechselt. Zu einem Aufsteiger. Putellas wird Berichten zufolge inklusive Bonuszahlungen etwa 1,7 Millionen Euro pro Jahr verdienen. Und das, während die WSL das Mindestgehalt für Stammspielerinnen über 23 Jahre kürzlich auf 50.000 Euro festsetzte. Das Durchschnittsgehalt in der Liga liegt bei etwa 55.000 Euro pro Jahr.

Der jüngste Jahresabschluss für den Klub aus dem Südwesten der englischen Hauptstadt ist der aus der Aufstiegssaison 2024/25. Er weist laut "Guardian" Gesamteinnahmen von lediglich 902.000 Pfund (1,06 Mio. Euro) aus. Dem gegenüber stehen Ausgaben in Höhe von 10,6 Millionen Pfund (12,4 Mio. Euro). Damals war das noch möglich, die Liga hat erst kürzlich Finanzbestimmungen - ähnlich dem Financial Fairplay der UEFA - eingeführt.

Die neuen Regeln besagen: Die Gehaltskosten eines Vereins dürfen 80 Prozent seiner Einnahmen zuzüglich maximal vier Millionen Pfund oder weitere 25 Prozent der Vereinseinnahmen (je nachdem, welcher Betrag höher ist) nicht überschreiten. Die Liga sucht einen Weg, das heftige Auseinanderdriften zwischen finanzstarken Klubs und den schwachen einzudämmen. Der Kontrast ist riesig zwischen dem Investitionsrausch in London und mehreren Klubs wie Blackburn, die ihr Frauenteam aus dem Profifußball zurückziehen, weil sie nicht mithalten können oder wollen. Die Strafen sind ebenfalls klar: Einem Erstligisten kann pro 100.000-Pfund-Überschreitung des Budgets ein Punkt abgezogen werden, bei einer Überschreitung von mehr als 900.000 Pfund sogar zehn oder mehr Punkte. Allerdings galt die vergangene Saison als Übergangsjahr, die Regeln kamen noch nicht zur Anwendung.

Problem bei zu viel Erfolg?

Sie gelten aber für die anstehende Saison. Und bei den Stars, die der Klub bereits eingekauft hat, dürften die Ausgaben nicht gerade gering sein. Kang muss also dringend einen Weg finden, die Einnahmen zu steigern. Sie glaubt fest an das Potenzial des Frauenfußballs, auch kommerzielle Erfolge zu feiern. Sollte sie sich aber irren, bekommen die London City Lionesses das vermutlich schnell zu spüren.

Sollte sie recht behalten - und sich der kommerzielle sowie der sportliche Erfolg einstellen -, droht aber schon das nächste Problem. Falls sich die Londonerinnen für die Champions League qualifizieren, dürfte die UEFA ein kritisches Auge auf sie werfen. Weil mit OL Lyonnes sicherlich schon ein Team von Kang in der Königsklasse mitspielt.

Laut UEFA ist es nicht erlaubt, dass zwei oder mehr Klubs aus demselben Einfluss im selben Wettbewerb spielen, weil es der Integrität des Wettbewerbs zuwider ist. Dieses Problem hatte im vergangenen Jahr etwa Trainer Oliver Glasner zu spüren bekommen: Obwohl er sich mit Crystal Palace für die Europa League qualifiziert hatte, durfte er nicht antreten, weil schon Olympique Lyon dabei war. Beide Klubs gehörten zum Multi-Club-Ownership von John Textor (Glasner tröstete sich bekanntlich immerhin mit dem Gewinn der Conference League).

Bis dahin ist es aber ein weiter Weg. Mit den Meisterinnen von Manchester City, mit dem FC Arsenal und dem FC Chelsea spielen drei Weltklasse-Teams in der Liga, die ihre Qualität seit Jahren unter Beweis stellen. Es ist fraglich, ob die Lionesses so schnell aufschließen oder gar vorbeiziehen können. Ein erster Hinweis bietet dafür das Testspiel gegen OL Lyonnes am 29. August. Wenn Kang ihre Teams gegeneinander antreten lässt. Dann trifft Anyomi mit ihrem neuen Team auf ihre DFB-Teamkollegin Jule Brand.

Verwendete Quelle: ntv.de