Dass auch Jürgen Klopp kein Fußball-Heiland ist und der deutschen Fußball-Nationalmannschaft quasi durch Handauflegen wieder zu altem Glanz verhilft, war in den vergangenen Tagen nahezu überall zu lesen und zu hören. Zum Beweis taugt Klopps Bilanz aus seinen ersten vier Spielen als Bundestrainer: Zwei Remis, eine Niederlage, ein Sieg. Und da ist noch eine respektive mehrere Sachen, die der Medien- und Rhetorikprofi in den ersten heißen Wochen seines Tuns als Deutschlands oberster Fußball-Lehrer nicht hinbekommen hat: Eine Debatte um DFB-Kapitän Joshua Kimmich a) gar nicht erst aufkommen zu lassen, b) nicht latent anzuheizen und c) wieder einzufangen.
Klopp hatte Kimmich nicht für die Spiele drei und vier in der Nations League gegen Serbien und Griechenland nominiert. Der Kapitän gehörte - wie andere Leistungsträger - zum "Kader II" der insgesamt 44 Mann starken Truppe, mit der Klopp seine DFB-Mission begonnen hat. Allerdings wäre der ehrgeizige Kimmich nur allzu gerne bei allen Spielen dabei gewesen und brachte das zum Ausdruck. Der Bundestrainer wiegelte diesen Wunsch ab - er wolle sehen, wie sich die Jungen schlagen, wenn die "Platzhirsche" nicht dabei sind, schließlich könne ja auch immer mal jemand ausfallen, begründete der 59-Jährige.

Kahn: "Trainerwechsel bringt keine Erlösung"
Die daraufhin fast schon automatisch anspringende Debatte um seinen Kapitän versuchte Klopp mit viel Witz abzumoderieren - es ist ihm nicht gelungen. Auch, weil der für konsequentes Beachten des Leistungsprinzips geschätzte Klopp Kimmich keine Stammplatzgarantie ausgesprochen hat. Fußball-Deutschland diskutiert nun die K-Frage. Ist der viele Jahre unumstrittene Kimmich angekratzt? Hat seine Dämmerung im DFB-Team begonnen? Zu den Diskutanten gehört auch Oliver Kahn, der seine ganz eigene Erfahrung mitbringt.
Kahn: "So etwas sollte man nicht öffentlich sagen"
"Jürgen Klopp hat auch einen interessanten Satz über Kimmich gesagt: 'Ich möchte die Mannschaft auch mal ohne den Leitwolf sehen.' Ich persönlich finde diese Aussage aus Sicht von Joshua Kimmich nicht besonders positiv", sagte der langjährige Nationaltorwart in einer Talkrunde von RTL und Sky. "Denn was sagt er damit? Er möchte sehen, ob eine bestimmte Persönlichkeit möglicherweise eine Mannschaft hemmt. Und das gibt es tatsächlich", führte Kahn weiter aus. Nach Ansicht des 57-Jährigen hat Klopp das Standing des Kapitäns durch sein Agieren infrage gestellt. "So etwas sollte man öffentlich nicht sagen, weil man den Spieler damit auf eine gewisse Art und Weise diskreditiert."
Kahn war selbst jahrelang Kapitän der DFB-Elf. Als im Jahr 2004 Jürgen Klinsmann das Amt des Bundestrainers übernahm, wanderte die Binde von Kahn zu Michael Ballack. Zwei Jahre später degradierte Klinsmann den Vize-Weltmeister von 2002 überdies zur Nummer zwei und machte dessen Erzrivalen Jens Lehmann für die Heim-WM 2006 zum Stammtorwart.
Klopp hatte vor dem Thema rund um das zweite Griechenland-Spiel mehr oder weniger kapituliert - weil die Medien ohnehin "etwas draus" machen würden. Lothar Matthäus hält das mediale Bohei indes für übertrieben und interpretiert in Klopps Vorgehen - anders als sein früherer Bayern-Kollege Kahn - nichts weiter hinein. "Jürgen Klopp hat es ja erklärt, warum er diese Maßnahme ergriffen hat und die Mannschaft zweimal ohne ihren Kapitän auskommen musste. Für mich ist Joshua Kimmich gesetzt. Ich beteilige mich überhaupt nicht an dieser Diskussion, ob wir ihn brauchen oder nicht", sagte der Rekordnationalspieler: "Joshua Kimmich war für mich der beste Feldspieler beim ersten Spiel in den Niederlanden. Er ist ein Anführer, er hat Erfahrung. Er trägt dazu bei, Mannschaften stärker zu machen."
