Jürgen Klopp lachte immer noch, er umarmte seine Spieler und zwinkerte den Gegnern zu. Zum Abschied winkte er ins Publikum. Der schlechteste Start eines Bundestrainers in der deutschen Fußball-Geschichte ist zwar eine erste Ernüchterung für den allseits verehrten Heilsbringer - und doch sagt er angesichts der Umstände wenig aus. Klopps wild durchgemischte "Balldiebe" unterlagen Griechenland im zweiten Teil des XXL-Castings mit 0:1 (0:0).
"Wir sind enttäuscht und sauer. Wir haben das nicht gut gemacht", kritisierte Innenverteidiger Jonathan Tah im ARD-Interview. "Der Mut sollte uns eigentlich nicht fehlen, aber wir haben nicht genutzt, was sie uns angeboten haben. Wir haben das Tor nicht genug bedroht." TV-Experte Bastian Schweinsteiger stellte fest: "Wir sind im Mittelmaß angekommen." So ist es. Vom rasenden Power-Stil des neuen Bundestrainers ist die deutsche Nationalmannschaft noch weit entfernt. Bei seinem Heimdebüt sah Klopp zwar lange Zeit ermutigende Fortschritte in Zuordnung und Abwehrverhalten, dann aber wurde seine Defensive doch kalt erwischt.
Kimmich fälscht unglücklich ab
DFB-Kapitän Joshua Kimmich fälschte einen Schuss von Dimitrios Kourbelis (74.) unhaltbar für Alexander Nübel ins eigene Tor ab. Das war Pech, Deutschland hatte vor 28.945 Zuschauern auch Gelegenheiten, die erste Niederlage gegen Griechenland überhaupt zu verhindern. Aber insgesamt war das Spiel nach vorne arg schleppend.
Vor dem großen "Bettenwechsel" wollte der Bundestrainer unbedingt mehr Kandidaten unter Nations-League-Spieldruck sehen. Er wechselte daher auf fünf Positionen, was den Kombinationsfluss erheblich hemmte: Teils gezwungenermaßen, teils freiwillig baute Klopp nach dem recht vielversprechenden Auftakt in den Niederlanden (1:1) um. So stellte er den Hoffenheimer Bambasé Conté ins offensive Mittelfeld, den vierten Debütanten in seinem zweiten Spiel.
Deutschland - Griechenland 0:1 (0:0)
Deutschland: Alexander Nübel/Besiktas Istanbul (29 Jahre/4 Länderspiele) - Josha Vagnoman/VfB Stuttgart (25/3), Yann Aurel Bisseck/Inter Mailand (25/2), Jonathan Tah/FC Bayern München (30/53), Nathaniel Brown/Bayern München (23/10) ab 84. Hennes Behrens/FC Augsburg (21/1) - Joshua Kimmich/Bayern München (31/116) - Felix Nmecha/Borussia Dortmund (25/14) ab 84. Anton Stach/Leeds United (27/5), Bambasé Conté/TSG Hoffenheim (23/1) ab 65. Florian Wirtz/FC Liverpool (23/46) - Karim Adeyemi/FC Barcelona (24/13) ab 76. Serge Gnabry/Bayern München (31/61), Younes Ebnoutalib/Eintracht Frankfurt (23/2), Kevin Schade/FC Brentford (24/7) ab 65. Jonathan Burkardt/Eintracht Frankfurt (26/6). - Trainer: Klopp
Griechenland: Konstantinos Tzolakis/Hull City (23/11) - Georgios Vagiannidis/Sporting Lissabon (25/15) ab 46. Manolis Saliakas/Olympiakos Piräus (30/5), Konstantinos Mavropanos/West Ham United (28/44), Panagiotis Retsos/Olympiakos Piräus (28/25), Kostas Tsimikas/FC Liverpool (30/53) - Christos Zafeiris/PAOK Thessaloniki (23/19) ab 59. Dimitrios Kourbelis/Asteras Tripolis (32/56), Thanasis Androutsos/OFI Kreta (29/13) - Konstantinos Karetsas/Borussia Dortmund (18/12), Andrews Tetteh/Panathinaikos Athen (25/8) ab 59. Fotis Ioannidis/Sporting Lissabon (26/23), Christos Tzolis/FC Arsenal (24/36) ab 81. Georgios Masouras/Neom SC (32/61) - Vangelis Pavlidis/Benfica Lissabon (27/59) ab 89. Giannis Michailidis/PAOK Thessaloniki (26/4). - Trainer: Jovanovic
Schiedsrichter: Christopher Kavanagh (England)
Tor: 0:1 Kourbelis (74.)
Gelbe Karten: Bisseck - Vagiannidis, Karetsas, Retsos, Kourbelis
Zuschauer: 28.945 (in Augsburg)
Conté hat bisher elf Bundesliga-Partien über insgesamt 295 Minuten absolviert; Klopp, der erneut auf ein 4-3-3 setzte, hob aber im ARD-Interview die "Ballklau-Mentalität" des 23-Jährigen hervor. Allzu große Schüchternheit jedenfalls ist offensichtlich nicht das Problem: Nach nicht einmal zwei Minuten gab Conté den ersten deutschen Torschuss ab.
Goldene Generation der Griechen
Und Klopp? Der saugte gedankenverloren die Atmosphäre ein und summte "Major Tom" mit, dann ließ er seine Balljäger auf die "goldene Generation" der Griechen los. Und das in einer Aufstellung, die noch vor Wochen undenkbar gewesen wäre: Auch Nübel im Tor, Rechtsverteidiger Josha Vagnoman für Philipp Treu sowie Yann Aurel Bisseck in der Innenverteidigung und Younes Ebnoutalib im Sturm waren neu dabei. Dazu: noch ganze vier WM-Stammspieler. Später durfte auch Hennes Behrens debütieren.
Griechenland deutete offensiv nur an, warum es als Mannschaft der Zukunft gilt. Klopp coachte sehr aktiv, er schnappte sich erst Vagnoman, der Arsenal-Star Christos Tzolis die Stirn zu bieten hatte, und dann Kimmich, um mit Erfolg nachzuschärfen.
Joshua Kimmich ist der große Unglücksrabe
Vorne tat sich bei viel Ballbesitz besonders auf den Flügeln wenig, Karim Adeyemi (27./32.) allerdings war mit mehreren guten Gelegenheiten auffällig. Ebnoutalib wurde kaum brauchbar angespielt, die Lieferwege waren dicht. Immerhin: Die deutsche Mannschaft zeigte sich stabil, wach und gewillt, sie war aufmerksam bei zweiten Bällen. Das honorierten die Fans - erstmals seit 25 Jahren waren bei einem deutschen Heimspiel wieder Stehplätze geöffnet.
Neuer Biss schnell verpufft
Nach der Pause sollte auf die Pflicht die Kür folgen: Klopp schickte sein Team mit neuem Biss auf den Platz. Der gute Conté nach starker Balleroberung (49.) und Nathaniel Brown (51.), dessen Zuspiel Ebnoutalib verpasste, näherten sich dem Tor. Kimmich (53.) versenkte beinahe einen Freistoß direkt. Die vermisste Spritzigkeit war plötzlich da, Griechenland kickte mehr oder weniger lustlos mit.
Klopp ergriff seine Chance, Florian Wirtz und Jonathan Burkardt sollten den Riegel der gut organisierten Gäste doch noch knacken. Aber nach einem Kimmich-Ballverlust stand dann urplötzlich Fotis Ioannidis alleine vor Nübel, er schob den Ball links vorbei (67.). Wenig später traf Kourbelis.
Im deutschen Camp folgt nun der Bettenwechsel, in den beiden weiteren Nations-League-Spielen gegen Serbien (1. Oktober) in München und gegen Griechenland (4. Oktober) in Thessaloniki hoffen neun weitere Neulinge auf ihr DFB-Debüt. Der nominell schwächer besetzte "Kader 2" mit Nick Woltemade und Said El Mala saß in Augsburg auf der Tribüne und feuerte die Kollegen an. Vergeblich.
