Fußball

"Ich bin tief erschüttert" Grindel tritt als DFB-Präsident zurück

Der Druck ist in den vergangenen Tagen groß, seine Fehltritte häufen sich. Nun zieht Reinhard Grindel die Reißleine: Der 57-Jährige legt mit sofortiger Wirkung sein Amt als DFB-Präsident nieder. Bis zu den Neuwahlen im September führen die Vizepräsidenten Reinhard Rauball und Rainer Koch den Verband.

Reinhard Grindel hat sich nach einer Serie von Fehltritten dem Druck gebeugt und ist als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes zurückgetreten. "Tief erschüttert" über seine Versäumnisse räumte er mit einer fünfminütigen Erklärung in der Verbandszentrale nach nicht einmal drei Jahren seinen Posten. Enthüllungen über fragwürdige Zusatzeinkünfte und die Annahme einer teuren Uhr kosteten den 57 Jahre alten Funktionär letztlich den Job.

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Herr Grindel?

(Foto: imago/Robert Michael)

"Dass ich wegen eines solchen Vorgangs öffentlich so da stehe, macht mich fassungslos und traurig", sagte Grindel bei der hastig einberufenen Medienrunde in Frankfurt am Main. Konzentriert und mit etwas Verbitterung in der Stimme las er die Erklärung vom Blatt ab, fast zeitgleich verschickte der DFB all seine Statements. Mit Generalsekretär Friedrich Curtius hatte Grindel den Schritt offenbar schon am Montag besprochen. Seine Nachfolge treten bis zum DFB-Bundestag am 27. September Ligapräsident Reinhard Rauball und DFB-Vizepräsident Rainer Koch als Vertreter der Amateure an. Sie leiten den Verband bis dahin kommissarisch.

So war es schon über den Jahreswechsel 2015/2016, als Wolfgang Niersbach im Zuge des Skandals um die Vergabe der Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland gehen musste. Im April 2016 hatte dann Grindel den Posten übernommen. Seit 114 Jahren hat kein DFB-Boss kürzer amtiert als er. Zur Nachfolge-Suche sagte Koch: "Unser Ziel ist es jetzt, einen gemeinsamen Kandidaten von DFB und DFL außerhalb des Präsidiums zu finden, der die Anliegen des Amateurfußballs ebenso im Blick hat wie den Spitzenfußball." Rauball sieht durch den Rücktritt Grindels den Weg "für einen personellen, aber auch strukturellen Neuanfang innerhalb des DFB" frei.

Die Ämter bei Fifa und Uefa behält er

Weder im Präsidium noch bei weiteren deutschen Spitzenfunktionären schien Grindel in den vergangenen Tagen noch irgendeine Form von Kredit zu haben - zu viel war passiert in den vergangenen zwölf Monaten. DFB-Ehrenspielführer Philipp Lahm wehrte noch am Vorabend des Rücktritts Spekulationen ab, er werde Grindel beerben. "Heute ist der 1. April. So will ich das mal stehen lassen", hatte er gesagt. Gerüchte gibt es auch um ein Interesse an Ex-Profi Christoph Metzelder, der als Sportchef beim Bundesligisten FC Schalke 04 im Gespräch ist.

Alle Präsidenten des DFB

Die Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) seit der Gründung im Jahr 1900:

  • 1900 bis 1904: Ferdinand Hueppe
  • 1904 bis 1905: Friedrich Wilhelm Nohe
  • 1905 bis 1925: Gottfried Hinze
  • 1925 bis 1945: Felix Linnemann
  • 1950 bis 1962: Peco Bauwens
  • 1962 bis 1975: Hermann Gösmann
  • 1975 bis 1992: Hermann Neuberger
  • 1992 bis 2001: Egidius Braun
  • 2001 bis 2004: Gerhard Mayer-Vorfelder
  • 23.10.2004 - 07.09.2006: Gerhard Mayer-Vorfelder/Theo Zwanziger
  • 08.09.2006 - 01.03.2012: Theo Zwanziger
  • 02.03.2012 - 09.11.2015: Wolfgang Niersbach
  • 10.11.2015 - 14.04.2016: Rainer Koch/Reinhard Rauball (interimsweise)
  • 15.04.2016 - 02.04.2019: Reinhard Grindel
  • seit 02.04.2019: Reinhard Rauball/Rainer Koch (interimsweise bis 27. September 2019)

Seine Ämter im Exekutivkomitee des europäischen Verbands Uefa und im Council des Weltverbands Fifa wird Grindel indes "in enger Abstimmung mit dem DFB" fortführen, hieß es. Die Posten werden mit etwa einer halben Million Euro pro Jahr entlohnt. Sie sind an die Person gebunden, nicht an das Amt beim DFB. Der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete und ZDF-Journalist war zunehmend in die Kritik geraten. Der "Spiegel" hatte berichtet, Grindel habe Vergütungen in Höhe von 78.000 Euro als Aufsichtsratschef der DFB-Medien Verwaltungs-Gesellschaft in den Jahren 2016 und 2017 nicht publik gemacht.

Der DFB wies den Vorwurf der Verschleierung zurück. Grindel habe bei seinem Amtsantritt korrekte Auskünfte über seine Einkünfte gemacht und den gut dotierten Aufsichtsratsposten erst drei Monate später angetreten. Grindel äußerte sich dazu nicht, selbst in seiner Rücktrittserklärung thematisierte er dies mit keinem Wort. Die Vorwürfe kratzten an seinem Versprechen, beim Verband nach der Affäre um die Vergabe der WM 2006 für Transparenz zu sorgen. Es folgte ein Bericht der "Bild"-Zeitung, dass Grindel eine Luxusuhr vom früheren ukrainischen Verbandsboss Grigori Surkis angenommen habe. Grindel bestätigte dies in seiner Rücktrittserklärung und bezifferte den Wert der Uhr auf 6000 Euro.

"Für mich war das ein reines Privatgeschenk"

"Für mich war das ein reines Privatgeschenk. Es war ein Gebot der Höflichkeit, dieses Geschenk anzunehmen", sagte Grindel. Es habe aus seiner Sicht zwar kein Interessenkonflikt bestanden, doch der Vorgang war nach eigener Aussage alleine Grund genug, seinen Posten zu räumen. Den Wert der Uhr kenne er erst seit vergangenem Wochenende, versicherte Grindel. Er werde sich wegen der Sache auch an die Compliance-Beauftragten von Uefa und Fifa wenden. "Ich habe keinerlei Gegenleistung für die Annahme des Geschenks erbracht", versicherte Grindel.

Auch wenn er gegen Meldepflichten verstoßen habe, stehe seine Integrität nicht in Zweifel. Es sei aber die Bewertung der Compliance-Abteilungen abzuwarten, die für Grindel noch unangenehm werden könnten. Wegen der neuerlichen Negativ-Schlagzeilen hatte Grindel in den vergangenen Tagen offenkundig den Rückhalt in der Verbandsspitze endgültig verloren.

In der Tat häuften sich Grindels Missgeschicke. In der Causa um die Fotos von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem umstrittenen türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan ließ er es an klarer Linie vermissen. Grindel musste sich vorwerfen lassen, er habe sich nicht entschieden gegen rassistische Attacken gestellt und Özil zum Schuldigen für das WM-Scheitern der Nationalmannschaft gemacht. Zuvor hatte es bereits Kritik wegen einer übereilten Vertragsverlängerung mit Bundestrainer Joachim Löw gegeben. Unglücklich wirkte Grindel auch, als er den Umgang von Löw mit der abrupten Ausmusterung der Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng monierte - und dann schnell zurückrudern musste. Jetzt ist Grindel beim DFB selbst Geschichte.

Quelle: n-tv.de, Patrick Reichardt und Christian Hollmann, dpa