Es war ein langer Abend in London. Überraschend pannenreich begann die Auszeichnung der besten Fußballspielerinnen und Fußballspieler auf dem Planeten. Erst landeten die Sieger-Porträts der drei aussichtsreichsten männlichen Kandidaten schon vorher im Internet, dann begann die Gala für die goldenen Fußbälle auch noch eine dreiviertel Stunde später als geplant.
Für einen muss sich das alles wie eine Ewigkeit angefühlt haben. Normalerweise ist Harry Kane jemand, der die Dinge selbst in der Hand (beziehungsweise in den Füßen) hat. Dass er das kann, bewies er seine gesamte Karriere schon. Er schoss so viele Tore, dass er selbst irgendwann dachte, er langweile die Menschen. In der vergangenen Saison übertrieb er es: 73 Tore in 65 Pflichtspielen erzielte er für den FC Bayern und die englische Nationalelf. Uli Hoeneß legte sich ihm zu Füßen, bezeichnete ihn als Aushängeschild seines FC Bayern. "Ich bin verliebt in Harry Kane", sagte er.
Doch diesmal hatte Kane nichts selbst in der Hand, deshalb war er so nervös. 100 Journalistinnen und Journalisten stimmen über den Ballon d'Or ab. Eine Person pro Land. Man könnte wie Markus Babbel und andere argumentieren, dass die Kür eines Individuums in einem Teamsport eigentlich eine "Clownveranstaltung" sei. Denn selten hängt der Erfolg von elf Leuten ja nur von einem Spieler ab.
Selbst der FC Bayern kämpft
Vielleicht sind solche Events tatsächlich nur dazu da, um die Egos von Superstars zu streicheln. Vielleicht sind sie es aber auch nicht. Am Ende des Abends steht Harry Kane am Pult, der goldene Ball vor ihm. Zittrige Stimme, Tränen in den Augen. Es ist die Geschichte eines 33-jährigen Ausnahmefußballers, der international endlich die Wertschätzung bekommt, die er verdient. Kane kam als fertiger Stürmer, als Rekordeinkauf der Liga zum FC Bayern - und doch hob ihn die Zeit dort auf eine neue Stufe.
Aber nicht nur das. Der Preis ist auch wichtig für sein Umfeld: Es ist auch der erste Ballon d'Or für die Bundesliga seit 1996. Damals gewann Matthias Sammer für Borussia Dortmund. Die Bundesliga hat seit jeher den Ruf, nur der Proberaum für die großen Fußballbühnen der Welt zu sein. Zahlreiche Beispiele untermauern das: Erling Haaland zog es immerhin vom Vizemeister in die Premier League zu Manchester City. Ähnlich lief es bei Jude Bellingham, der ebenfalls den BVB verließ, um auf Titeljagd mit Real Madrid zu gehen. Wer ein Superstar werden will, der verlässt die Bundesliga.
Selbst der größte und strahlendste Klub der Bundesliga hat mit diesem Problem zu kämpfen. Zwei Triple, zahlreiche deutsche Meisterschaften: Doch der FC Bayern hatte seit 1981 keinen Ballon-d'Or-Gewinner in seinen Reihen, seit Karl-Heinz Rummenigge. Dafür gibt es verschiedenste Erklärungen: Robert Lewandowski gewann 2020 den goldenen Ball nicht, weil die Verleihung Corona-bedingt nicht stattfand. Mit dem Triple, dem eingestellten Gerd-Müller-Rekord in der Bundesliga gewann er nur den (unwichtigen) Weltfußball-Pokal der FIFA, aber nicht das Prestigeobjekt.
Und davor? Die vergangenen 20 Jahre machten Lionel Messi und Cristiano Ronaldo praktisch alle individuellen Auszeichnungen des Weltfußballs unter sich aus. Sie stellten selbst Ausnahmeerscheinungen in den Schatten. Etwa der "Raub" von 2013: Als ein fantastischer Franck Ribéry mit dem FC Bayern das erste Triple der Vereinsgeschichte holte. Doch am Ende hielt CR7 den goldenen Ball in den Händen. Weil er Portugal in den Play-offs gegen Schweden alleine zur WM schoss.
Richtungsweisend für Olise?
Doch die Superhelden sind nun mehr oder weniger weg. Messi landete zwar in der Top Ten, sammelte aber außerhalb der Weltmeisterschaft keine Argumente. Und Ronaldo tat nicht mal mehr das. Das Rennen um den Ballon d'Or war damit so offen wie wohl lange nicht mehr. Eine neue Generation hat endlich die Chance. Und damit auch endlich für die Chance für die Bundesliga, zu zeigen, dass auch dort Superstars wachsen können.
Die Herausforderer von Kane hatten alle möglichen Argumente. Reals Kylian Mbappé erlebte eine überragende persönliche Saison. Und klar, da sind noch Rodri und Fabián Ruiz, die stellvertretend für die spanischen Weltmeister stehen. Oder Linksverteidiger Marc Cucurella, der Favorit von Felix Magath. Oder Ousmane Dembélé, der wie PSG die Königsklasse auch seinen persönlichen Titel hätte verteidigen können. Vielleicht die besten Argumente hatte Lamine Yamal, er wurde als bestes Talent ausgezeichnet.
Doch es wurde Kane, der sich um kurz vor Mitternacht deutscher Zeit bei seinen Trainern, Wegbegleitern und seiner Familie bedanken durfte. Und der am Ende einen Satz sagte, der für seinen Klub sehr wertvoll ist. Der FC Bayern sei "eine Bühne für Weltklasse". Für die Bundesliga ist das ein gutes Signal. Spätestens nach den Debatten über Weltklasse in der deutschen Nationalelf dürstet der Fußball hierzulande nach einem Erfolgserlebnis. Denn was wäre die Botschaft gewesen, wenn er nicht gewonnen hätte: Nicht mal der kompletteste Fußballer aktuell mit einer sagenhaften Torquote kann als Bundesliga-Profi den Ballon d'Or gewinnen?
Aber doch, er kann. "Das ist ein stolzer Tag für den FC Bayern", sagte Präsident Herbert Hainer daher. Bei den Münchnern stehen bald Vertragsgespräche mit Michael Olise an, dem nächsten Ballon-d'Or-Kandidaten. Er saß in London im Publikum, schaute sich genau an, wo er in ein paar Jahren stehen könnte. Und das, selbst wenn er in der Bundesliga bleibt.



