Fußball

Als Trainerin in der Männerwelt Inka Grings glänzt nicht nur an der Torwand

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Inka Grings hat als Spielerin 271 Erstliga-Spiele bestritten.

(Foto: imago images/Dünhölter SportPresseFoto)

Am 1. April 2019 übernimmt die Bundesliga-Rekord-Torschützin Inka Grings in Straelen als erste Frau eine Männer-Mannschaft aus den obersten vier Ligen. Einen Abstieg und einen sehr wahrscheinlichen Aufstieg später ist der Vereinsboss begeistert. Grings selbst hat allerdings noch andere Pläne.

Als Inka Grings erfährt, welches Fazit ihr Klubchef zu einem Jahr Trainerjob bei der Männer-Mannschaft des SV Straelen zieht, muss sie lachen. Die frühere Fußball-Nationalspielerin und Rekord-Torschützin der Frauen-Bundesliga ist mit ihrem Hund gerade auf dem Weg zum Tierarzt. "Ist ja interessant", sagt die 41-Jährige am Telefon. Vor einem Jahr verpflichtete der damalige Regionalligist aus Nordrhein-Westfalen Inka Grings als neue Cheftrainerin. Am 1. April trat sie ihren Job an - als erste Frau in Deutschland, die eine Herren-Auswahl aus den höchsten vier Spielklassen betreut.

Der öffentliche Rummel war ähnlich groß wie wenige Monate zuvor, als der Fünftligist BV Cloppenburg Imke Wübbenhorst als Trainerin vorstellte. "Frauen, die über Männer gebieten, sind im Fußballsport nicht gerade die Normalität", schrieb die Wochenzeitung "Die Zeit" Anfang Mai 2019 und schickte einen Reporter in die Kleinstadt bei Venlo am unteren Niederrhein unweit der Grenze zu den Niederlanden. Wübbenhorst ist mittlerweile nicht mehr im Amt, ihr Fußball-Kulturpreis-gekrönter Spruch "Ich bin Profi. Ich stelle nach Schwanzlänge auf." aber Bestandteil jeder Zitate-Sammlung. Den Abstieg konnte Inka Grings nicht verhindern, doch die 96-malige Nationalspielerin wurde weder beurlaubt noch trat sie zurück. "Es macht wahnsinnig viel Spaß. Die Oberliga ist eine extreme sportliche Herausforderung. Ich sammle Erfahrungswerte, die mich reifen lassen", sagt sie.

Grings beherrscht die Torwand

"Was ich an ihr bewundere", sagt der Bauunternehmer Hermann Tecklenburg, Präsident des Vereins und Ehemann der Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg, "ist Folgendes". Und dann fängt der 71-Jährige an zu erzählen und aufzuzählen. Und stellt Grings ein exzellentes Arbeitszeugnis aus. "Wenn wir in der 85. Minute 3:0 führen, steht sie immer noch voller Energie und Engagement an der Linie und gibt Anweisungen", sagt Tecklenburg. "Wenn es kurz vor Schluss unentschieden steht, löst sie die Abwehrkette auf, schickt unseren fast zwei Meter großen Innenverteidiger in den Sturm und will noch gewinnen. Dreimal hat sie das in dieser Saison gemacht, dreimal hat es geklappt", sagt er.

Inka Grings gibt beim Viertligisten den Ton an.

Inka Grings, Trainerin vom SV Straelen.

(Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Für den FCR 2001 Duisburg erzielte Inka Grings in 271 Erstliga-Spielen 353 Treffer. Sie wurde sechsmal Bundesliga-Torschützenkönigin. Mit der DFB-Elf holte sie zweimal den EM-Titel und krönte sich bei beiden Turnieren (2005 und 2009) zur besten Torschützin. In 96 Länderspielen erzielte sie 64 Treffer. Sie spielte auch in Zürich, Chicago und zum Ausklang ihrer aktiven Karriere beim damaligen Zweitligisten Köln. Im Oktober sorgte sie für Furore, als sie im ZDF-"Sportstudio" nach 20 Jahren erstmals wieder für eine fast perfekte Serie an der Torwand sorgte und fünfmal traf. Grings galt schon immer als extrem ehrgeizig und dabei nicht immer pflegeleicht. "Ich war nie jemand, der quergeschossen hat. Wer fair mit mir umging, bekam eine Inka Grings zu hundert Prozent", hat sie einmal gesagt.

Grings steht am Anfang ihrer zweiten Karriere

Grings äußert sich zur Frauenquote ("So wichtig sie auch ist, ist sie auch sehr traurig"), spricht sich für eine Frau an der Spitze des Deutschen Fußball-Bundes aus, fordert mehr Engagement der Vereine bei der Förderung des Frauenfußballs oder scheut sich auch nicht, die Leistungen der Nationalmannschaft bei der dürftigen WM im vergangenen Sommer in Frankreich öffentlich zu kritisieren. Der "Süddeutschen Zeitung" sagte sie im vergangenen Jahr, dass im Frauenfußball mehr "Leidenschaft und Identifikation" herrsche als bei den Männern. Dort zähle nur "Geld, Geld, Geld, Liga und Erfolge, egal ob es Sinn macht oder nicht". Und dennoch will sie genau dort hin. Seit 2014 ist Inka Grings Trainerin, erst in Duisburg, dann bei den U-17-Junioren von Viktoria Köln, nun in Straelen. Mit dem heutigen Leipzig-Coach Julian Nagelsmann absolvierte sie 2016 ihre Fußballlehrer-Ausbildung. "Ich stehe am Anfang meiner Trainerkarriere. Meine Devise lautet, zu arbeiten und mich weiterzuentwickeln", sagt sie.

Sie verfolgt andere Ziele, ehrgeizigere Ziele, als eine Oberliga-Mannschaft zu trainieren. Sollte die wegen der Coronavirus-Pandemie unterbrochene Saison fortgesetzt werden, wird sie mit Straelen wohl wieder aufsteigen. 19 Punkte Vorsprung hat der Tabellenführer der Oberliga Niederrhein auf den Zweiten 1. FC Monheim. "Aktuell konzentriere ich mich voll auf meinen Job. Ich bin vom Charakter her so, dass ich das, was ich im Moment mache, zu hundert Prozent mache. Und dann wird sich zu gegebener Zeit sicher etwas ergeben", sagt sie selbstbewusst. Ob die Gesellschaft, ob die Welt des Fußballs reif sei für eine Trainerin in der ersten oder zweiten Liga der Männer? Für eine wie sie in dieser Rolle? "Dafür bin ich die falsche Ansprechpartnerin", sagt Inka Grings. "Das müssen andere Menschen beantworten."

Quelle: ntv.de, Wolfgang Müller, dpa