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Wahrheits-Wochen in ManchesterRoter Gigant erwacht von den Toten - nur wie lange?

07.03.2026, 09:58 Uhr
imageVon Tom Veltrup
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Für Michael Carrick und Manchester United stehen entscheidende Spiele an. (Foto: IMAGO/Offside Sports Photography)

Elf Ligaspiele in Serie war Manchester United ungeschlagen. Vor allem Interimstrainer Michael Carrick entfachte Euphorie, die beim einstigen englischen Riesen längst verloren schien. Doch die Pleite in Überzahl lässt erneute Zweifel aufkommen.

Es ist die 90. Minute im St. James Park in Newcastle. Das Stadion flippt nach dem 2:1-Siegtreffer der Magpies in Unterzahl aus, während Manchesters Kapitän Bruno Fernandes zu Boden sinkt. Es ist das abrupte sowie unerwartete Ende einer wochenlangen Erfolgswelle. Nach zuvor sechs Siegen und einem Remis unter Carrick war es sportlich ungewohnt ruhig rund um den englischen Rekordmeister geworden.

Selbst von fragwürdigen Aussagen von Teileigentümer Sir Jim Ratcliffe hat sich rund ums Old Trafford niemand anstecken lassen. Der 73 Jahre alte Multimilliardär hatte in einem Interview gegen Migranten gewettert, die United-Fans ihn mit Bannern im Stadion hart dafür kritisiert. Was früher zu großer Unruhe hätte führen können, war auch aufgrund der sportlichen Renaissance der Red Devils nur Hintergrundrauschen.

Klub rennt Ferguson-Ära noch immer hinterher

Seit sich Trainerikone Sir Alex Ferguson 2013 mit dem bis dato letzten Meistertitel in den Ruhestand verabschiedete, befindet sich der Klub auf Sinnsuche. Vor vier Jahren erklärte Ralf Rangnick während seiner weithin erfolglosen Zeit als Interimstrainer, dass United eine "Operation am offenen Herzen" benötige.

Den Tiefpunkt erreichte United in der Amtszeit von Carricks Vorgänger Rúben Amorim. In 63 Spielen an der Seitenlinie holte der Portugiese gerade einmal 25 Siege bei 23 Niederlagen. Der Punkteschnitt pro Spiel von 1,43 ist der schlechteste unter den United-Trainern seit Frank O'Farrell 1972.

Unter Amorim landeten die Red Devils in der vergangenen Saison auf dem 15. Tabellenplatz und verloren eins der unansehnlichsten Finals der Europa-League-Geschichte mit 0:1 gegen den damaligen Tabellen-17. Tottenham Hotspur. Trotz Tottenhams erstem Titel seit 2008 feuerten sie Trainer Ange Postecoglou - aktuell kämpfen sie akut um den Klassenerhalt in der Premier League.

United hingegen hielt an Amorim fest. Und auch das war nicht von Erfolg gekrönt. Es folgte eine der größten Blamagen der Vereinsgeschichte: United unterlag in der 2. Runde des Carabao Cups dem Viertligisten Grimsby Town mit 13:14 nach Elfmeterschießen. Auch in der Liga lief es holprig, nach einem 1:1 bei Aufsteiger Leeds United Anfang Januar zogen die Verantwortlichen die Reißleine. Amorim selbst verließ das Vereinsgelände mit einem breiten Grinsen im Gesicht - wissend, dass seine Abfindung bis zu 18 Millionen Euro schwer werden könnte.

Carrick meistert schwerstmögliches Auftaktprogramm

Daraufhin übernimmt Carrick zum zweiten Mal nach 2021 interimsweise die Verantwortung bei seinem Herzensklub. Der ehemalige Sechser war ein fester Bestandteil in Fergusons goldener Ära. Mit United gewann er unter anderem fünf Mal die Premier League und 2008 die Champions League, ehe er 2018 seine Schuhe an den Nagel hing. Danach wurde Carrick Co-Trainer. Er war nie der Mann für große Schlagzeilen.

Genau für diese sorgt er allerdings mit seinem beeindruckenden Einstand: Zum Auftakt gewinnt er 2:0 gegen Stadtrivale Manchester City, eine Woche später siegt United 3:2 bei Spitzenreiter Arsenal. 19 Punkte holt er aus den ersten sieben Spielen. Zwischendurch darf Kult-Fan "The United Strand" sogar hoffen, mit dem fünften Sieg in Folge erstmals seit Oktober 2024 seine Haare zu schneiden. Carrick lässt United plötzlich wieder von der Königsklasse träumen. Doch was ist sein Erfolgsrezept?

Systemumstellung trägt Früchte

Zuerst einmal das, was offensichtlich ist: Carrick wechselt von Amorims etablierter Dreierkette auf ein simpleres 4-2-3-1. Davon profitiert auch Kapitän Bruno Fernandes: Er kommt nun über seine Lieblingsposition, die klassische "Zehn". Unter Amorim kam er oft auf der Doppelsechs zum Einsatz - war zwar auch dort absoluter Leistungsträger, wurde jedoch durch defensive Aufgaben eingeschränkt. Eine Position weiter vorne kann er seiner Kreativität nun freien Lauf lassen. "Michael kam mit der richtigen Idee, den Spielern ihren Freiraum auf dem Spielfeld zu lassen", schwärmt der Kapitän selbst von seiner neuen Rolle.

Auf der Doppelsechs dahinter hält nun neben Casemiro Uniteds Eigengewächs Kobbie Mainoo die Stellung. Der zehnfache englische Nationalspieler spielte unter Amorim kaum eine Rolle, kam in 20 Spieltagen zuvor nur auf 228 Einsatzminuten in der Liga. Unter Carrick ist er wieder unangefochtener Stammspieler. Mainoo bringt neben Abräumer Casemiro Ruhe und Überlegenheit ins Spiel - genau das, was den erst 20-jährigen Engländer vor einigen Jahren zum Shootingstar machte und ihm ein Ticket für die Europameisterschaft 2024 sicherte.

Auch der Ex-Leipziger Benjamin Šeško scheint nun endlich in Manchester angekommen zu sein. Der 22-Jährige erzielte vier Treffer in den letzten sechs Partien. Damit netzte er unter Carrick genau so oft, wie in den 21 Ligapartien zuvor.

"Michael holt aus jedem das Beste heraus"

Doch die Systemumstellung allein brachte nicht die Trendwende. Es sind auch Carricks Führungsqualitäten und sein Feingefühl. "Du brauchst Menschen, die deine Qualität verstehen. Michael holt aus jedem das Beste heraus, nicht nur aus den Spielern, sondern auch aus dem Staff", erklärte Innenverteidiger Lisandro Martinez.

Auch Crystal Palaces Trainer Oliver Glasner zeigte sich kürzlich überrascht vom neuen United-Spirit: "Sie haben einen tollen Teamgeist. Es war wirklich beeindruckend zu sehen, wie Matheus Cunha gegen Everton einen gewonnenen Zweikampf feierte. Ich denke, genau das hat Carrick ins Team gebracht." 75-Millionen-Mann Cunha ist durch seine Stationen bei RB Leipzig und Hertha BSC auch aus der Bundesliga bekannt, jedoch gewiss nicht als Zweikampfmonster.

Auftritt gegen Newcastle ein Dämpfer

Mit all dieser positiven Frische fuhr Manchester United als formstärkstes PL-Team 2026 zum kriselnden Newcastle United, bei denen Nationalspieler Nick Woltemade übrigens krankheitsbedingt fehlte. Doch was bleibt, ist eine Niederlage trotz über einer Halbzeit in Überzahl. Aus dem Spiel heraus ging wenig zusammen. Deshalb stellt sich die Frage, ob die ersten Spiele unter Carrick nur auf den berühmten Trainereffekt zurückzuführen sind und United nun wieder sein altes Gesicht zeigt. Oder war Newcastle einfach ein Ausrutscher, der jedem mal passieren kann?

Eine Antwort darauf könnte es gleich nach der Partie am kommenden Samstag gegen Aston Villa (14.März / 15 Uhr) geben. Denn Villa steht punktgleich mit United auf Platz vier. Dahinter lauern Chelsea und Liverpool, die United innerhalb eines Spieltags vom dritten auf den sechsten Platz stoßen können - und damit weg von den Champions-League-Rängen. Der fünfte Platz würde in diesem Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit in der dem Rest Europas meilenweit entrückten Premier League für die Qualifikation reichen. Die UEFA-Einjahreswertung macht es möglich.

Carricks Zukunft noch ungewiss

Für Carrick und United steht ein richtungsweisender Saisonendspurt an. Neben Aston Villa folgen zwei weitere direkte Duelle im Kampf um die Königsklasse: am 33. Spieltag bei Chelsea und zwei Wochen später zuhause gegen Liverpool. Eine Qualifikation für die Champions League wäre wohl die Mindestvoraussetzung für einen dauerhaften Platz als Cheftrainer. Parallel brodelt schon die Gerüchteküche. Internationale Medien bringen neben Roberto Martinez auch den Ex-Frankfurter Glasner oder sogar Bundestrainer Julian Nagelsmann ins Spiel. Die "Bild" berichtet außerdem von einem Interesse an BVB-Coach Niko Kovac.

Carrick selbst konzentriert sich auf das Hier und Jetzt: "Es geht darum, im Moment zu leben, auf dem Boden zu bleiben und sich nicht zu sehr mitreißen zu lassen. Man muss das Selbstvertrauen nutzen. Wir sind hungrig auf mehr." Hunger, der gegen Newcastle nicht wirklich zu erkennen war. Mit einem Sieg gegen Aston Villa wäre das wohl vorerst wieder vergessen.

Quelle: ntv.de

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