Gianni Infantino droht jetzt auch juristischer Ungemach: Die UEFA bereitet eine Strafanzeige gegen den FIFA-Präsidenten vor. Dies geht aus einem 60-seitigen Dokument der UEFA hervor, der ntv/RTL und Sky vorliegt. Der Vorwurf lautet "kriminelle Misswirtschaft" im Zusammenhang mit dem gescheiterten Plan, kommerzielle Teile der Fußball-Weltmeisterschaften verkaufen zu wollen.
Die UEFA hatte nach Bekanntwerden des Plans mit dem Projekt "FIFA Forward Enterprise" von der FIFA verlangt, keinerlei Dokumente zu vernichten. Nun wurde dem Bericht zufolge die Herausgabe dieser Papiere beantragt. In dem Antrag heißt es, die UEFA und andere betroffene Parteien "bereiten sich darauf vor, in der Schweiz Strafanzeige gegen Infantino und möglicherweise weitere FIFA-Funktionäre und -Berater wegen strafbarer Geschäftsführung gemäß Artikel 158 des Schweizer Strafgesetzbuchs zu erstatten".
Teil der Kritik bezieht sich etwa auf den "absurd niedrig" angesetzten Unternehmenswert von rund 20 Milliarden US-Dollar für 20 Prozent der Anteile. Der Plan sei dazu gedacht gewesen, Infantino und einem kleinen Kreis "eine dauerhafte Beteiligung an den wertvollsten Vermögenswerten der FIFA zu verschaffen und ihnen anderweitig Gewinne daraus zu ermöglichen – zum Nachteil der FIFA, ihrer Mitglieder und anderer Akteure innerhalb der Fußballfamilie", hieß es.
Boykott aufgehoben, Konsequenzen nicht
Die UEFA bezieht sich bei der Beantragung der Freigabe auf die "Section 1782". Dieser ermöglicht es die Offenlegung von Informationen von einer in den Vereinigten Staaten ansässigen Einrichtung zu verlangen. Die UEFA soll bei einem Gericht in New York Unterlagen eingereicht haben, um mögliche Beweise der Investmentgesellschaft Thrive Capital Management anzufordern. Diese wurde von Joshua Kushner gegründet, sie hätte die Hauptrolle als Käufer spielen sollen. Infantino hatte den Verkaufsplan nach vehementer Kritik aus Europa, Asien und Nord- sowie Mittelamerika aufgegeben.
Die UEFA-Verantwortlichen treffen am heutigen Donnerstag im Rahmen der Champions-League-Auslosung in Monte-Carlo zusammen. Die 55 Mitgliedsstaaten der UEFA wollen bei dem Treffen Strategien für einen Machtwechsel beim Weltverband besprechen. Infantino steht nach dem zurückgezogenen Plan stark unter Druck - ist bislang aber der einzige Kandidat für die Wahl zum FIFA-Präsidenten im März 2027. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin hatte seine eigene Kandidatur abgelehnt.

Gerdes: "Weiterhin das Ziel, Infantino zu verdrängen"
Der angedrohte Boykott von Weltmeisterschaften war am Mittwoch Berichten zufolge zurückgenommen worden, weil die UEFA Zusicherungen von der FIFA erhalten hatte, dass es nie wieder zu Versuchen kommen wird, den Sport auf diese Weise zu verzerren. Damit kann die U20-WM der Frauen ab dem 5. September in Polen wie geplant mit allen Teams - auch den sechs aus Europa - beginnen. Das hatte die FIFA freudig kommentiert: "Die FIFA freut sich, dass alle qualifizierten Mannschaften an der bevorstehenden FIFA U-20-Frauen-Weltmeisterschaft teilnehmen werden. Die FIFA ist fest davon überzeugt, dass Fußball die Kraft hat, Menschen zu vereinen - selbst unter schwierigen Umständen - und freut sich darauf, alle Mannschaften und Spielerinnen in Polen willkommen zu heißen."

