Nachdem Gianni Infantino die Liebe eines ganzen Kontinents zuteil geworden war, warf er seinen Anzug beiseite und schnürte die Töppen. Bisschen Kicken nach erfolgreich abgeschlossener Mission. Der FIFA-Präsident hatte Afrikas Liebe mit einer Ruckrede auf den Kap Verden gewonnen. Seine "Brüder, Schwestern und Freunde" lauschten den Worten des Schweizer Libanesen mit italienischen Wurzeln und als er fertig war, da traten die Bosse der 54 afrikanischen Verbände zu Infantino, sie nahmen ihn in ihre Mitte. Infantino, der mächtigste Fußball-Funktionär jemals, war einer von ihnen. Der FIFA-Chef bedankte sich via Instagram für einen "wunderschönen Moment der Einheit".
Niemand beherrscht das Spiel der Liebedienerei so sehr wie Infantino. Dass er seine Zuneigung mit sehr viel Geld flankiert, ist das eine. Die FIFA habe, so betonte er, eine Milliarde Dollar in den vergangenen zehn Jahren auf dem Kontinent investiert. Aber Infantino umarmt die ihm ohnehin zugeneigten Menschen auch mit Worten. Er sprach von einer Rückkehr nach Hause, das wärmt das Herz. Er sprach davon, dass er von Verbänden lernen wolle. Das streichelt die Seele. Er schwärmt von der Liebe, die er spürt und lobt die Arbeit. Das sorgt für klingelnde, rote Ohren.

Gerdes nach UEFA-Treffen: "Wahlkampf wird schmutzig"
Das perfekte Geschenk im Gepäck
Und wenn Infantino nun die Kapverden verlässt, dann hat er im Gepäck, was er sich wünschte. Was er brauchte. Bei der Strategiekonferenz für Afrika erklärte CAF-Präsident Patrice Motsepe, dass alle 54 afrikanischen Mitgliedsverbände hinter dem lange hart angeschlagenen, aber mittlerweile wieder quick-erfreuten Infantino stünden, "einstimmig und bedingungslos". Die Nachricht wurde eilig per Mail verschickt. Versehen mit einer Spitze gegen die immer weniger mächtig wirkenden Gegner des amtierenden FIFA-Präsidenten. "Europa ist Europa" wurde die Mitteilung eingeleitet. Bedeutet: Was die UEFA macht, ist wumpe. Im FIFA-Kosmos ist nicht die Größe eines Verbands entscheidet. Jedes Mitglied hat eine Stimme mit gleicher Schwere.
Die Vertreterinnen und Vertreter der UEFA saßen parallel im noblen Hotel Ritz-Carlton in Berlin zusammen und verspielten erneut viel Zeit. Die UEFA will das Ende der Ära Infantino erzwingen. Im kommenden Jahr soll eine Wiederwahl unbedingt verhindert werden. Der Versuch, den Schweizer über seine hanebüchenen Alleingänge - Friedenspreis und gescheiterter Verkauf von WM-Rechten - und seine unseriöse Nähe zu Donald Trump - Aufhebung der WM-Sperre des US-Fußballers Folarin Balogun - zu stürzen ist bislang gescheitert. Und das bislang schärfste Schwert wurde nur einmal zum Säbelrasseln gezogen, um es unmittelbar vor dem Kampf wieder schüchtern in die Scheide zu stecken. Anders als mit großen Worten angekündigt, wurde die U20-WM der Frauen von den UEFA-Teilnehmern doch nicht boykottiert.
Die UEFA ist der mächtigste Anführer in der Opposition gegen Infantino. Zumindest auf dem Papier. Mit England, Spanien, Frankreich, Deutschland sollte eigentlich eine große Wirkmacht möglich sein. Doch der Erfolg stößt überraschend früh an Grenzen. Die Wut über den WM-Verkauf ebbte schnell ab. Kritische Stimmen aus Mittelamerika und Asien sind verstummt, deren Vertreter sogar im Wind umgefallen. Sahen erste Hochrechnungen tatsächlich gefährlich für Infantino aus, so sichert der 56-Jährige seine Machtbasis immer weiter ab. Und die UEFA ringt mit ihren Verbündeten darum, einen Gegenkandidaten zu finden. Aber offenbar traut sich niemand.
Mächtig nur auf dem Papier?
Nach UEFA-Chef Aleksander Ceferin hat sich offenbar der nächste lautstarke Kritiker aus dem Kreis der potenziellen Gegenkandidaten verabschieden. Der Kanadier Victor Montagliani habe seinem Stab mitgeteilt, dass er für eine weitere Amtszeit als Präsident des Verbands von Nord- und Mittelamerika sowie der Karibik kandidieren werde, berichtete der "Guardian". Dies hatte auch Ceferin für seine eigene Top-Position bei der Europäischen Fußball-Union UEFA verkündet. Salman bin Ibrahim Al Khalifa, Präsident der asiatischen Konföderation (AFC), wurde ebenfalls mal genannt, näherte sich Infantino aber in dieser Woche an. Die Frist für die Nominierung einer Alternative läuft am 18. November ab, die UEFA will auch aufgrund der Kandidatenfrage nochmal zusammenkommen.
Bei ihrem Treffen nun skizzierten die Vertreter der UEFA und der Verbände zwar das Profil für einen Herausforderer - ein Name soll allerdings erst später präsentiert werden. Vermutlich, weil es noch keinen gibt. "Es braucht einen Kandidaten, der den Fußball auch außerhalb von Europa wieder vereint und alle Konföderationen zusammenbringt", sagte UEFA-Vizepräsidentin Laura McAllister. "Es braucht jemanden, der integer ist, der die Governance stärkt. Das könnte jeder sein, aus jedem Teil der Welt."
Salman bin Ibrahim al-Chalifa knickt ein
Aber so lange niemand da ist, kann auch niemand das zurückerobern, was Infantino seit Wochen für sich gewinnt. Nachdem sich zuletzt mehrere arabische Verbände im Machtkampf auf die Seite des umstrittenen Chefs des Weltverbands gestellt hatten, schlug nun auch der Präsident des asiatischen Kontinentalverbands AFC moderatere Töne als zuvor an. Es gehe im angestrebten Reformprozess nicht um eine grundlegende Neugestaltung des FIFA-Governance-Systems, heißt es in einem Brief von FIFA-Vizepräsident Scheich Salman bin Ibrahim al-Chalifa an Infantino. Es müsse vielmehr geprüft werden, ob die bestehenden Governance-Strukturen der FIFA gestärkt werden können.
Vor zwei Monaten hatte der Top-Funktionär aus Bahrain Infantino noch in einem gemeinsamen Schreiben mit den Chefs der Kontinentalverbände aus Europa, und Nord- und Mittelamerika sowie der Karibik (Concacaf) scharf attackiert. Dies hatte unter anderem für Kritik aus Katar gesorgt. Der pflegt in die finanzstarke Golfregion seit Jahren enge Beziehungen. Katar verteidigte der Schweizer rund um die WM 2022 vehement, dazu wurde die Endrunde 2034 unter seiner Führung nach einem dubiosen Verfahren an Saudi-Arabien vergeben. Und er fliegt ja weiter mit dem Privatjet von Qatar Airways munter durch die Welt. So auch während der WM, als er das Turnier kurzzeitig wegen einer Beisetzung im Emirat verließ.
Ein Herz von Gianni
Diese Woche hatten 22 arabische Verbände ihre Unterstützung für Infantino erklärt. Die Vereinigung UAFA bekräftigte ihre "Unterstützung und Wertschätzung". Infantino habe "in den vergangenen zehn Jahren die Einheit der weltweiten Fußballgemeinschaft gestärkt, den Fußball weiterentwickelt und seine globale Reichweite deutlich vergrößert", hieß es. Durchaus brisant: Zwölf Mitglieder kommen aus der Asian Football Confederation (AFC), die mit der Europäischen Fußball-Union (UEFA) und der CONCACAF gegen den inzwischen verworfenen WM-Investorenplan des FIFA-Chefs rebellierte.
So weit weg Santa Maria von Berlin ist, so weit weg scheint derzeit der Abgang des Präsidenten, der sein Glück kaum fassen kann: "Ein herzliches Dankeschön an die CAF unter der Führung von Präsident Dr. Patrice Motsepe, an alle Präsidenten der FIFA-Mitgliedsverbände und Ehrengäste sowie an die Führungskräfte, FIFA-Legenden und meine Kollegen, die gemeinsam mit uns auf dem Platz standen – bei einem Spiel, das einmal mehr gezeigt hat, wie der Fußball die Menschen einfach mit purer Freude zusammenbringt." Ein Herz für Infantino, ein Herz von Infantino. Und Europa bleibt Europa.


