Wilde Szenen im Ruhrstadion

Der Schiri rettet bemerkenswerten Fußballabend in letzter Sekunde

imageVon Tobias Nordmann, Bochum
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Sean Klaiber erzielte das erlösende 1:1 für den VfL Bochum. (Foto: IMAGO/STEINSIEK.CH)
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23.10.2026 | 00:15 Uhr
Beim VfL Bochum ist die Laune nach zwei Minuten noch schlechter als das Wetter. Doch gegen den VfL Wolfsburg passiert danach Erstaunliches im Ruhrstadion. Und in der allerletzten Szene kehrt sogar das Glück zurück.

Manchester-Wetter in Bochum. Manchester-Wetter für den taumelnden City-Hall-of-Famer und VfL-Coach Uwe Rösler. Und dann das: Nicht einmal zwei Minuten sind im schrecklich ungemütlichen, bei peitschendem Regen und stürmischen Böen schlafgelegten Ruhrstadion gespielt, da liegt der Heim-VfL gegen den aus Wolfsburg mit 0:1 hinten. Flügelstürmer Fabian Reese, der wohl unbeliebteste Zweitliga-Profi der Gegenwart, drischt eine hohe Flanke von der anderen Seite kunstvoll direkt von der Strafraumkante aufs Tor. Der Ball setzt kurz auf und schlägt dann perfekt im langen Eck ein.

Eine auf Bochumer Stadiontoiletten gerne zitierte Weisheit wird neu aufgelegt. Mittlerweile als unerträglicher Evergreen: "Die gleiche Sch ... wie immer." Vier Mal hatte der VfL in dieser Saison zuhause gespielt, dabei lediglich ein kümmerliches Pünktchen ergattert. Es ist ein freier Fall. Das Ruhrstadion keine Festung mehr, sondern ein Gefängnis. Arrestiert darin die Fußballer und Trainer Rösler. Doch an diesem Freitagabend ist eben nicht alles sch... wie immer. An diesem Freitagabend erkämpft sich der heimische VfL ein hoch verdientes 1:1. Sean Klaiber gleicht nach 65 Minuten aus.

Das Ruhrstadion, von wütenden Herbstgrüßen durchgeschüttelt, dreht frei. Da muss ganz viel raus, ganz viel, was sich seit Wochen, seit Monaten in den Spielerherzen und Fanseelen angestaut hat. Sogar das behördlich auferlegte Hüpfverbot wird in aller Glückseligkeit vergessen. Der Last-Minute-Neuzugang hatte einen herausragenden Angriff mit einem wuchtigen Schuss finalisiert. Reese hatte mit einem nachlässigen Pass den Bochumer Ballgewinn erobert, über mehrere Stationen ging es im Ruhrpott-Tiki-Taka nach vorne. Die Mannschaft, sie sich so oft im Spielaufbau quälte, war berauscht.

Immer weiter volle Lotte

Und es sollte mehr her. Rösler duldete bei seinen atemlosen Fußballern keine Pause. Sofort sollten sie wieder wie eine Horde Stiere auf die Gegner losrennen. Der Coach, der um seinen Job kämpft, wollte an diesem Abend nicht nur den kleinen ausgestreckten Finger, der wollte nicht die Hand, er wollte mindestens den ganzen Arm. Der kurzhosige Vulkan schob die Pressinglinie immer weiter nach vorne. Druck, Druck, Druck und das als Krisenteam gegen den formerstarkten Aufstiegsfavoriten.

Er merkte, dass sich sein Team immer schwerer tat. Was sich vor allem mit der frühen Einwechslung von Wolfsburgs zum Teilzeit-Kapitän degradierten Maximilian Arnold begründete. Der ordnete die aus dem Gleichgewicht geratene Statik. "Er hat uns richtig wehgetan. Er hat sich immer wieder in die letzte Kette fallen gelassen, dort haben wir keinen Zugriff mehr bekommen", erklärte Rösler. Dennoch kombinierte sich sein VfL nach einem Ballgewinn von Mats Pannewig einmal erfolgreich durch.

Und dann brach Bochum noch einmal zusammen. Um 20.21 Uhr wurde die Heldengeschichte des Abends umgeschrieben. Nicht Klaiber war Protagonist, nicht der überragende Berkan Taz, der als neuer Spielmacher des Straßenfußball-VfL bislang so sehr fremdelte, nicht der sich bis zur totalen Erschöpfung aufopfernde Roadrunner Gerrit Holtmann. Nein, der Held war Kento Shiogai. Und zum Schock von über 20.000 Fans im Stadion ist der ein Wolfsburger. Nach einem fatalen Ballverstolperer von Karol Mets war der Japaner zum Tor gezogen und hatte getroffen. In der 93. Minute. Die Bank der Gäste rannte wie von Sinnen aufs Feld. Mehr Last-Minute-Drama ging nicht, 2:1.

Doch dann wurde die Heldengeschichte abermals umgeschrieben, um 20.23 Uhr. Der VAR hatte ein Handspiel von Shiogai gemeldet. Eine leichte Berührung, sicher keine Absicht. Aber weil die Regel vorgibt, dass ein Handspiel vor Torerzielung geahndet werden muss, wurde der Treffer einkassiert. Arrestiert quasi. Der Schutzpatron der Arbeiter, der heilige Josef, hatte Recht gesprochen und dem blauen VfL das Glück geschenkt, um das er sich in dieser Saison schon oft betrogen fühlte. "Das 2:1 wäre wahrscheinlich am Ende zu viel gewesen. Das hätten wir letztlich auch nicht verdient gehabt", urteilte Wolfsburgs Trainer Tobias Strobl.

Keine sportliche Entwarnung

Ein emotionaler Befreiungsschlag war das 1:1 für die Bochumer, für sportliche Entwarnung ist es dagegen noch zu früh. Am ausgerufenen Klassenerhaltskampf hat sich kaum etwas geändert. Und trotzdem könnte dieser Punkt etwas Großes auslösen. Das spürt Sean Klaiber in sich. Der hat die Mentalität des Klubs, der Region blitz-verputzt. Fast schon beschwörerisch warf er den Journalisten in den Katakomben zu, wie sehr seine hart malochende Mannschaft diesen Punkt verdient habe. Und rief diese Leistung als "Standard" für die nächsten Wochen aus. Es ist ein hoher Anspruch. "Wir haben sehr gute Fußballer. Wir können das", sagte Klaiber, "weil wir hart arbeiten. Verdammt hart."

Sie hatten wirklich alles aus sich rausgeschraubt. Jedes Körnchen Energie auf dem Feld gelassen. Kurz bevor der VfL seinen Dauersprinter in der 83. Minute vom Feld holte, wollte ihn Christian Rasmussen nochmal auf die Reise in die Tiefe schicken. Dorthin, wo er an diesem Abend unzählige Mal gewesen war, wohin er sich selbst und seine Gegenspieler um den Verstand gesprintet hatte. Doch dieses Mal winkte Holtmann ab. Er konnte nicht mehr, der Ball trudelte gefahrlos ins Nichts. Der heimische VfL hatte den mitreißenden Flow ein bisschen verloren, den er sich bis zum Ausgleich und noch einige Minuten danach erkämpft und erspielt hatte. Ehe es nur noch um die Bergung des Punktes ging.

Kämpfen, das ist Bochumer Basic. Mitreißend spielen, das ist Bochumer Kirsche. Das die zuletzt eher verdorben schmeckte und der Kampf nicht mehr das Fundament für Erfolg war, hatte das Team in die Krise gestürzt und Diskussionen um den Verbleib von Rösler ausgelöst. Dass ihm sehr missfallen hat, was er lesen musste, machte er grimmig bei der Pressekonferenz deutlich. Schon zuvor war er auffallend grußlos durch die Katakomben gelaufen. Um sich das Vertrauen in seine Trainerfähigkeiten zurückzuholen, hatte Rösler diese Woche intensiv genutzt. Er hatte die Fanvertreter zu einem sehr ehrlichen Austausch eingeladen und sich einen neuen Ansatz für seine Mannschaft überlegt.

Zwei Zehner setzen Wolfsburg zu

Zwei "Zehner" stellte er zu Beginn auf den Rasen. Die Techniker Koji Miyoshi und Taz sollten die außer Dienst gestellte Kreativität der Mannschaft revitalisieren. Und das gelang prächtig. Kurz mussten sich die vom frühen Reese-Wahnsinn befallenen Bochumer schütteln, ehe sie sich in einen heißblütigen Wut-Modus malochten. "Wir kamen richtig gut ins Spiel. Die ersten Minuten waren extrem gut. Das hätte uns Sicherheit geben müssen", befand Strobl. Das Gegenteil war der Fall. Meter und Meter wich das Spiel zum Tor der Gäste. "Bochum hat im Anschluss extrem gut gespielt."

Der nimmermüde Holtmann berannte die Wolfsburger, als gäb's kein Morgen mehr. Stürmer Philipp Hofmann büffelte sich in jeden hohen Ball. Das Mittelfeld um den starken Tom Meyer setzte dem hochbegabten Zweitliga-Ensemble vom Mittellandkanal Ruhrpott-Robustheit entgegen. Und Miyoshi und der befreite Taz entwickelten eine Heidenfreude am Zusammenspiel. Lediglich der Abschluss war selten vergnügungsteuerpflichtig. Die Effizienz bleibt ein verdammtes Problem. Klägliche sechs Tore hat Röslers Team in dieser Saison erzielt. Die Ausbeute eines Absteigers.

Wenn der Trainer an diesem Abend etwas zu bemängeln hatte, dann die Qualität der Abschlüsse. 19 Torschüsse hatte er notiert, nur fünf, die wirklich auch aufs Tor kamen. "Diesen Hebel müssen wir weiter bewegen", mahnte er an. Aber über die Dinge, die besser werden müssen, wollte er weniger reden, als über die Dinge, die ihn tief beeindruckten. Wie sehr die Mannschaft zusammengestanden hatte, mit den Fans, die den Kampfgeist ihrer Mannschaft nach dem Schlusspfiff besangen. "Da waren die Reihen geschlossen", befand Rösler. Zwischen den Zeilen stand da, dass damit auch der Rückhalt für seine Arbeit abgesichert sei. "Für mich war die Reaktion unglaublich positiv. In der Lage, in der wir sind, was die Mannschaft alles lesen musste die letzten Wochen: Dass sie dann so geschlossen zurückschlägt, in der Art und Weise wie wir Fußball spielen wollten."

Es war Manchester-Wetter. Und City-Hall-of-Famer Uwe Rösler hatte einen richtig guten Abend. Mit kurzer Hose. Im Regen.

Verwendete Quelle: ntv.de