Harry Kane ist der König des Fußballs. Die Bundesliga jubiliert und England auch. Jahre der Dominanz anderer Ligen, anderer Nationen werden am Montagabend in London gebrochen. Der, dem das gelungen ist, hat in den vergangenen Jahren ganz langsam das Spiel verändert und dabei einen Weg genommen, über den noch vor drei Jahren gelacht wurde. Auch in der Bundesliga. Heute klingt das alles ganz anders. Aber erst einmal muss der künftige König sprechen.
"Was für eine fantastische Leistung und so wohlverdient. Ein brillanter Kapitän, ein bemerkenswerter Spieler und jemand, der Fußballfans auf der ganzen Welt so viele unvergessliche Momente beschert hat", teilt Prinz William, zukünftiger englischer König und glühender Anhänger von Aston Villa und noch glühenderer Anhänger der englischen Nationalmannschaft, mit. Die Welt liegt dem demütigen Kane zu Füßen, der mit Smoking und Fliege auf der Gala in London nur noch "wow, wow, wow" sagen kann und dann nahezu all seinen aktuellen und ehemaligen Mitspielern, all seinen Trainern und überhaupt allem und jedem dankt. Das Glück ist für ihn vollkommen.
Auch beim FC Bayern platzen sie vor Stolz. Der Klub sei "eine Bühne für Weltklasse", verkündet Sportvorstand Max Eberl, Kane sei ein "Vorbild für alle, weit über das Spiel hinaus", ergänzt CEO Jan-Christian Dreesen. Beide erhalten Rückendeckung vom Ligaverband. "Niemand hat den Ballon d'Or 2026 mehr verdient als Harry Kane. Es ist eine riesige Freude, ihn Woche für Woche in der Bundesliga spielen zu sehen", sagten die Geschäftsführer Marc Lenz und Steffen Merkel in einem gemeinsamen Statement.
Im Sommer 2023 hagelt es Zweifel und Kritik
Sie alle reklamieren den Erfolg auch ein Stück weit für sich. Der FC Bayern, der gezeigt hat, dass auch beim deutschen Superklub Stars zu Weltstars werden können, die Bundesliga, die zum ersten Mal seit 30 Jahren die Heimat des besten Spielers der Welt ist. England, das seit 25 Jahren auf einen Titelträger gewartet hatte. Das Mutterland des Fußballs mag die beste Liga der Welt haben, die besten Spieler hatte es schon länger nicht mehr hervorgebracht.
Die Geschichte des Erfolgs von Harry Kane ist eine, die so richtig im Sommer 2023 beginnt. Sie ist eine, die von Mut und Treue handelt. Der FC Bayern hat gerade mit großer Mühe den Bundesliga-Titel gewonnen, den Abgang Robert Lewandowskis in Richtung Barcelona im vorherigen Sommer jedoch nicht verkraftet. Der für ihn verpflichtete Sadio Mané ist ein Flop und schon wieder auf dem Weg aus der Tür. Als die Gerüchte um einen möglichen Kane-Transfer aufkommen, sind alle verblüfft.
Was will ein Top-Star aus England beim FC Bayern, was will er in der Bundesliga und wieso um Himmels willen ist der FC Bayern bereit, 100 Millionen Euro für einen alternden Stürmer ohne großen Wiederverkaufswert auf den Tisch zu legen? In Deutschland reiben sich die Kritiker die Hände. Diese 100 Millionen Euro sei Kane allein schon aufgrund seines Alters nicht wert, verkündet Stefan Effenberg stellvertretend für eine Heerschar an Zweiflern.

Der Moment, in dem Harry Kane den Ballon d'Or gewinnt
Der FC Bayern wird für großen Mut belohnt
In der Bundesliga selbst ist das damals schon anders. "Harry Kane ist der Kapitän der englischen Nationalmannschaft und einer der Rekordtorjäger der Premier League. So ein Zugang verleiht der Liga Prestige", schwärmt Eberl in der "Süddeutschen Zeitung". Da ist er überhaupt noch kein Angestellter des FC Bayern, er ist nach erfolgreichen Jahren in Gladbach auf Stippvisite bei RB Leipzig. Aber er ahnt, was das alles bedeutet. Die Bayern sind sich bewusst, was sie getan haben.
"Wir haben uns natürlich nach der Decke gestreckt. Wir sind da ein Stückchen All-in gegangen. Aber natürlich immer in einem Rahmen der wirtschaftlichen Vernunft. Das ist Teil unserer DNA", sagt Dreesen. Auch wenn Effenberg und Co. das zu diesem Zeitpunkt bezweifeln. "Wir haben nie gezweifelt an Harry, er hat immer zu seinem Wort gestanden. Wir sind stolz darauf, dass er sich für uns entschieden hat. Das zeigt, dass er uns Titel und internationale Wettbewerbsfähigkeit zutraut." Eine Vorahnung.
Vielleicht wissen sie da bereits, was für einen Spieler sie sich ins Haus geholt haben. Der Rest der Bundesliga weiß das nicht. Sie staunt. Kane ist einer, der in den kommenden Jahren das Angriffsspiel neu definieren wird. Statt einer Nummer 9 bekommt der Superklub einen Spielgestalter, Allesarbeiter und Torjäger in einem. All das zeigt er schon vorher bei Tottenham Hotspur, wo er sich ebenfalls häufig hinter die Mittellinie fallen lässt, Angriffe einleitet und abschließt. Doch im Biotop Bundesliga wird es immer extremer.
Der Revolutionär in der Offensive
Noch nicht unter seinem heutigen Nationaltrainer Thomas Tuchel, aber ab 2024 unter Vincent Kompany. Kane ist überall, überragt als Torschütze, überragt in der Zentrale und eilt plötzlich immer weiter zurück, spielt bald als linker Verteidiger, dann hinter der Abwehrzentrale und leitet mit Abstößen Angriffe ein. Kane wird immer mehr zu einem Visionär des Spiels. Er findet Räume, die niemand sieht, und erzielt Tore aus unmöglichen Situationen, dann schaut er auf den Ball, dreht seinen Körper ein und sendet den Ball mit Wucht und Präzision an Orte im Tornetz, die Torhüter noch nie gesehen haben.
Sein Spiel ist so anders als das der anderen Superstars. Es ist eines, das alle Elemente des Fußballs in sich vereint und wohl in den kommenden Jahren viele Nachahmer finden wird. Kane ist ein Revolutionär des Spiels. So wie Manuel Neuer einst das Spiel des Torhüters in Richtung Mittellinie verlagert hat, so verlagert Kane das Spiel der Angreifer tief in die eigene Hälfte.
Er ist ein Revolutionär, der dafür einen außergewöhnlichen Weg wählen muss. Einen, den er wohl aus Liebe wählt. Liebe zu dem Klub, den er verlässt. Mit 30 Jahren lässt er im Sommer 2023 seine Lebensliebe sitzen. Er will endlich einen Titel gewinnen. Mit seinem Klub, Tottenham Hotspur, ist ihm das nicht gelungen. Einmal kommt er dem ganz großen Preis nahe. Doch im Finale der Champions League im Jahr 2019 ist Jürgen Klopps Liverpool im Estadio Metropolitano zu stark. Die Stars der Reds, Mo Salah und Divock Origi, treffen an den Enden des Spiels in der 2. und 87. Minute, Kane bringt es auf einen Torschuss und gerade einmal 13 Pässe über insgesamt 97:05 Minuten Spielzeit. Danach wird es mit den Spurs nicht besser.
Der Kane-Fluch
Aber wohin soll es gehen? In England gibt es für ihn keinen anderen Verein. Der in London geborene Kane liebt seinen Verein. Es ist ausgeschlossen, dass er sich Manchester City und Co. anschließt. Da ist er dem ehemaligen Dortmunder Marco Reus sehr ähnlich. Auch der wollte seinen Herzensklub innerhalb der Liga nie verlassen, obwohl ihn dies wohl eine noch größere Karriere kostete.
Kane aber hat die noch vor sich. Er will sich verändern und die Bayern sind mutig, sehr mutig. Sie machen ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen will. Das macht die Spurs-Legende auch intern deutlich. Die Vereinslegende habe "klargemacht, dass er eine neue Herausforderung" wolle und bei den Spurs keinen neuen Vertrag unterschreiben werde, erklärt der ernüchterte Klubboss Daniel Levy im August 2023: "Wir haben seinem Transfer deshalb widerwillig zugestimmt." Etwas anderes bleibt den Spurs nicht übrig. Kane ist auf der Suche. Denn über allem schwebt ein großer Fluch. Der Angreifer mag zwar viele Tore schießen, aber seine Mannschaften gewinnen keine Titel.
Auch mit den Three Lions, der englischen Nationalmannschaft, ist das nicht anders. Sie gewinnt ohnehin keine Titel. Daran kann niemand etwas ändern. Das ist seit 1966 und vielleicht für immer so. Kane kommt bei der paneuropäischen EM 2021 zwar ins Finale, scheitert dort jedoch in heimischen Wembley im Elfmeterschießen an Italien. Ein Jahr später bei der WM in Katar vergibt er im Viertelfinale gegen Frankreich beim Stand von 1:2 in der 84. Minute einen Elfmeter.
Einer wie Gerd Müller
Der Kane-Curse ist real. Sogar nach seinem Wechsel zum FC Bayern kann er den Fluch nicht abschütteln. In seiner ersten Saison geht erst das Supercup-Finale - Kanes Wechsel war am selben Tag vollzogen worden, Kane wurde in der 62. eingewechselt - verloren, im DFB-Pokal fliegt er dann mit den Bayern in der zweiten Runde in Saarbrücken raus. In der Champions League ist im Halbfinale Schluss und in der Bundesliga ist Bayer Leverkusen unbesiegbar. Mit den Three Lions reicht es bei der EM in Deutschland wieder fürs Finale. In Berlin ist Kane erneut unsichtbar, Spanien gewinnt mit 2:1. Alles wie immer.
Kane aber macht weiter, wird immer besser. Die Tore fallen, er ist auch in den großen Spielen da. Beim FC Bayern und bei den Three Lions, die er im Sommer 2026 mit sechs Treffern, darunter beim 2:1 gegen die DR Kongo eines seiner besten Tore überhaupt, auf Rang drei führt. Besser war England seit 1966 nicht. Nach dem Achtelfinale gegen Mexiko in Mexiko verliert er seine Stimme. Er, der immer zurückhaltend und höflich wirkt, hat einfach zu viel gesungen. Er weiß, dass sich alles gelohnt hat. Dass er nie mehr Liebe erfahren hat als in seinem Land und in seiner neuen Heimat Deutschland, die ihn längst umarmt hat. Ganz anders als seinen Vorgänger, den kalten Lewandowski. Kane passt perfekt. Ehrfurchtsvoll wird sein Name eingedeutscht. Aus Harry wird manchmal Hartmut. Denn einen wie ihn hatte die Bundesliga wohl noch nie.
"Das ist ein stolzer Tag für den FC Bayern. Harry Kane kann alles - und er schießt Tore, Tore, Tore. Er steht nun in einer Reihe mit Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Karl-Heinz Rummenigge - das sagt alles über unsere Geschichte aus: Der Verein und Harry Kane haben zusammengefunden, sind zusammen gewachsen und erreichen zusammen die allerhöchsten Ziele", sagt Bayern-Präsident Herbert Hainer. Außerhalb der Bayern haben daran wenige geglaubt. Bayerns Mut hat sich vielfach ausgezahlt. Auch das ist ein Signal an die Welt des Fußballs, die König Harry nun für ein Jahr regiert.


