Fußball

Fußball-Raubfisch FK Bodø/GlimtZweieinhalb Milliarden Euro versinken im Fischerdorf

11.03.2026, 12:12 Uhr
imageVon Tom Veltrup
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Partytime in Norwegen. (Foto: IMAGO/Bildbyran)

Manchester City und Atlético Madrid mussten schon dran glauben, ebenso Vorjahresfinalist Inter Mailand. Doch was ist das Champions-League-Geheimnis des Zwergenklubs FK Bodø/Glimt? Unter anderem ein Trainerstab-Mitglied, das kaum Ahnung von Fußball hat.

Der FK Bodø/Glimt räumt im Fußball derzeit alles aus dem Weg, was ihnen vor die Füße läuft. Und das trägt bisweilen sehr große Schuhe, Pardon, Namen: Manchester City, Atlético Madrid oder Inter Mailand. Die rund 50.000 Einwohner große Fischerstadt Bodø im Norden Norwegens ist der Favoritenschreck in Fußball-Europa. Mit seinem Verein, der im Jahre 1916 als "Fotballklubben Glimt" seinen Ursprung hatte. "Glimt" bedeutet übersetzt "Blitz". Der Name wurde aber nicht etwa wegen der knallgelben Vereinsfarben ausgesucht. Nein, er sollte Schnelligkeit und Energie ausstrahlen.

Genau mit diesen Werten spielt sich der heutige FK Bodø/Glimt in Europas Fußballherzen. Egal welches Spitzenteam 2026 die Reise ins etwa 80 Kilometer nördlich vom Polarkreis liegende Bodø antrat: Allesamt wurden sie vom "Blitz" erschlagen. Gut zweieinhalb Milliarden Euro an Kadermarktwert – kombiniert aus Manchester City, Atlético und Inter – bissen sich die Zähne am norwegischen Favoritenschreck aus. Bodø/Glimt kommt zusammen auf einen Kaderwert von etwas über 57 Millionen Euro – und damit rund sechs Millionen Euro weniger als der Tabellenletzte der Bundesliga, der 1. FC Heidenheim.

Attraktiver Fußball, hohes Laufpensum

Anders als Heidenheim in diesem Jahr liefert das Team von Cheftrainer Kjetil Knutsen fußballerisch konstant ab – und das gegen Europas Fußball-Giganten. Bodø/Glimt spielt nicht den klassischen Außenseiterfußball, in dem man sich eher unansehnlich hinten reinstellt. Ganz im Gegenteil: Die Norweger pressen extrem früh – egal, welcher Gigant ihnen gegenübersteht. Nach Ballgewinn kombinieren sie sich dann rasend nach vorne und suchen schnellstmöglich den Abschluss. Besonders das Offensivtrio im 4-3-3 System sticht dabei heraus: Der Ex-Frankfurter Jens Petter Hauge (sechs Tore, eine Vorlage) auf Links, Mittelstürmer Kasper Høgh (vier Tore, drei Vorlagen) und Rechtsaußen Ole Blomberg (ein Tor, vier Vorlagen) scheinen perfekt aufeinander abgestimmt zu sein.

Neben den schnörkellosen Offensiv-Kombinationen stechen die Norweger vor allem durch ihre hohe Laufleistung heraus: Mit 123,1 abgespulten Kilometern pro Spiel sind sie das Maß aller Dinge. Fünf Kilometer Vorsprung auf den zweiten Rang sind eine Menge. Zugegeben: Anders als beim Rest ruht die norwegische Liga noch. Das letzte Ligaspiel fand am 30. November 2025 statt – ein 5:0-Sieg gegen den Fredrikstadt FK. Sie können also deutlich ausgeruhter in die Partien gehen. Umso beeindruckender ist es auf der anderen Seite, wie eingespielt sie dennoch auftreten.

Entwicklung zeigt kontinuierlich nach oben

Schon in den vergangenen Jahren sorgte "De gule horde", übersetzt "Die gelbe Horde", national und international für Furore. Nach dem Aufstieg in die Eliteserien 2017 wurde Coach Kjetil Knutsen vom Co- zum Cheftrainer befördert und landete in der ersten Saison im gesicherten Mittelfeld. Im zweiten Jahr wurden sie Zweiter, ehe sie 2020 die erste Meisterschaft der Vereinsgeschichte feierten. Weitere folgten 2021, 2023 und 2024.

Europaweit schlug der "Blitz" dann in der vergangenen Saison erstmals so richtig ein: Bodø/Glimt räumte in der Gruppenphase unter anderem den FC Porto oder Besiktas Istanbul aus dem Weg. In der Zwischenrunde kegelten sie Twente Enschede aus dem Wettbewerb, ehe mit Olympiakos Piräus und Lazio Rom zwei weitere Top-Klubs dran glauben mussten. Erst im Halbfinale war gegen den späteren Titelträger Tottenham Hotspurs Schluss.

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Droht der Ausverkauf im Sommer?

Die Transferpolitik hat eine klare Handschrift: Talentierte Spieler aus Norwegen oder den skandinavischen Nachbarländern günstig verpflichten und das Maximum aus ihnen herausholen. Bestes Beispiel dafür ist der Däne Albert Grønbæk, der 2022 für 4,8 Millionen Euro Ablöse aus Aarhus kam und zwei Jahre später für 15 Millionen Euro zu Stade Rennes nach Frankreich weiterzog.

Auch Hauge läuft nach eher schwächeren Stationen beim AC Milan, bei Eintracht Frankfurt und KAA Gent wieder zu Höchstleistungen auf. Angeblich soll der jüngst von Bodø/Glimt bezwungene spanische Topklub Atlético Madrid seine Fühler nach dem 26-Jährigen ausstrecken. Sturmkollege Høgh soll vor allem auf der Insel für Interesse sorgen, unter anderem bei Celtic Glasgow. "Wir haben keinerlei Pläne, Kasper an irgendjemanden zu verkaufen", äußerte sich Trainer Knutsen dazu. Im Sommer wird man sehen, was daraus wird. Aktuell kann jedoch niemand Bodøs Rasselbande auseinanderreißen.

Parallelen zu Rosenborgs Übermannschaft der 90er

Das letzte Mal, dass eine norwegische Mannschaft so aufspielte, ist mittlerweile fast 30 Jahre her. In der Saison 1996/97 war es Rekordmeister Rosenborg Trondheim, der die europäischen Schwergewichte verzweifeln ließ. Höhepunkt damals: Der 2:1-Sieg im entscheidenden Gruppenspiel bei AC Mailand im San Siro. Trondheim sicherte sich damit den Einzug in die K.-o.-Phase, Milans Starensemble um Franco Baresi, Paolo Maldini und Roberto Baggio schied aus. Im Viertelfinale war für Trondheims Überflieger allerdings Schluss – gegen Juventus Turin, die später im Endspiel Borussia Dortmund unterlagen.

Eine Saison darauf stellten Trondheims Überflieger sogar dem späteren Titelträger ein Bein: Die Norweger gewannen in der Gruppenphase 2:0 gegen niemand Geringeren als Real Madrid. Der damalige Trainer der Königlichen, Jupp Heynckes, stellte Stars wie Fernando Hierro, Clarence Seedorf oder Raúl auf den Platz – dennoch ging es mit null Punkten zurück nach Spanien.

Kleines Land mit großen sportlichen Erfolgen

Rund um Rosenborgs Blütezeit qualifizierte sich die norwegische Fußball-Nationalmannschaft letztmals 1998 für eine Weltmeisterschaft. Bis heute: Diesen Sommer sind die Norweger in den USA, Mexiko und Kanada wieder mit dabei. Zufall? Oder der Beweis einer – zeitgleich mit dem FK Bodø/Glimt – fußballerisch wieder auferstandenen Nation? Fest steht: Die Norweger haben mit Manchester Citys Superstar Erling Haaland, Arsenals Kapitän Martin Ødegaard, Atlético Madrids Alexander Sørloth oder auch Leipzigs Antonio Nusa einige Spieler von internationalem Topformat in ihren Reihen.

Das Maß aller Dinge war Norwegen – trotz seiner nur rund fünfeinhalb Millionen Einwohner - auch zuletzt bei den Olympischen Winterspielen 2026 in Italien. Mit 18 Mal Gold und insgesamt 41 Medaillen waren die Norweger dort einsame Spitze. Zugegeben: Im kalten Norwegen gehören Wintersportarten logischerweise zu den beliebtesten. Doch auch bei den Sommerspielen 2024 in Paris überzeugten die Norweger unter anderem im Beachvolleyball, Handball oder der Leichtathletik.

Kinder werden in Norwegen früh dazu motiviert, Sport zu treiben. Jedoch nicht vorrangig, um zu Spitzensportlern zu reifen, sondern wegen des positiven Effekts auf die Gesundheit. Das zeigt die Herangehensweise im Jugendsport: Bis zum Alter von 13 Jahren gibt es keinerlei Ergebnislisten. Durch fehlende Platzierungen sollen Kinder nicht zu früh unter Druck und Konkurrenzkampf leiden.

Ehemaliger Kampfjet-Pilot ohne Fußball-Expertise

Eine ähnliche Philosophie verfolgt auch Bodøs "Mental Coach" – der ehemalige norwegische Air-Force-Pilot Bjørn Mannsverk, der nach eigenen Aussagen nur sehr wenig Ahnung vom Fußball hat. Er ist für die mentale Verfassung der Spieler da. Unter anderem soll er dem aktuellen Kapitän Ulrik Saltnes dazu verholfen haben, seine mental bedingten Bauchschmerzen vor wichtigen Spielen zu heilen. Heute ist Saltnes mit 417 Partien ewiger Rekordspieler des Vereins – ein Treffer fehlt ihm noch, um mit dann 103 Toren auch zum Rekordtorschützen aufzusteigen.

Einer der entscheidenden Sätze der Klubphilosophie lautet: "We get the results because we don't think about the results." Sie liefern die Ergebnisse, weil sie nicht über die Ergebnisse nachdenken. Im Fokus stehen nicht die Siege, sondern die Weiterentwicklung. Klingt im Profisport fast unmöglich, doch angeblich nimmt Bodøs Chefcoach Kjetil Knutsen seit Jahren öffentlich nicht die Worte Sieg oder Niederlage in den Mund. Womöglich die Folge seiner (typisch norwegischen) wettbewerbsfreien Erziehung im Kindesalter?

"Bin unheimlich stolz auf das, was wir sind"

Bodø/Glimt hat schon jetzt Fußballgeschichte geschrieben. "Ich bin unheimlich stolz auf das, was wir sind", sagte Trainer Knutsen und betonte: "Es ist unglaublich, dass ein Verein wie Bodö/Glimt es bis ins Achtelfinale der Champions League schaffen kann." Sein Mittelfeldmotor Patrick Berg sprach vom "Größten, was ich in meiner Karriere erlebt habe".

Die Überflieger aus Norwegen haben die Möglichkeit, das Fußballmärchen um ein weiteres Kapitel fortzuführen: heute Abend zu Hause – vor 8200 Zuschauern auf Kunstrasen - und im Rückspiel am 17. März in Lissabon. Auf dem Papier wirken die Portugiesen noch am machbarsten im Vergleich zu dem, was Bodø in diesem Jahr sonst schon so aus dem Weg räumte. Doch zur Wahrheit gehört auch: Anders als Inter oder Atlético hat es Sporting unter die ersten Acht geschafft – und damit auf direktem Wege ins Achtelfinale. Vielleicht aber auch nur, weil sie dem norwegischen Favoritenschreck in der Gruppenphase aus dem Weg gegangen sind.

Quelle: ntv.de

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