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Óscar Washington Tabárez lässt sich von seiner Krankheit nicht behindern.
Óscar Washington Tabárez lässt sich von seiner Krankheit nicht behindern.(Foto: imago/Sven Simon)
Samstag, 30. Juni 2018

Uruguay kämpft für kranken Coach: Lasst Papá Tabárez in Ruhe!

Von Anja Rau

Óscar Washington Tabárez ist viel mehr als nur der Trainer der Fußball-Nationalmannschaft Uruguays. Trotz einer unheilbaren Nervenkrankheit betreut der 71-Jährige sein Team bei der WM. Und seine Profis vertrauen ihm bedingungslos.

Der FC Bayern kennt das aus dem vergangenen Jahr: Fußballerisch läuft es nicht rund, händeringend wird ein Heilsbringer gesucht. Die Lösung findet der Klub in einem Ex-Trainer im Ruhestand. Jupp Heynckes ist es, der den Ball wieder zum Rollen bringt. Bei Amtsantritt 72 Jahre alt, zum Ende der Saison immerhin Deutscher Meister und DFB-Pokalfinalist.

Tabárez kennt seine Spieler seit deren Jugend.
Tabárez kennt seine Spieler seit deren Jugend.(Foto: imago/Agencia EFE)

Was beim deutschen Rekordmeister eine Erfolgsgeschichte ohne Happy End ist, kann international noch getoppt werden. Von Uruguay. 2006 - als sich die Mannschaft nicht für die WM in Deutschland qualifizieren kann - holt der Fußballverband  Óscar Washington Tabárez aus einer vierjährigen Trainerpause zurück. Der hatte die Nationalmannschaft bereits von 1988 bis 1990 trainiert, mit ihr bei der WM 1990 das Achtelfinale erreicht. Tabárez ist Jahrgang 1947, war 2006 also immerhin schon 59 Jahre alt. Jetzt, zwölf Jahre später, ist er immer noch Nationaltrainer, mit 71. Und er ist erfolgreich: Wieder einmal erreicht er mit seiner Mannschaft mindestens das Achtelfinale. Am Abend geht's gegen Europameister Portugal (20 Uhr im n-tv.de Liveticker).

Krankheit ändert "nichts"

Beeindruckend ist die Hartnäckigkeit Tabárez'. Und seine Unbeugsamkeit. Und sein Erfolg. Der Uruguayer ist der älteste Trainer bei dieser WM - und der, der am längsten im Amt ist. Dass er an Krücken geht, sich mit einem Golfmobil zum Training fahren lässt und völlig zusammengesunken auf der Trainerbank sitzt, hat mit seinem Alter nichts zu tun. Sondern mit seiner Krankheit, dem Guillain-Barré-Syndrom, einem Nervenleiden, das Muskelschwäche auslöst. Die Diagnose erhält er vor zwei Jahren. Darüber reden möchte er nicht. Nur einmal tut er es doch - und wird laut. Bei der Frage, ob er sein Amt niederlegen wolle, antwortet der sonst zurückhaltende Trainer: "Nichts ändert sich für meinen Job oder im Umgang mit den Spielern! Ich werde weitermachen, solange die Ergebnisse stimmen."

Seine Profis, gestandene Athleten wie Diego Godín von Atlético Madrid, Edinson Cavani von Paris Saint Germain und Luis Suarez vom FC Barcelona, vertrauen ihm bedingungslos. "Er ist der Vater des Erfolgs und für die gesamte Entwicklung der Nationalmannschaft verantwortlich", sagt etwa Stürmer Cavani. "Meine Wertschätzung ist unermesslich." Verteidiger Godin rastet während eines Interviews mit dem "Guardian" sogar aus: "Bist du verrückt oder was?", ist die Antwort auf die Frage, ob Tabárez nicht abgelöst werden sollte. "Was ihm jetzt Vitalität gibt, ist die Nationalelf. Bei uns zu sein. Ich bin davon überzeugt: Es schenkt ihm das Leben", erklärt Godín.

Ronaldo irgendwie in Zaum halten

Eigentlich undenkbar also, dass Tabárez nach der WM nichts mehr mit der Nationalmannschaft zu tun haben wird. Sollte er als Trainer zurücktreten, könnte er Koordinator des Teams werden, berichtet der "Kicker". Der Erfolg gibt ihm Recht. Uruguay hat 3,3 Millionen Einwohner - etwa so viele wie Berlin - ist nun aber schon das dritte Mal in Folge mindestens ins WM-Achtelfinale eingezogen. 2010 wird Tabárez' Team sogar WM-Vierter, gewinnt ein Jahr später die Copa America. Weil er seit seinem zweiten Amtsantritt 2006 auch die Nachwuchsarbeit in Uruguay reformiert hat, kennt er quasi jeden Fußballer seit dessen Jugend. Tabárez schafft es über Jahre, ein eingeschworenes Team zu formen. Junge, wie Mittelfeldspieler Rodrigo Bentancur, in den Stamm der Erfahrenen zu integrieren. Alles mit seiner ganz eigenen Art. Der 71-Jährige gilt als belesener Gentleman. Im Trainingszentrum in Uruguay hat er sogar eine Bibliothek einrichten lassen. Der gelernte Pädagoge, der stets im feinen Zwirn auftritt, beeindruckt auch die Presse mit seinen klaren, phrasenfreien Formulierungen.

Sportlich beeindruckt Uruguay bei der WM bislang noch nicht so richtig, das Team steht für Minimalismus: Zwei 1:0-Siege gegen Ägypten und Saudi-Arabien reichen der Mannschaft zum Weiterkommen. "Wir haben deutlich unter unseren Möglichkeiten gespielt", sagte Tabárez nach der Partie gegen die Saudis. Anschließend folgt ein 3:0 gegen Gastgeber Russland. Und jetzt eben das Duell mit dem amtierenden Europameister. Tabárez hat die Last, den absoluten Star der Portugiesen, Weltfußballer Cristiano Ronaldo, zu stoppen, auf sein Kollektiv verteilt. "Einige meiner Spieler kennen ihn besser als ich. Ich habe ihnen gesagt, dass wir ruhig bleiben müssen", erklärt Tabárez vor der Partie. Denn, so der Coach dem "Mirror" zufolge weiter: "Wir haben keinen Spieler, der ihn in Zaum halten kann. Nicht Diego Godín. Niemand." Und: "Wir müssen zusammenarbeiten." Seine Spieler werden es versuchen. Allein, um ihren Trainer glücklich zu machen.

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Quelle: n-tv.de