Wirtschaft

Kleidung, Kürbiskerne, Karossen Artikel aus Millionen Containern werden verramscht

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Felixstowe ist Großbritanniens größter Containerhafen. Wegen des Brexits und der Havarie des Frachtschiffes "Ever Given" im März stapeln sich hier besonders viele herrenlose Container.

(Foto: REUTERS)

Im Lieferketten-Chaos werden viele Waren an ihrem Bestimmungsort plötzlich zu billigem Strandgut. Weil Termine verstrichen sind, verweigern die Adressaten die Annahme. Für Verwertungsfirmen ist es die Gunst der Stunde: In Frachthäfen herrscht Flohmarktstimmung.

Das nicht enden wollende Lieferketten-Chaos treibt immer kuriosere Blüten. Nach Angaben von Experten türmen sich an den großen Warenumschlagplätzen der Welt unzählige Container mit Lebensmitteln, Autos, Kleidung oder Haushaltsbedarf, die nach langer Odyssee am Bestimmungsort angekommen, plötzlich keine Abnehmer mehr haben. Viele Kunden verweigern die Annahme, weil kritische Liefertermine überzogen wurden und Waren nicht mehr frisch sind oder schlicht nicht mehr gebraucht werden. Die Folge: Frachthäfen entwickeln sich zu Riesen-Open-Air-Ramschläden.

Niels Larsen, Präsident des globalen Transport- und Logistikunternehmens Air & Sea North America schätzt die Zahl der Container, die ihre Adressaten nicht mehr erreicht haben, mittlerweile auf drei Millionen. "Wenn ein Produkt längere Zeit nicht an seinem Bestimmungsort ankommt, verliert es häufig seinen ursprünglichen Wert", zitiert die US-Finanzagentur Bloomberg Tom Enders, Inhaber von The Salvage Groups, einer Verwertungsfirma für herrenlose Fracht mit Sitz im US-Bundesstaat Michigan. Die Reedereien wenden sich an seine Firma, damit sie die Räumung der Container übernimmt. Auf diese Weise kommt wenigstens noch etwas Geld herein.

Insgesamt 90 Prozent der Waren und Güter weltweit werden heute mit Containerschiffen transportiert. Weltweit sind ständig rund 25 Millionen Stahlboxen auf den Weltmeeren unterwegs. Der weitaus größte Teil der Auftraggeber sind Großkunden. Liefertermine sind bei den weltweiten Versandgeschäften ein wichtiger Vertragsbestandteil. In den Containern werden unter anderem auch verderbliche Ware, Saisonartikel speziell für Sommer- oder Wintertemperaturen oder auch Zuliefererteile transportiert, die möglicherweise an anderen Aufträgen hängen. Kommt die Ware zu spät, gibt es dann keinen Bedarf mehr für sie.

Die Container in solchen Fällen zurückzuholen, ist für die Eigentümer in Übersee zu kostspielig. Die Frachtraten haben sich seit April mehr als verdoppelt. Auch die Einlagerung der Waren ist zu teuer. Außerdem drängt die Zeit, Container sind knapp. Reedereien haben deshalb nur ein einziges Interesse: sie möglichst schnell mit neuer Ware zu beladen und wieder auf die Reise zu schicken.

Genau hier kommen die Verwertungsfirmen ins Spiel: Gestrandete Container werden an den Umschlagplätzen aufgeschweißt, ein schneller Blick hineingeworfen. Danach entscheiden Unternehmen wie The Salvage Groups, ob die Ware noch Bares wert ist - oder ob die Reederei gegebenenfalls für die Entsorgung noch draufzahlen muss. Das Geschäft boomt.

Die neuen Problemlöser im Frachtverkehr

"Wir sind ein Problemlöser", erklärt Jake Slinn, der mit seinem Zwei-Mann-Betrieb JS Cargo & Freight Disposal ebenfalls Containerladungen aufkauft, die niemand mehr haben will. Mehr als 200 Container hat sein Unternehmen dieses Jahr bereits geleert und den Inhalt einer neuen Bestimmung zugeführt. Selbst für verdorbene Ware weiß Slinn häufig noch Verwendung. Alte Kürbiskerne werden zum Beispiel vergoren, um Methan für Kraftwerke zu erzeugen. Die Inspektion eines Containers berge immer wieder Überraschungen, erzählt er. Nach der Sichtung des Innenlebens beginne das Sondieren: "Wohin kann ich das schicken? Was kann ich damit machen?"

Wie groß der Markt für gerettete Waren ist, ist laut "Bloomberg" schwer zu schätzen, das Geschäft sei stark fragmentiert. Das Unternehmen Salvex mit Sitz in Houston im US-Bundesstaat Texas gehört demnach zu den zehn größten Hauptakteuren in den USA. Auf seinem Online-Marktplatz bietet es angeblich Waren im Wert von 5,2 Milliarden US-Dollar an, wobei nicht alle aus Seecontainern stammen. Nach Unternehmensangaben ist die Situation in Los Angeles, Long Beach und anderen Häfen derzeit ein "Albtraum".

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Der weltgrößte Friedhof gestrandeter Waren in Frachtcontainern aber ist Großbritannien. Die Gründe hierfür sollen angeblich der Brexit und die sechstägige Blockade des Suezkanals durch den Frachter "Ever Given" im März sein. Laut Salvex wird der Weihnachtsrückstau die Lage noch verschlimmern und für mindestens sechs weitere Monate für ein einträgliches Geschäft sorgen. Denn für die Frachtumschlagplätze heißt das bis auf Weiteres: Alles muss raus.

Untersuchungen zum weltweiten Container-Stau laufen derweil auf Hochtouren. Die US-Handelsbehörde FTC kündigte jüngst eine Umfrage zu den Lieferkettenproblemen und Engpässen an. Große Unternehmen wie Amazon, Procter& Gamble und Wal Mart sollen unter anderem dazu befragt werden, ob die Probleme zu wettbewerbswidrigem Verhalten und höheren Preisen geführt haben. Nachspüren wolle man auch den Gründen für die Lieferkettenprobleme, die das Wirtschaftswachstum gebremst hätten, heißt es in einer Behördenmitteilung. Die Unternehmen sollen auch beschreiben, wie sie die Probleme bewältigen. Sie haben 45 Tage Zeit, den Fragenkatalog zu beantworten.

Quelle: ntv.de, ddi

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