Wirtschaft

Hohe Kosten für Strukturwandel Autostandort droht Niedergang wie Detroit

44527886.jpg

Detroit im Jahr 2013: Eine Geisterstadt, die sich offiziell Bankrott erklärt. Im Hintergrund das GM-Gebäude.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die USA als mahnendes Beispiel? Analysten der Deutschen Bank wagen einen Vergleich zwischen dem Niedergang der einstigen Autometropole in Michigan und dem deutschen Automobilstandort: "Detroit lässt grüßen", lautet der Titel ihrer Studie.

Die Analysten der Deutschen Bank warnen vor einer ungewissen Zukunft für den Automobilstandort Deutschland. Ungünstige Steuerbelastungen, Arbeitszeiten und Lohnhöhen, ebenso wie konjunkturelle Schwierigkeiten durch die Pandemie oder die großen strukturellen Herausforderungen durch die staatlich forcierte Wende zur Elektromobilität könnten nach Ansicht der Experten eine Abwärtsspirale in Gang setzen, die nicht mehr rückgängig zu machen ist.

"Detroit lässt grüßen" lautet deshalb der Titel ihrer jüngsten Studie, eine Anlehnung an den Niedergang der einst großen Autostadt im "Rust Belt" Amerikas. Seinen Wohlstand verdankte Detroit fast ausschließlich der Autoindustrie. Als diese in den 50er Jahren abwanderte, begann ein Dominoeffekt. Nicht nur die Autowerke, auch andere Fabriken schlossen ihre Tore. Die Menschen verloren ihre Jobs. Binnen 60 Jahren schrumpfte die Bevölkerung von rund 1,8 Millionen Einwohner im Jahr 1950 auf rund 700.000 Einwohner im Jahr 2013, das entspricht einem Bevölkerungsrückgang von über 60 Prozent.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Auch wenn die Parallelen zu Deutschland vielleicht nicht hundertprozentig ins Auge springen, ist der Titel als Mahnung gedacht. Eine große deutsche Schlüsselindustrie - mit rund einer Million Beschäftigten - steht immerhin vor den größten Herausforderungen ihrer Geschichte. Die Frage der Analysten ist also berechtigt: Wie gut wird der Standort Deutschland diese Transformation bewältigen? Wird es der Autoindustrie unter den regulatorischen und wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen gelingen, an alte Hochzeiten anzuknüpfen, oder sind die guten Zeiten für immer vorbei?

Die Analysten der Deutschen Bank hegen ihre Zweifel, dass der Automobilstandort Deutschland zur alten Größe zurückfinden wird: Die Wende zur Elektromobilität und die CO2-Grenzwerte verlangen hohe Investitionen, was die Renditen der Autobauer pro Fahrzeug schrumpfen lässt. Auch die Verschärfung der europäischen Abgasnormen zu Euro 7 geht ins Geld. "Wir befürchten, dass es immer schwerer wird, eine konkurrenzfähige Produktion von Pkw im Volumensegment in Deutschland aufrechtzuerhalten", schreiben die Analysten. "Ähnlich erging es der Autoindustrie im US-Bundesstaat Michigan (Detroit), wo heute deutlich weniger Fahrzeuge gefertigt werden als zu Beginn des Jahrhunderts."

Hohe Subventionen beschleunigen diese Entwicklung. Den "durchschnittlichen Käufer" haben Elektroautos aus verschiedenen Gründen noch nicht überzeugt. Hoher Anschaffungspreis, geringe Reichweite, lange Ladedauer werden als Gründe genannt. Deshalb wird der Kauf mit Prämien gefördert. Eine Wahl, die klimapolitischen Ziele zu umgehen, haben die deutschen Autobauer nicht: Die Hersteller, die ihre CO2-Grenzwerte verfehlen, müssen Strafen zahlen. Aus diesem Grund, so die Analysten, würde die Industrie mittelfristig auch die Produktion an kostengünstigere Standorte verlegen. Das geschehe nicht von heute auf morgen, sondern werde "über viele Jahre" passieren.

Hohe Kosten hemmen Investitionen

Abwandern würden auch Teile der Wertschöpfungskette. Für die Experten ist es ein kontinuierlicher Schrumpfprozess auf vielen Ebenen: Und wie in Detroit geraten viele Unternehmen mit in den Strudel. Konkret genannt werden die Metall- und Chemiebranche, deren Renditen durch Klima- und Energiepolitik ebenfalls geschmälert werden. Dass Elektroautos aus weniger Teilen bestehen und die Produktion zunehmend automatisiert läuft, birgt auch Probleme für die Zuliefererbranche. "Kaum jemand erwartet, dass die Netto-Bilanz dieses Strukturwandels für die Wertschöpfung und Beschäftigung der Automobilindustrie in Deutschland positiv ausfallen wird", lautet das Urteil.

Die höheren Kosten hemmen Investitionen, und das gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit. Können Unternehmen mit der Konkurrenz nicht mehr mithalten, beginnt der Niedergang. Die Kritik der Autoren gilt vor allem der Art und Weise, wie die Regierung hierzulande Elektromobilität subventioniert: "Leider sind die von der EU gewählten CO2-Grenzwerte für neue Pkw gepaart mit massiven Subventionen für Elektroautos auf nationaler Ebene äußerst ineffiziente (teure) und kaum wirksame Instrumente, um die zu erreichen."

Der steigende Anteil an Elektroautos werde bei den gesamten CO2-Emissionen in Deutschland oder der EU auf Jahre keine nennenswerten Unterschiede machen, sind die Experten überzeugt. Außerdem sei ungewiss, wann keine staatliche E-Förderung mehr nötig sei. "In China sank die Nachfrage nach Elektroautos im Sommer 2019 rapide, als die Subventionen gekürzt wurden", heißt es in der Studie.

Neben viel Kritik haben die Analysten aber auch Lob parat: die bekommt die Industrie. Denn die Experten sind überzeugt: Die Unternehmen sind besser für den technologischen Wandel gerüstet als der Standort Deutschland, selbst wenn er über "außergewöhnliche Vorteile" verfügt.

Quelle: ntv.de