Wirtschaft

Krebsforscher zum Tabak-Multi "Bin überrascht, dass ich diesen Job habe"

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Alexander Nussbaum ist Head of Scientific and Medical Affairs bei Philip Morris.

(Foto: Iqos)

Alexander Nussbaum hat einen ungewöhnlichen Karriereschritt gewagt. Als Krebsforscher wechselte er zum Tabakkonzern Philip Morris - und warnt auch dort vor den gesundheitlichen Folgen des Rauchens.

Herr Nussbaum, wie wird man als Krebsforscher zum wissenschaftlichen Sprecher eines Tabakkonzerns?

Alexander Nussbaum: Im Sommer 2016 bekam ich einen Anruf von einem Headhunter. Das Angebot klang nach einer Pharmastelle mit etwas mehr Verantwortung als ich vorher hatte, daher nicht uninteressant. Irgendwann rückten die mit dem Namen Philip Morris raus und ich bin vor Schreck fast vom Stuhl gefallen. Das hätte nicht weiter weg sein können von mir.

Sie sind Nichtraucher?

Ja. Als ich zu meiner Frau gezogen bin, habe ich ihr gesagt: Ich komme nicht von Zürich nach München, wenn du nicht mit dem Rauchen aufhörst. Das hat sie geschafft, viele andere schaffen das leider nicht. So war und ist meine Einstellung zum Rauchen.

Trotzdem sind Sie jetzt hier. Wie ging es damals weiter?

Ich bin einfach neugierig geworden. Ich dachte: Was steckt dahinter, wenn Philip Morris jemanden mit einem naturwissenschaftlichen Profil sucht? Ich habe mich dann auf die drei weiteren Gespräche eingelassen und viel zwischendurch recherchiert. Die Forschungsergebnisse von Philip Morris sind allesamt transparent, die sind sehr beeindruckend. Auch Fachkonferenzen zum Thema Risikominimierung beim Rauchen sind im Web einsehbar.

Das letzte Vorstellungsgespräch war dann im Forschungszentrum in Neuchâtel. Ich habe bei jedem Gespräch gemerkt, die meinen das ernst. Ich habe am Scripps Institute in San Diego und am Institut Curie in Paris geforscht, das waren nicht die schlechtesten Adressen. Aber das Niveau und die Qualität der Forschung können in Neuchâtel absolut mithalten.

Wie angreifbar macht man sich damit in der Wissenschaftler:innen-Community?

Ich habe zwei oder drei Monate nicht mehr geschlafen, habe mich auf dem "Heißen Stuhl" im Fernsehen gesehen oder bei Plasberg als der Tabakvertreter, der was erzählen will. Ich habe mit insgesamt fünf Leuten aus meinem beruflichen Netzwerk geredet. Von vehementer Ablehnung bis hin zu "einzigartige Chance" war alles dabei.

Interessant ist: Ich suche gerade als Nachfolger für einen Mitarbeiter einen promovierten Wissenschaftler. Es bewerben sich sehr viele Menschen auf die Stelle. So eine Position ist also mittlerweile offenbar deutlich attraktiver geworden als zu der Zeit, als man mich rekrutiert hat.

Was führte Sie am Ende zu diesem großen Schritt?

Ich hatte die Information, dass die Firma sich umstellen will hin zu weniger schädlichen Produkten. Ich hatte Produktnamen genannt bekommen und Fachliteratur durchsucht: Eine Studie zeigte, wie die Schadstoffwerte im Körper von Raucher:innen sinken, die auf Tabakerhitzer umsteigen. Das ist ja nicht mehr so weit weg vom Rauchstoppeffekt. Das hat mich wirklich umgehauen.

Was genau daran hat Sie beeindruckt?

Das Konzept der Schadstoffregulierung, der "harm reduction". Ich weiß, wie schwer es meiner Frau gefallen ist, aufzuhören. Mein Vater hat nie aufgehört zu rauchen. Seit Jahren tut sich nichts an der Raucherquote in Deutschland: Die Zahl von 17 Millionen Rauchern bleibt stabil. Daher habe ich mich gefragt, ob es nicht Zeit ist für einen Hebel, der gesundheitspolitisch relevant ist.

Sie betrachten Ihre Aufgabe bei Philip Morris als große Präventionsarbeit?

Genau - und zwar durch Aufklärung. Ich kam 2005 aus Kalifornien für die Forschung nach Paris. Kalifornien ist für Nichtraucher:innen wie mich ein Paradies, doch in Paris konnte man damals noch in Restaurants rauchen. Das gesamte Stadtbild war davon geprägt. Ich dachte: Wenn ich nun meine Forscherpipette fallen lasse und stattdessen einfach auf der Straße mit Rauchern spreche, würde ich wahrscheinlich mehr tun gegen Krebs als mit der Forschung. Ich habe dann noch einen Studiengang nebenher gemacht, einen Master mit Thema Communication. Denn Medikamente sind gut, aber die Prävention ist sehr viel effektiver.

Sind die klügsten Köpfe unter den Wissenschaftler:innen also in der Privatwirtschaft besser aufgehoben?

Es gibt zum Glück genug kluge Köpfe und nicht jeder kann Professor:in an der Uni werden. Einige meiner ehemaligen Studienkolleg:innen sind Professor:innen, andere sind damals zu McKinsey gegangen, wiederum andere haben Firmen wie Curevac gegründet. Auch nicht schlecht, oder?

Fehlt Ihnen die Forschung?

Ich habe vorher in hoch innovativen, wirklich tollen Pharmafirmen gearbeitet. Etwa im Leukämiebereich, wo Neuerkrankungen im Jahr bei einem von 100.000 Menschen in Deutschland vorkommen. Unser Medikament kam zum Einsatz, wenn andere Medikamente versagt hatten. Am Ende statistisch bei einem neuen Patienten unter 1 Million Menschen pro Jahr. Und hier, beim Thema Rauchen, sprechen wir von 17 Millionen Frauen und Männern in Deutschland. Da hat sich für mich die Frage irgendwann nicht mehr gestellt, ob man nicht auch hier mit Info und weniger schädlichen Alternativen einen positiven Effekt erzielen kann.

Noch mal zu Ihrem Start bei Philip Morris. Ging Ihnen die Abkehr vom Rauchprodukt schnell genug oder forderten Sie noch höheres Tempo?

Mein offiziell erster Arbeitstag war der 1. Dezember 2016. Es ging drei Tage vorher gleich mit einem Teammeeting am Tegernsee los. Wir hören uns dort die Präsentationen an, plötzlich schauen alle auf ihre Handys und schütteln den Kopf. Was war da los? An dem Tag erschien eine Pressemitteilung des CEO von Philip Morris, der sagte, dass man irgendwann keine Zigaretten mehr verkaufen wolle. Da wusste ich: Meine Entscheidung war richtig. Ich habe von Anfang an gemerkt, wie ernst die Firma das meint.

Und da waren alle an Bord?

Viele Kolleg:innen, die schon lange dabei waren, brauchten länger. Die sagten: Wir hatten schon viele Change-Management-Initiativen. Anfangs waren die großen Treiber:innen die vielen neuen und jungen Leute, inzwischen sind alle Kolleginnen und Kollegen Teil des Wandels geworden und gestalten diesen aktiv mit.

Das ist ein maximal großer roter Teppich zur Begrüßung.

Die Erwartungen waren und sind aber auch hoch. Das Brett ist allerdings auch sehr dick, das wir da bohren.

Ein interessantes Zitat von einem Kollegen von Ihnen lautet: "Wir sind bereit, die Marke Marlboro aufzugeben - wir haben was Besseres." Und das, obwohl Marlboro einen errechneten Wert von 82 Milliarden Euro hat. Wie hoch ist nun der wirtschaftliche Druck - auch an die Wissenschaft im Konzern?

Ich spüre den Druck nicht. Die Firma wandelt sich aus der Position der Stärke. Schon im Mai 2017 haben wir als einzige und erste Firma die Außenwerbung für Zigaretten eingestellt. Wir machen nur noch Tabakerhitzerwerbung. Die Radikalität des Wandels ist enorm.

Welchen wirtschaftlichen Teil nimmt Iqos bei Philip Morris ein?

Wir machen schon ein Viertel der weltweiten Umsätze mit den Alternativprodukten. Das ist enorm. Die Ambition war, dass man bis 2025 immer gesagt hat, dass man 40 Prozent des Gesamtnettoumsatzes mit den verbrennungsfreien Produkten machen will. Neulich wurde das Ziel angehoben auf 50 Prozent. Auch Philip Morris ist dabei, sich von der Zigarette zu entwöhnen. Deswegen wollte ich da mitmachen. Ich bin überzeugt, dass der Wandel im Markt ohne die Industrie nicht geht.

Dennoch wird in Iqos-Geräten Nikotin freigesetzt.

Natürlich ist es immer das Beste, auf Tabak und Nikotin komplett zu verzichten. Nikotin ist suchtfördernd und daher nicht unproblematisch. Wir setzen auf Aufklärung. Raucher:innen sollten verstehen, dass die Verbrennung von Tabak Hauptursache für die vielen Schadstoffe im Zigarettenrauch ist.

Sind Raucher empfänglich für Veränderung?

Beim Aufklärungsansatz stehen wir ganz am Anfang. Das Ziel ist, dass wir in einem Jahr mit Verbraucherumfragen messen können, dass das Verständnis besser geworden ist.

Wie kommen Sie mit diesem Zwiespalt zurecht?

Ich bin immer wieder überrascht, dass ich diesen Job bei Philip Morris habe und in jedem Vortrag vor den gesundheitlichen Folgen des Rauchens warne, genau wie damals als Krebsforscher. Aber ein Arzt sieht ein Dilemma, wenn er sich fragt, ob er so ein Produkt einem Raucher empfehlen kann. Das verstehe ich: Ein Arzt will nicht etwas empfehlen, was immer noch risikobehaftet ist.

E-Zigaretten oder Tabakerhitzer wie Iqos sind nicht "gesund". Aber die Sache ist ja: Wenn ich Raucher:innen faktenbasierte Informationen vorenthalte, die nicht aufhören zu rauchen, ist das auch ein Dilemma.

Es klingt ganz so, als hätten Sie noch jede Menge Arbeit in Ihrer Rolle vor sich.

In München hielt ich vor meiner Zeit bei Philip Morris mal einen Vortrag vor rund 500 Laien über Krebs und über Impfstoffe. Danach sprach mich ein Teilnehmer an, der direkt vom Rauchen kam. Er fragte mich, warum ich diese gefährlichen Impfstoffe so toll finde. Die Angst vor der Prävention ist oft größer als die vor der eigentlichen Gefahr. Der Hebel ist in der Prävention enorm, daher fühle ich mich sehr gut aufgehoben. Der Bedarf ist immer noch riesig.

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Dieses Interview stammt aus der aktuellen Ausgabe des Business Punk. Sie gibt es am Kiosk oder im Aboshop.

Quelle: ntv.de

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