Wirtschaft

Geld verdienen ohne Glimmstängel Was macht die Tabakbranche ohne Raucher?

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Philip Morris verdient Milliarden mit seiner Zigarettenproduktion. Wie lange noch?

(Foto: picture alliance / Winfried Rothermel)

Raucher sterben statistisch gesehen früher, möglicherweise sterben sie sogar bald ganz aus. Schon in wenigen Jahrzehnten könnten Zigaretten aus den USA, Europa, Australien und Lateinamerika größtenteils verschwinden. Womit verdient die Tabakindustrie dann ihr Geld?

Rauchen ist uncool. Der Anteil der deutschen Jugendlichen, die zur Zigarette greifen, ist so niedrig wie nie. Aktuell rauchen nur noch 5,6 Prozent der 12- bis 17-Jährigen. Bei den 18- bis 25-Jährigen greift statistisch gesehen etwa jeder Fünfte zum Glimmstängel, hat vergangenes Jahr eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ergeben. Das sind historische Tiefststände.

Geht die Entwicklung so weiter, sterben Raucher schon in wenigen Jahrzehnten nahezu komplett aus. Schon 2050 könnten Zigaretten aus den USA, Europa, Australien und Lateinamerika größtenteils verschwinden, prognostizierte Citibank-Analyst Adam Spielman zuletzt.

Das schätzt mittlerweile auch die Tabakindustrie selbst so ein, sagt Claudia Oeking, Geschäftsführerin Politik und Kommunikation von Philip Morris, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Die Branche sei über lange Zeit hinweg nicht besonders beweglich gewesen. "In unserem Fall waren es 160, 170 Jahre, ohne dass viel passiert ist. Da ging es vor allem um Marketing, neue Marken, aber nicht wirklich um Produktverbesserung."

Anfang dieses Jahrtausends habe Philip Morris dann einen neuen Weg eingeschlagen. "Wir haben vor etwa 15 Jahren gesagt, wir können so nicht mehr weitermachen", verrät Oeking. Die Transformation des Unternehmens gipfelte schließlich in einem bemerkenswerten Satz: "Ich hoffe, eines Tages werden wir keine Zigaretten mehr verkaufen", sagte Vorstandschef André Calantzopoulos im Jahr 2016. "Das muss eigentlich innerhalb von 10 bis 15 Jahren möglich sein, vielleicht nicht in allen Regionen der Welt. Aber man sollte zumindest den Anspruch haben", fordert Claudia Oeking.

700 Milliarden Zigaretten im Jahr

Noch verdient Philip Morris mit dem klassischen Glimmstängel das meiste Geld. Marken wie Marlboro oder Chesterfield spülen jedes Jahr Milliarden in die Kassen. Weltweit werden jedes Jahr etwa 700 Milliarden Philip-Morris-Zigaretten verkauft.

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Claudia Oeking ist Mitglied der Geschäftsführung von Philip Morris.

(Foto: Philip Morris)

Die Zukunft liegt aber woanders. Der Konzern will seine Konsumenten vom Glimmstängel weglotsen: vom qualmenden Lungenbrötchen zur E-Zigarette oder dem Tabakerhitzer Iqos. Bei den Erhitzern wird der Tabak nicht verbrannt, sondern nur heiß gemacht - es entsteht Dampf und kein Rauch. Dadurch kommen weniger Schadstoffe in die Lunge. Wer raucht, atmet Tausende Chemikalien wie Arsen, Blei, Cadmium oder Nikotin ein. Tabakerhitzer filtern laut Philip Morris 95 Prozent dieser Gifte heraus. "Die Frage, die die Wissenschaft, aber natürlich auch wir als Hersteller jetzt beantworten müssen: Wie wirkt sich das dann tatsächlich beim Konsumenten im Körper aus? Da geht es vor allem darum, auch mit Langzeitdaten zu arbeiten.", so Geschäftsführerin Oeking.

Heutzutage macht Philip Morris immerhin schon ein Viertel seines jährlichen Umsatzes mit Alternativen zur klassischen Zigarette. Mit der Entscheidung vor ein paar Jahren, auf eine rauchfreie Zukunft zu setzen, habe man die Konkurrenz unter Druck gesetzt, sagt Claudia Oeking. "Am Anfang war es schwierig, den Handel zu überzeugen. Letztendlich betraf es aber die ganze Wertschöpfungskette, weil sich bei Rohstoffen, Maschinenbau und in der Produktion natürlich auch viel verändert. Im Großen und Ganzen konnten wir die Partner aber überzeugen, dass das der richtige und nachhaltige Weg ist."

Arbeitsplätze werden abgebaut

Der Transformationsprozess bringt aber auch Opfer mit sich. Ende 2019 hat Philip Morris die Zigarettenproduktion im Hauptwerk Berlin dichtgemacht. 1000 Mitarbeiter wurden entlassen, nur etwa 75 blieben laut "Tagesspiegel" am Standort. Sie stellen Volumentabak her, ein Vorprodukt der gestopften Zigarette.

"Wieder was gelernt"-Podcast

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Dieser Trend betrifft die gesamte Branche: Mitte der 90er-Jahre haben noch mehr als 14.000 Beschäftigte in der Tabakindustrie gearbeitet, mittlerweile sind es weniger als 9000, die bei Philip Morris oder den großen Konkurrenten im Deutschland-Geschäft, Reemtsma oder British American Tobacco (BAT), angestellt sind. "Wie kann man Kollegen von dort in die neue Produktwelt mitnehmen? Wo können Standorte umgewandelt werden? Die älteren Zigarettenwerke umzuwandeln, war besonders schwierig. Gerade jetzt in der Zeit, in der eine Nachfrage nach den neuen Produkten noch nicht so ganz groß ist. Es gab schmerzhafte Entscheidungen", blickt die Philip-Morris-Geschäftsführerin zurück.

In der klassischen Zigarettenproduktion fallen Jobs weg, stattdessen entstehen neue Arbeitsplätze in Marketing und Vertrieb, um die neuen Produkte an den Mann und die Frau zu bringen.

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Claudia Oeking befürchtet, dass den Verbrauchern der Umstieg künftig erschwert wird. Die Bundesregierung hat beschlossen, die Tabaksteuer zu erhöhen. Nach jahrelanger Nullrunde steigen die Preise für eine Packung Zigaretten von 2022 bis 2026 durchschnittlich um acht Cent pro Jahr, erhitzter Tabak wird dem klassischen steuerlich gleichgestellt und somit ebenfalls teurer. Nicht ausgeschlossen, dass viele Dampfer deshalb wieder zum Glimmstängel greifen.

Quelle: ntv.de

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