Wirtschaft

In drei Tagen entwickelt Chinas Corona-App-Wunder hat viele Haken

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Kein Eintritt ohne Corona-App. Am Eingang einer Gemeinde muss Mann mit seinem Smartphone eine QR-Code scannen, um seinen Gesundheitsstatus abzurufen und vorzuzeigen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wofür Deutschland drei Monate brauchte, erledigten chinesische Entwickler in drei Tagen: Eine Corona-App, die über die Bewegungsfreiheit von Millionen entscheidet. Schnell setzt China neueste Technologie gegen die Epidemie ein. Eine Studie zeigt jedoch erhebliche Nebenwirkungen auf.

Am Tag, nachdem im Februar ein weitgehendes Ausgangsverbot über die chinesische Metropole Hangzhou verhängt wird, stellt der dort beheimatete Internetkonzern Alibaba ein Team aus Entwicklern zusammen. Nur drei Tage später legen sie das Ergebnis ihrer Arbeit vor: Eine Corona-App, die seitdem weitgehend über die Bewegungsfreiheit der rund zehn Millionen Einwohner Hangzhous bestimmt, die den Zutritt zu Wohngebäuden, Arbeitsstätten, Verkehrsmitteln gewährt oder eben wegen einer möglichen Infektionsgefahr verwehrt.

Nach offizieller Darstellung hat die schnelle Entwicklung und Anwendung technologischer Lösungen entscheidenden Anteil an der schnellen Eindämmung der Corona-Pandemie in China. Sie ermöglicht die Rückkehr zur Normalität und das Hochfahren der Wirtschaft. In kürzester Zeit werden nicht nur zahlreiche Apps zur Nachverfolgung und Kontrolle der Bewegung fast jedes einzelnen Einwohners eingeführt. Zusätzlich wird die bestehende Überwachungsinfrastruktur etwa durch die Kombination von Kameras zur Gesichtserkennung mit Infrarot-Geräten zur Temperaturmessung ausgebaut. Mit künstlicher Intelligenz und praktisch unbegrenztem Zugriff auf die Nutzerdaten der Mobilfunk- und App-Anbieter werden lokale Corona-Ausbrüche vorhergesagt. Auch die Digitalisierung des Gesundheitswesens wird vorangetrieben, hunderte "Internet-Krankenhäuser" bieten Fernsprechstunden bei Tausenden Ärzten verschiedener Fachrichtungen an.

*Datenschutz

Auch wenn die Geschwindigkeit der Chinesen - vor allem im Vergleich zur Entwicklung der deutschen Corona-Warn-App - beeindruckt, warnen die Autoren einer aktuellen Studie des Mercator-Insituts für Chinastudien (Merics) davor, das offizielle Narrativ vom ungetrübten Erfolg der Technologie unhinterfragt zu übernehmen "Eine eindeutige Lektion für Deutschland hält China in diesem Fall nicht bereit", sagt Mitautor Kai von Carnap. Das Land könne zwar Erfolge beim Einsatz von Apps und datengetriebener Technologie im Kampf gegen die Epidemie vorweisen. Als Vorbild für andere Länder, wie von Chinas Führung selbst angepriesen, eigne sich der chinesische Ansatz aber nur sehr eingeschränkt. "Kontakt-Nachverfolgung auf der Basis exzessiver Datensammlung und undurchsichtiger Algorithmen sind mit europäischen Datenschutznormen und Werten unvereinbar", heißt es in dem ntv.de vorliegenden Paper, das am Mittwoch vorgestellt wird.

Gesundheitswesen fit gemacht

Vor allem weisen die Autoren nach, dass die in großer Eile entwickelte Technologie keineswegs so reibungslos funktioniert, wie es offiziell dargestellt wird. So gingen bei der Hotline der Stadt Hangzhou in der ersten Woche 50.000 Beschwerden zur von Alibaba entwickelten App ein, die immer wieder abstürzte oder den Gesundheitsstatus von Nutzern völlig unerklärlich änderte - mit teils dramatisches Konsequenzen für die Betroffenen.

Es gibt sogar Zweifel, ob zumindest die erste Version der Corona-App in Hangzhou überhaupt die individuelle Infektionsgefahr der Nutzer akkurat ermitteln sollte. Vieles deutet darauf hin, dass sie tatsächlich dem Zweck diente, mit vielen übertriebenen Warnungen viele Bürger in Quarantäne zu halten. So beurteilte die App in den ersten Tagen das Risiko von mehr als 500.000 Nutzern in Hangzhou als hoch oder mittel. Allerdings liegt die Gesamtzahl aller bestätigten Corona-Fälle in Hangzhou auch Monate später bei weniger als 200. "Was die Alibaba-App und andere tatsächlich leisten, wissen wir nicht, da die Algorithmen nicht öffentlich sind", sagt von Carnapp.

Auch wenn sie funktionieren, stellen inzwischen mehrere Hundert verschiedene, von lokalen Verwaltungen genutzte Corona-Apps die Chinesen immer wieder vor Hindernisse, da sie oft nicht miteinander kompatibel sind. Reisen von einer Stadt oder Region in einer andere sind dadurch manchmal unmöglich. Selbst die vergleichsweise niedrigen chinesischen Datenschutzanforderungen werden oft nicht eingehalten. Sensible Gesundheitsdaten werden von App-Anbietern zu kommerziellen Zwecken ausgewertet und auch an Dritte weitergegeben. Datenlecks führen dazu, dass Menschen zum Beispiel aus von der Pandemie stark betroffenen Gebieten diskriminiert werden.

Allen Problemen zum Trotz lohne es sich für Deutschland durchaus, den Blick nach China zu richten, sagt von Carnapp, etwa wenn es um die Digitalisierung des Gesundheitswesens gehe. Etwa mit Plattformen zur Personalverwaltung in Krankenhäusern oder mit kostenlosen Fernsprechstunden und automatisierten Hotlines sei China Deutschland weit voraus. "Das hat geholfen, Chinas Gesundheitswesen, das nur bedingt auf eine Epidemie vorbereitet war, schnell für den Corona-Ausbruch fit zu machen."

Quelle: ntv.de