Wirtschaft

Autoindustrie im Krisenmodus Chip-Notstand - und kein Ende in Sicht

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Wird der Chipmangel zum Crashtest für die Autoindustrie?

(Foto: picture alliance / dpa)

Ohne Halbleiter geht heute nichts mehr. Das gilt auch für die Automobilindustrie, die, kaum wiederauferstanden, erneut in einer tiefen Krise versinkt: Produktionsausfälle und Werksschließungen häufen sich. Es könnte noch schlimmer kommen.

Das hat es seit einem halben Jahrhundert Automobilgeschichte nicht mehr gegeben - eine globale Branchenkrise wegen fehlenden Produktionsmaterials. Dabei dreht es sich nicht um kostspielige und spektakuläre Werkstücke, sondern um ein völlig unscheinbares, winziges Stück Silizium, das heute tausendfach in jedem Haushalt als unsichtbares Helferlein vorhanden ist. Es dreht sich um elektronische Speicherchips, also Halbleiter.

Unverhoffte Produktionsausfälle in Asien bei Speicherchips wegen Corona-Lockdowns und anderer Ursachen haben weltweit in der Autoindustrie zu Materialengpässen, Produktionsausfällen und zuletzt sogar zu Werksschließungen geführt. Ursache für die globale Produktionsmalaise ist nicht Nachfragemangel wie sonst bei Rezessionen üblich, sondern Angebotsmangel in Form von Materialengpässen bei Speicherchips und anderen Vormaterialien, die als Glieder der Wertschöpfungskette vom ursächlichen Chipmangel ebenfalls betroffen sind und Lieferausfälle an die nachfolgenden Verarbeitungsstufen weiterreichen.

Neuland für den Autosektor

All das ist neu und für Menschen, die in einer Gesellschaft des Überflusses und heftiger Rabattschlachten - gerade beim Autoabsatz - groß geworden sind, völlig überraschend. Das gilt auch für Automobilmanager und deren Einkäufer. Sie alle haben ihre großen Erfolge bei Kostensenkungs-Orgien in Zeiten der Just-in-Time-Logistik gefeiert. Die negativen Folgen dieser Null-Lager-Politik sind heute bei allen Herstellern und allen Zulieferern sichtbar.

Die deutsche Wirtschaft mit ihrem hohen Industrialisierungsgrad und ihrer engen weltwirtschaftlichen Verflechtung trifft die Chip-Krise besonders hart. Laut Ifo-Institut ist die Autobranche die am heftigsten von Lieferengpässen mit Vorprodukten, insbesondere Computerchips, betroffene Branche. Denn in einem modernen Auto der oberen Mittelklasse sind bis zu 1000 Halbleiter verbaut; Elektroautos benötigen sogar 1200 bis 1400 davon! Tendenz stark steigend. Computer-Mutanten wie fahrerlose Roboterautos quellen gar über vor Speicherchips.

Erschwerend kommt hinzu, dass in der Gegenwart der Weltmarkt für Speicherchips von Billig-Produzenten aus Asien beherrscht wird. Europa: Fehlanzeige. Trotz hoher staatlicher Förderung durch EU und Bundesregierung wird sich daran so schnell nichts ändern. Denn Geld allein produziert keine Chips. Der Bau neuer Chipfabriken dauert mehrere Jahre. Zwischen Produktionsbeginn und Einbau eines Halbleiters in ein Fahrzeug vergehen ebenfalls nicht selten zwei bis drei Jahre. Die Schlussfolgerung aus all dem kann nur heißen: Ein baldiges Ende der Versorgungskrise ist für die deutsche Autoindustrie nicht in Sicht.

Branchenübergreifende Problematik

Zu allem Übel kommt noch hinzu, dass die Chipkrise nicht nur in der Autoindustrie, sondern in der gesamten deutschen Wirtschaft negative Spuren hinterlässt. Das allgemeine Konjunkturklima, das bisher in allen Branchen auf Erholung von der Corona-Krise ausgerichtet war, trübt sich ein. Selbst für Ökonomen sehen die neuesten Konjunkturindikatoren sehr nach drohender Rezession aus. Das Ifo-Geschäftsklima, der konjunkturelle Frühindikator der deutschen Wirtschaft, sinkt seit drei Monaten in Folge, die Auftragseingänge in der Industrie brachen im August um 7,7 Prozent, die Industrieproduktion um 4 Prozent gegenüber dem Vormonat ein, ebenso die Exporte, die zuvor 15 Monate in Folge gestiegen waren.

Alle Zeichen stehen auf Abschwächung und Abbruch der Corona-Erholung. So hoffungsvoll das Jahr für die Autohersteller begonnen hatte, so rasch hat sich das Bild zum Herbst hin wieder gewandelt. Alle Schlüsselzahlen zeigen inzwischen wieder deutlich nach unten, diesmal aber nicht wegen Corona und Lockdown, sondern wegen Materialengpässen: Für das Gesamtjahr wird das niedrigste Zulassungsergebnis seit der Wiedervereinigung erwartet.

Angesichts der aktuellen Branchendaten sind alle bisherigen Prognosen überholt. Global wird inzwischen der Pkw-Produktionsausfall durch Chipmangel auf rund 12 Millionen geschätzt. Für Deutschland wurde die ursprüngliche Prognose von 3,1 Millionen Neuzulassungen auf jetzt 2,7 Millionen zurückgenommen. Das wäre das niedrigste Jahresergebnis seit der Wiedervereinigung. Damit hätte sich die Autoproduktion am Standort Deutschland gegenüber dem Rekordjahr 2016 mit 5,7 Millionen nahezu halbiert - unter normalen Bedingungen ein großer Erfolg grüner Umweltpolitik, da der Produktionsausfall ausschließlich Verbrennerautos betraf. Ausschlaggebend für den schwachen Absatz ist die schwache Produktion. Die Gründe dafür sind bekannt.

Schnelle Trendwende ist nicht absehbar

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Ein rasches Ende der chipbedingten Produktions- und Absatzkrise ist nicht absehbar. Fest steht, dass die Hersteller ohne Pufferlager umso mehr betroffen sind, je länger die Krise anhält. Beschäftigungsrückgänge sind zu erwarten, Entlassungen und Kurzarbeit unvermeidlich. Kurz: Die deutsche Autoindustrie ist auf dem Marsch in die Krise.

Kein schöner Arbeitsbeginn für die neue Bundesregierung! Obwohl die Chipkrise unverhofft und ungeplant einer kommenden grünen Umwelt- und Verkehrspolitik bereits viel CO2 mindernde Arbeit abgenommen hat. Was ist schon ein Tempolimit gegen einen Einbruch der Verbrennerverkäufe um bis zu 40 Prozent.

Quelle: ntv.de

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