Wirtschaft

Billiggeld gegen den Seuchentod Chinas Firmen verkaufen Corona-Anleihen

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Auf einem Großhandelsmarkt für landwirtschaftliche Produkte.

(Foto: REUTERS)

Der Stillstand in China wird für viele Firmen existenzbedrohlich. Peking zieht alle Register, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Infizierte Unternehmen sollen mit Virus-Bonds günstig Geld am Finanzmarkt tanken. Privatinvestoren winken ab. Kaufen müssen deshalb andere.

Ungewöhnliche Zeiten erfordern bekanntlich ungewöhnliche Maßnahmen. Das trifft derzeit vor allem in China zu. Je länger der Ausnahmezustand wegen des grassierenden Coronavirus anhält, desto gravierender werden die Folgen. Die Notenbank pumpt jede Menge Geld in den Markt, um die Wirtschaft in Gang zu halten. Und die Regierung hat angekündigt, klammen Unternehmen mit Notkrediten unter die Arme zu greifen. Angesichts wachsender finanzieller Schieflagen zückt Peking nun auch noch ein weiteres Finanzinstrument: Firmen werden ermutigt, sich selbst billiges Geld am Kapitalmarkt zu beschaffen - und zwar mithilfe von sogenannten Corona-Anleihen.

Die Aufsichtsbehörden hätten hierfür die passenden Rahmenbedingungen geschaffen, schreibt die "Financial Times" (FT). Um die Geldmaschine in Schwung zu bringen und möglichst viele Unternehmen anzusprechen, sei der Zugang zu diesem Instrument im Vergleich zur üblichen Anleiheausgabe vereinfacht worden: Das Genehmigungsverfahren sei auf wenige Tage verkürzt worden. Die Unternehmen müssten sich lediglich verpflichten, zehn Prozent des Erlöses aus diesen Anleihen für Maßnahmen zur Bekämpfung der Epidemie auszugeben. Den Rest dürften sie für andere Zwecke nutzen.

Laut Daten des chinesischen Finanzdienstleisters Huatai Securities haben die mehr als 25 Unternehmen, die bereits Seuchen-Bonds ausgegeben haben, insgesamt 3,4 Milliarden Dollar am Finanzmarkt getankt. Zwanzig weitere Firmen stünden kurz davor, Corona-Anleihen zu begeben, heißt es.

"Ein schwerer Schlag für die Wirtschaft"

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt verharrt seit Ende Januar, als das Virus ausbrach, praktisch in einer Lähmung. Die offizielle Zahl der Todesopfer ist mittlerweile auf mehr als 2000 gestiegen. Fabriken sind geschlossen, Lieferketten abgerissen, die Logistik im Land über weite Strecken zusammengebrochen. Viele Unternehmen sind im Zwangsurlaub oder arbeiten mit halber Kraft, ihre Geld-Reserven schwinden.

"Das Coronavirus hat der Wirtschaft einen schweren Schlag versetzt, und das verlangt besondere stimulierende Maßnahmen", zitiert die Zeitung einen Analysten von Moody's in Hongkong. Virus-Bonds seien eine gute Lösung. Tatsächlich sind sie für die infizierten Unternehmen attraktiv. Die jährliche Verzinsung für die kurz- und mittelfristigen Anleihen liegt nur zwischen zwei und vier Prozent. Der Leitzins der Zentralbank für ein Jahr beträgt im Vergleich 4,15 Prozent. Mit anderen Worten: Die angeschlagenen Firmen können sich damit zu extrem günstigen Konditionen mit frischem Geld versorgen. Das Nachsehen haben die Finanzinvestoren, die mit einem kleinen Zins abgespeist werden. Deshalb machen sich die meisten auch rar. Für die chinesischen Unternehmen geht die Rechnung dennoch auf.

Kein Glücksfall für Investoren

"Dies ist ein Glücksfall für uns", zitiert die Zeitung einen Manager der Fuyao Glass Industry Group, dem weltgrößten Hersteller von Automobilglas. So günstig könne man Kapital nirgendwo sonst erhalten. Das Unternehmen hat vergangene Woche eine dreijährige Anleihe mit einem Kupon von 3,19 Prozent ausgegeben. Auch die Fluggesellschaft Shenzhen Airlines hat die Gunst der Stunde erkannt. Sie will den größten Teil der Einnahmen dazu nutzen, Schulden abzubauen. Die Airline sieht sich als "eines der größten Opfer der Epidemie". Zwei Drittel der Flüge finden seit Ausbruch der Epidemie nicht statt.

Das größte Interesse, das Seuchen-Register zu ziehen, haben naturgemäß die Unternehmen, die am meisten vom Ausbruch des Virus betroffen sind. Genau das ist der Grund, warum Privatinvestoren sich bedeckt halten. Ob die Firmen mithilfe der Finanzspritze durch die neuen Anleihen überleben werden, kann keiner vorhersagen. Die Kapitalgeber könnten am Ende mit leeren Händen dastehen.

Weil Privatanleger solche Risiken nicht ohne hohen Zinsaufschlag eingehen wollen, muss Peking nun auch für diese Notfallhilfe einspringen. Laut FT sind die meisten Käufer Staatsunternehmen.

Quelle: ntv.de