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Aus für Deutsche-Bank-Chef? "Cryan ist gut, er hat geliefert"

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Kritik an John Cryan ist immer wieder mal laut geworden. Trotzdem genießt er den Ruf, ein guter Aufräumer zu sein.

(Foto: picture alliance / Arne Dedert/d)

Nach einer Serie schlechter Nachrichten sucht die Deutsche Bank scheinbar Ersatz für ihren Vorstandsvorsitzenden. "Die Sicht auf John Cryan ist unfair", sagt Analyst Markus Rießelmann von Independent Research n-tv.de. Was die Bank nicht brauche, sei ein Visionär.

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n-tv.de: Deutsche-Bank-Chef John Cryan steht nach zwei Jahren möglicherweise ein schneller Abgang bevor. Überrascht Sie das?

Markus Rießelmann: Gerüchte um eine Ablösung von John Cryan gab es immer wieder. Zuletzt hatte es aber so geklungen, als stehe der Aufsichtsrat hinter Cryan. Zum Sinneswandel hat sicherlich auch beigetragen, dass die Zahlen der Bank zum ersten Quartal wohl nicht die erhoffte Trendwende bringen und es Druck von Aktionären gab. Insofern waren Risse zwischen Aufsichtsrat und Vorstand wohl nur eine Frage der Zeit.

Die Deutsche Bank hat mehrere Baustellen. Hat Cryan, der doch im Ruf steht, ein guter Aufträumer zu sein, die Geduld seiner Kollegen überstrapaziert?

Cryans größtes Problem ist, dass er auf der Ertragsseite, insbesondere im Anleihehandel, dem immer noch größten Ertragsbringer der Deutschen Bank, nicht liefern konnte. Die Kostenseite kann eine Bank relativ gut beeinflussen. Hier war Cryan aus meiner Sicht - mal abgesehen vom vergangenen Quartal - durchaus erfolgreich. Das Ertragsumfeld für Investmentbanken war in den vergangenen Jahren jedoch schwierig.

Das Minus bei der Deutschen Bank ist deutlich geschrumpft. 2015 verbuchte sie 6,8 Milliarden minus, 2016 betrug das Minus knapp 1,4 Milliarden und 2017 waren es  noch 735 Millionen Euro Verlust unterm Strich. Ist das kein Fortschritt?

Das gilt schon etwas. Das Problem ist nur, dass man möglicherweise mehr erwartet hat, insbesondere wenn mach sich die Ergebnissituation der Konkurrenten ansieht. Aus meiner Sicht ist die Sicht auf Cryan deshalb auch etwas unfair. Er hat Rechtsstreitigkeiten aus dem Weg geräumt, er hat das Kapital erhöht. Das musste alles gemacht werden, weil es keiner vor ihm gemacht hat. Cryan hat gute Arbeit geleistet. Dass es nochmal einen Nettoverlust gab, ist der US-Steuerreform und entsprechenden Sondereffekten geschuldet, wofür die Bank nichts kann. Aber am Kapitalmarkt werden häufig schneller Resultate erwartet als sie geliefert werden können.

Sie haben die US-Steuerreform erwähnt. Es gibt immer wieder neue Probleme, die von außen kommen. Es gibt aber auch hausgemachte Probleme: die Bonuszahlungen an die Mitarbeiter des Hauses zum Beispiel. Sie sind zehn Mal so hoch wie das, was an Aktionäre ausgeschüttet wird. Schlechte Stimmung ist da programmiert. Warum hat Cryan das riskiert?

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Markus Rießelmann, Analyst bei Independent Research.

Das Problem ist, wenn Sie Boni stark kürzen und es über Jahre dabei belassen, wechseln Ihnen die guten Leute, die Erträge bringen, zu anderen Banken, die besser zahlen. Das ist leider so. Aus meiner Sicht konnte Cryan aus Wettbewerbsgründen nicht anders handeln, als zu einem normalen Bonussystem zurückzukehren.

Die Konkurrenten in den USA, JP Morgan, die Citigroup oder Goldman Sachs fahren längst wieder Rekordgewinne ein. Warum wird der Abstand zwischen Deutscher Bank und US-Wettbewerbern immer größer?

Das hat zum einen mit der Struktur des Bankensektors in den USA zu tun. Dort gibt es im Vergleich viel weniger Institute, entsprechend sind auch ihre Margen höher. Zum anderen sind die US-Banken nach der Finanzkrise auch viel schneller die Probleme wie Rechtstreitigkeiten oder Kosten angegangen. Das haben viele europäische Banken, im Speziellen die Deutsche Bank, einfach zu lange aufgeschoben. Für alle kam hinzu, dass das Zinsumfeld schwierig wurde. Jetzt steigen die Zinsen in den USA wieder, die US-Banken profitieren davon. Die Europäer hingegen hinken hier überall hinterher - nicht nur bei den Zinserhöhungen, sondern auch beim Aufräumen der Probleme durch die Finanzkrise.

Deutsche-Bank-Vorstandsmitglied und IT-Chefin Kim Hammonds hat ihren Arbeitgeber als "most dysfunctional company" bezeichnet. Hat sie auf mehr als die IT angespielt?

Sie ist in erster Linie die IT-Verantwortliche. Bei einer Bank hängt auch viel vom sogenannten Backoffice ab. Wenn die IT nicht gut funktioniert, und das ist bei der Deutschen Bank der Fall, ist es auch schwierig, Geschäfte zu machen. Was mich mehr wundert, ist, dass Interna der Bank immer an die Öffentlichkeit geraten. Bei anderen Finanzinstituten ist das nicht der Fall. Offenbar gibt es Insider, die Informationen an die Medien weiterreichen. Warum das so ist, kann ich nicht erklären, aber in so einer schwierigen Situation hilft das der Bank absolut nicht.

Als Nachfolger für Cryan werden überwiegend externe Kandidaten gehandelt: Richard Gnodde, Vize-Chairman und Europa-Chef von Goldman Sachs. Außerdem Jean Pierre Mustier, CEO von Unicredit, und Bill Winters, CEO von Standard Chartered. Gnodde soll das Angebot abgelehnt haben. Was halten Sie von diesen Kandidaten?

Zu Richard Gnodde kann ich nichts sagen. Mustier dürfte gehandelt werden, weil er Unicredit sehr erfolgreich und in relativ kurzer Zeit restrukturiert hat. Das funktioniert aktuell sehr gut. Er hatte aber auch mit geringeren Problemen zu kämpfen. Ich glaube aber nicht, dass er zur Verfügung steht. Mustier ist erst seit zwei Jahren bei der Unicredit. Bill Winters dürfte sich auch durch die erfolgreiche Restrukturierung seiner Bank empfehlen. Dass die potentiellen Nachrücker alle Externe sind, hat damit zu tun, dass man es den beiden Vize-Vorstandvorsitzenden der Deutschen Bank, Marcus Schenck und Christian Sewing, offenbar noch nicht zutraut, die Führung zu übernehmen. Die sind erst seit vergangenem Jahr auf ihren neuen Posten. Sie müssen sich erst ihre Sporen verdienen. Ein Externer wird außerdem immer mit frischem Wind verbunden.   

Was muss der Neue an der Spitze der Deutschen Bank mitbringen?

Häufig verlangt man von den neuen Vorstandschefs Visionen. Die Frage ist nur, ob derjenige, der mit Visionen kommt, auch der richtige für eine Bank ist, bei der bildlich gesprochen das Fundament gerade ein bisschen bröckelt. Ich bezweifele, dass es jetzt richtig ist, die erste Etage zu bauen, bevor das Fundament steht. Ich glaube nicht, dass die Performance der Deutschen Bank durch eine Ablösung von John Cryan besser wird.

Wie ernst ist es?

Dieses Jahr wird relativ entscheidend. Die drohende Insolvenz, wie in 2016, ist definitiv abgewendet. Das Umfeld wird besser, die Zinsen steigen. Die Frage ist nur, ob die Bank den Aktionären mit ihrem Geschäftsmodell Renditen liefern und die Aktie antreiben kann. Das halte ich für schwierig. Damit könnte langfristig auch wieder das Fusionsszenario von Commerzbank und Deutsche Bank gespielt werden.

Mit Markus Rießelmann sprach Diana Dittmer

Quelle: n-tv.de

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