Wirtschaft

Keine Regeln Darum ist Netflix so erfolgreich

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Netflix veröffentlicht am 20. Oktober seine Quartalszahlen.

(Foto: picture alliance / Nicolas Armer)

Netflix startet als DVD-Verleih. Rund 20 Jahre später ist der Streamingdienst das wertvollste Medienunternehmen der Welt, heimst Emmys und Oscars ein und ist an der Börse mehr als 200 Milliarden wert. Gründer und Konzernchef Hastings verrät nun die Gründe für diesen Erfolg.

Im Jahr 2000 gilt Blockbuster als Synonym für das Heimkino. Der US-Konzern ist sechs Milliarden Dollar schwer, betreibt weltweit fast 9000 Filialen und beschäftigt rund 60.000 Mitarbeiter. "Blockbuster ist 1000 Mal größer als wir", sagte Reed Hastings damals, Gründer und Chef von Netflix, einem DVD-Verleih per Post. Netflix hat im Jahr 2000 etwa 100 Mitarbeiter, gut 300.000 Abonnenten und schreibt tiefrote Zahlen. Hastings will Netflix deshalb an Blockbuster verkaufen, um danach blockbuster.com als Online-Videoverleih-Plattform aufzubauen. Blockbuster lehnt ab. Der von Hastings geforderte Preis von 50 Millionen Dollar ist dem Platzhirsch zu hoch.

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Und wie sieht es heute aus? Heute, im Jahr 2020, gibt es Blockbuster nicht mehr. Der Konzern meldete 2010 Konkurs an. Er verpasste den Sprung vom DVD-Verleih zum Streaming. Netflix dagegen ist der neue Biggest Player im Unterhaltungs- und Mediensektor weltweit: Netflix produziert selbst Serien und Filme, gewinnt mit ihnen Emmys und Oscars - und wird von weltweit mehr als 175 Millionen Kunden in über 190 Ländern genutzt. An der Börse ist Netflix mehr als 200 Milliarden wert, mehr als Walt Disney mit seinen "Star Wars"- und "Avengers"-Reihen.

Eine Frage der Unternehmenskultur

Netflix ist gelungen, was Blockbuster nicht geschafft hat: erfolgreich auf massive Umwälzungen in der Branche zu reagieren, sich anzupassen, neu zu erfinden und zu wachsen. Und Netflix hat das gleich mehrfach geschafft: der Übergang vom DVD-Verleih per Post zum Streaming alter TV-Serien über das Internet; der Übergang vom Streaming alter Inhalte hin zu Originalproduktionen wie "House of Cards", die von externen Filmstudios übernommen wurden; der Übergang von der Ausstrahlung von Lizenzprodukten externer Filmstudios zum Aufbau eines eigenen Studios, das preisgekrönte Serien und Filme wie "Stranger Things" produziert; und der Übergang von einem auf die USA beschränkten zu einem global tätigen Unternehmen, das Zuschauern in mehr als 190 Ländern Unterhaltung anbietet.

Der Schlüssel dafür war die Definition einer eigenen Unternehmenskultur. Sie gilt bei Netflix in den USA, in Europa und Asien gleichermaßen. Drei Punkte stehen dabei im Mittelpunkt: Talentdichte, Offenheit und vollkommene Transparenz.

Talentdichte

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Für Hastings ist klar: "Talentierte Menschen machen sich gegenseitig besser". Je mehr supertalentierte Mitarbeiter ein im Kreativ-Bereich angesiedeltes Unternehmen hat, je höher also die Talentdichte in der Firma ist, desto erfolgreicher ist sie. Für ein Unternehmen mit hoher Talentdichte will jeder arbeiten. Die Motivation steigt, die Arbeitsmoral nimmt zu. Die Arbeit geht schneller voran, Erfolge stellen sich häufiger ein. "Leistungsfähigkeit ist ansteckend", sagt Hastings.

Ein Beispiel für hohe Talentdichte und Leistungsfähigkeit ist der FC Bayern München: Jeder Spieler, der was auf sich hält, will dort spielen, weil er weiß, dass er dort exzellente Bedingungen vorfindet, sich selbst weiterzuentwickeln. Jeder Spieler weiß, dass er dort auf andere hochbegabte Spieler trifft und je mehr dieser Akteure ein Team hat, umso besser sind die Erfolgsaussichten: Meisterschaft, Double, Triple, Supercup. Der Erfolg des Teams FC Bayern München fällt am Ende auch auf jeden einzelnen Spieler zurück, der davon profitiert: Nationalmannschaft, höheres Gehalt, andere Angebote.

Kultur der Offenheit

Bei Netflix gilt aber auch der Unternehmensgrundsatz der Offenheit. Für Hastings bedeutet das vor allem: direktes und konstruktives Feedback positiver wie negativer Natur hilft, Arbeitsprozesse zu beschleunigen, sie zu verbessern und am Ende erfolgreicher zu sein. Probleme werden direkt angesprochen. Ein "Hinter-dem-Rücken-Getuschel" soll es bei Netflix nicht geben. "Mit positiver Grundhaltung aussprechen, was man wirklich denkt", so Hastings. "Sage nur über jemanden etwas, was du ihm auch ins Gesicht sagen würdest."

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Erin Meyer und Reed Hastings

(Foto: Netflix)

Offene Meinungsäußerungen und konstruktives Feedback entziehen politischen Ränkespielen den Boden. Je öfter Mitarbeiter hören, in welchen Bereichen sie sich verbessern können, desto besser machen sie danach ihre Arbeit - desto besser funktioniert das Unternehmen. Das Prinzip der Offenheit gilt dabei nicht nur unter gleichgestellten Mitarbeitern, sondern auch von unten nach oben. Bei Netflix kann jeder normale Angestellte Hastings ansprechen und auf Memos, Ansprachen oder Sonstiges Feedback geben - ob es positiv oder negativ ausfällt, ist dabei egal, es muss nur konstruktiv sein. "Sage dem Kaiser, wenn er keine Kleider trägt", sagt Hastings und verweist damit auf das Märchen "Des Kaisers neue Kleider".

Beseitigung von Kontrollmechanismen - vollkommene Transparenz

Und wer jetzt denkt: Wenn ich meinem Chef mal so richtig die Meinung geige, kann ich danach doch sofort meine Sachen packen und fliege hochkant raus - der irrt, zumindest bei Netflix. Denn neben Talentdichte und Offenheit gilt auch vollkommene Transparenz als ein Grundpfeiler der Unternehmenskultur. Voraussetzung für vollkommene Transparenz ist laut Hastings das Abschaffen von Regeln: Regelungen für Reisen? Spesen? Ausgaben? Urlaub? Gibt es bei Netflix nicht. Dadurch soll ein Vertrauen vermittelt werden, dass die Mitarbeiter das Richtige tun. Das wiederum soll das Verantwortungsbewusstsein jedes Einzelnen stärker und ebenso das Zugehörigkeitsgefühl zum Unternehmen.

Bei Netflix heißt das auch, dass das Unternehmen seine Quartalszahlen allen interessierten Mitarbeitern vorab zur Verfügung stellt, bevor sie der Wall Street vorgestellt werden - mit dem einzigen, aber unmissverständlichen Hinweis, dass eine Weitergabe oder Insiderhandel mit Gefängnisstrafen geahndet werden.

Es gibt nur eine einzige Regel

Das sind drei wesentliche Punkte der bei Netflix herrschenden Unternehmenskultur, die Gründer und Chef Hastings gemeinsam mit der Managementikone Erin Meyer in Buch- und Hörbuchform dargelegt hat. Der Titel ist dabei Programm: "Keine Regeln". Laut Hastings gibt es nur diese eine Regel bei Netflix - und deshalb ist das Unternehmen heute auch erfolgreicher denn je, am Markt mehr wert als Disney, bei Emmys und Oscars mittlerweile ein Garant für Auszeichnungen, von Fans geliebt und selbst von Kritikern bewundert.

"Keine Regeln" ist dabei kein trockenes Management-Handbuch für erfolgreiches Wirtschaften. Es ist vielmehr ein Lehrbuch für alle, die erfolgreich sein wollen: kleine Start-ups, Großkonzerne, Unternehmer, Angestellte, Freiberufler. Jeder findet etwas, um sich oder das Unternehmen erfolgreicher zu machen. Es gibt Lektionen, Beispiele, Zusammenfassungen, Interviews mit Netflix-Angestellten - und in allem steckt eine Menge Wissenswertes: Netflix bezahlt etwa nach dem "Rockstar"-Prinzip oder setzt den sogenannten Keeper-Test ein, um herauszubekommen, ob ein Mitarbeiter den Unternehmensansprüchen noch genügt. Am Ende von "Keine Regeln" ist jedem Leser sonnenklar: Die nächste Branchenumwälzung kann kommen, Netflix wird auch aus dieser gestärkt hervorgehen.

Quelle: ntv.de