Wirtschaft

Referendum wirft lange Schatten Deutsche Unternehmen misstrauen Katalonien

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Industriegebiet am Hafen von Barcelona.

REUTERS

Der Streit um die Unabhängigkeit Kataloniens hat die deutsche Wirtschaft in der Region zutiefst verunsichert. Die landesweite Radikalisierung schlägt unmittelbar auf ihre Geschäfte durch.

Es war Maßarbeit von Bruno Pötsch. Fachlich wie zeitlich. Nicht nur, dass der deutsche Unternehmer präzise gefertigte Kulissenbauten für den Werbesport eines wichtigen Großkunden wie bestellt zum Drehort lieferte. Er erreichte das Filmset auch noch ohne Verspätung. Klingt normalerweise banal. Aber die Umstände, die dieser Tage in Pötschs Wahlheimat Barcelona herrschen, bedrohen die Berechenbarkeit und Verlässlichkeit, die sonst allgemein üblich sind unter Geschäftsleuten und Dienstleistern der Stadt.

Pötsch hatte Glück, dass er an dem Tag der Lieferung mit seinem Transporter in letzter Minute dem Stau entkam, in den wenig später sein Mitarbeiter geriet, der ihm auf einem Motorroller in einigem Abstand gefolgt war. Tausende Demonstranten blockierten plötzlich die Straße, um sich für ihre Sache stark zu machen. Ob es Demonstranten pro oder contra Unabhängigkeit waren, ist ein paar Wochen danach schon wieder so gut wie vergessen.

Der 1. Oktober hat vieles durcheinander gewirbelt in Katalonien. Der politische Streit rund um die Abstimmung für eine Unabhängigkeit der Region von Spanien wirft lange Schatten auf die wirtschaftlichen Interessen. Davon betroffen sind auch deutsche Firmen. Der Arzneimittelhersteller Stada räumte vergangene Woche ein, dass er von Boykotten spanischer Apotheker bedroht sei, weil er in Katalonien produziere. Stada zieht deshalb einen Umzug von Barcelona nach Madrid in Erwägung. Tausende Firmen haben ihren steuerlichen Sitz bereits aus Katalonien in einen anderen Teil des Landes verlegt. Mit Hilfe der Zentralregierung in Madrid, die diesen Schritt durch eine Entbürokratisierung innerhalb eines Tages möglich machte.

"Das ist hier ein großes Selbstmordkommando", klagt Kulissenbauer Pötsch. Er hatte vergeblich darauf gehofft, dass die Verantwortlichen der Separatistenbewegung zumindest einen Plan in der Tasche hätten, wie die Wirtschaft der Region all den Unwägbarkeiten begegnen sollte, die sich nun auftürmen. Risiken wie Verspätungen oder Absagen lassen sich mit Flexibilität und Organisation vielleicht noch umschiffen. Sie bilden aber nur die Spitze des Eisberges. Die wirkliche Gefahr lauert unterhalb der Oberfläche.

"Zunehmende Radikalisierung zu spüren"

Eine aktuelle Umfrage der deutschen Außenhandelskammer in Spanien unter ihren Mitgliedern ergab, dass fast alle Unternehmen die Entwicklung besorgt verfolgen. Das Vertrauen in die Politik des Landes ist erschüttert. 40 Prozent der rund 1100 in Spanien ansässigen deutschen AHK-Mitglieder sehen sogar ihre Investitionsvorhaben beeinträchtigt. "Besonders bedauerlich ist, dass das in den letzten Jahren mühsam geschaffene Vertrauen in die Erholung der spanischen Wirtschaft nun in der öffentlichen Wahrnehmung ganz in den Hintergrund gerückt ist", sagt Karl H. Lincke, Partner bei der Kanzlei Mariscal & Abogados, die vornehmlich deutsche Unternehmen im Land betreut.

Lincke stellt eine Verschärfung der politischen Auseinandersetzung im Land fest, die auch deutschen Firmen schaden kann. "Es ist eine zunehmende Radikalisierung zu verspüren. In der aufgeheizten Lage kann dies nur zu Boykottaktionen von der einen oder anderen Seite führen", befürchtet Lincke.

Diese Erfahrung machte kürzlich der Chef einer Vertriebsgesellschaft eines deutschen Maschinenbauers, der das Tourismusgewerbe mit seinen Produkten bedient. Nach einer Lieferung verweigerte ein spanischer Kunde die Zahlung. Er werde sein Geld nicht nach Katalonien überweisen, begründete er trotzig. Der Deutsche, der anonym bleiben will, bot dem Kunden an, das Geld nach Deutschland zu überweisen. So geschah es. Anwalt Lincke rät deutschen Firmen deshalb ab, sich in der Unabhängigkeitsfrage zu positionieren, um keinen Zorn von irgendwem auf sich zu ziehen.

In einem anderen Fall stornierte ein Kunde des Maschinenbauers kurzfristig einen Auftrag, weil er nach der Abstimmung über die Unabhängigkeit 30 Prozent weniger Reservierungen verzeichnet hatte und keinen Bedarf mehr an der Lieferung durch die deutsche Firma sah. "Wenn man für Umsätze sorgen soll, dann beunruhigt einen das natürlich", sagt er.

Geldtransfer nach Deutschland

Schließlich reiste er nach Deutschland zum Sitz der Muttergesellschaft, auch um zu erörtern, ob eine Verlegung des Firmensitzes nach Madrid eine Lösung sein könnte. Man einigte sich darauf, zunächst die Entwicklung in den kommenden Monaten abwarten zu wollen und im Ernstfall den Vertrieb in Spanien aus Deutschland zu organisieren. Der Notfallplan steht, doch das Misstrauen bleibt, weswegen der Manager große Teile des betrieblichen Bargeldbestandes aus Katalonien vorsorglich in die Heimat überwies.

Für Vertriebsgesellschaften sind strategische Entscheidungen jedoch kurzfristig leichter zu treffen. Wer dagegen eine Fertigung in Katalonien hat, braucht mehr Vorlaufzeit, um eventuelle Produktionslücken zu verhindern.

Denn eine mögliche Abspaltung würde bedeuten, dass der Freihandel von einem Tag auf den anderen gefährdet wäre. Katalonien wäre raus aus der EU. Firmen, die dort dann noch produzieren, drohten Importzölle und die Risiken der Währungswechsel, wenn sie mit dem europäischen Binnenmarkt weiter Geschäfte machen wollten. Problematisch wäre auch der Umgang mit Langzeitverträgen. Nach welchem Recht würden sie fortgesetzt, oder würden sie nichtig? Und was würde aus Krankenversicherungen oder Rente? "Unternehmerische Probleme sind für uns immer dann lösbar, wenn wir wissen, wo wir dran sind", sagt der Vertriebsleiter. Genau das ist aber zurzeit nicht der Fall.

Gespannt blicken die deutschen Firmen deshalb auf den 21. Dezember, wenn die Neuwahlen zur Bildung des Regionalparlaments angesetzt sind. Doch ganz gleich, ob die Unabhängigkeitsbefürworter noch einmal als Sieger hervorgehen sollten oder nicht: Es bleiben offene Fragen für die Zukunft. Wie lange, ist ungewiss. Anwalt Lincke sieht keine unmittelbare Lösung des Konflikts: "Die Unternehmen müssen Geduld mit bringen", warnt er.

Kulissenbauer Pötsch sieht die Lage immerhin pragmatisch. "Was trotz der Unsicherheit bleibt, sind die gute Infrastruktur in Katalonien, zuverlässige Partner, professionelle und fachkundige Arbeitnehmer und eine hohe Lebensqualität." Es sind zurzeit Kataloniens stärksten Trümpfe, um die Unternehmen weiter an sich zu binden.

Quelle: n-tv.de

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