Wirtschaft

Die Wahrheit über untote Firmen Die Zombie-Unternehmen-Invasion fällt aus

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Echte Untote sind nicht so leicht zu erkennen.

(Foto: picture alliance / Matthias Oest)

Firmen, die eigentlich längst pleite sind, leben weiter und saugen unschuldige Geschäftspartner aus. Das gibt es. Um die Untoten der Wirtschaft ranken sich viele Mythen. Etwa, dass Staatshilfen und Niedrigzinsen schuld an einer bevorstehenden Zombie-Apokalypse seien.

Es gibt sie wirklich, viele Wirtschaftsprüfer, Banker und Insolvenzverwalter haben sie schon gesehen. Immer wieder fallen ihnen ahnungslose kerngesunde Geschäftspartner zum Opfer: Zombiefirmen sind unter uns. Sie waren es schon immer. In der Regel erkennt man sie erst, wenn es zu spät ist, wenn man ihnen zum Opfer gefallen ist. Denn sie sehen oft gar nicht gruselig wie die Untoten aus Horrorserien aus.

Ein Zombieunternehmen kann das kleine Restaurant um die Ecke sein, das nicht erst seit Corona Verluste macht, dessen Betreiber sich aber dagegen sträubt aufzugeben und fleißig weiter bei Lieferanten bestellt, obwohl er eigentlich weiß, dass er die Rechnungen kaum wird bezahlen können. Ein Zombie kann auch der alteingesessene Einzelhändler sein, dessen Geschäftsmodell schon lange nicht mehr trägt, der jedoch die Insolvenz versucht hinauszuzögern, indem er juristisch zweifelhafte Gegenforderungen gegen seinen Vermieter und andere Gläubiger erhebt und so trotz faktischer Zahlungunfähigkeit Zeit schindet.

Die Beispiele stammen aus der Praxis von Insolvenzverwaltern. Gemeinsam ist diesen Zombies, dass sie Schaden bei Geschäftspartnern anrichten beziehungsweise vergrößern, indem sie das unausweichliche Ende des Unternehmens herauszögern. Schlimmstenfalls können so gesunde Unternehmen, etwa Lieferanten oder Handwerker und andere Dienstleister, mit in den Abgrund gerissen werden.

Zwei Drittel der Konzerne untot?

In den vergangenen Wochen gab es immer neue Meldungen, in der Corona-Krise werde aus dem altbekannten Phänomen eine gigantische, unkontrollierbare Zombie-Apokalypse, die die gesamte Wirtschaft - zusätzlich zum Konjunktureinbruch selbst - ins Chaos stürzen werde. Dieses Szenario beruht allerdings auf Vorstellungen, die man getrost als Horrormärchen abtun kann. Einige Schätzungen gehen von mehreren Hunderttausend Zombie-Firmen in Deutschland aus. Analysten der Fondsgesellschaft Principal zufolge sollen je nach Definition zufolge sogar mehr als Zwei-Drittel aller im globalen Aktienindex MSCI AWI notieren Unternehmen untot sein.

Andere Experten setzen einfach den heftigen Corona-Konjunktur-Einbruch ins Verhältnis zu den aufgrund der staatlichen Hilfsmaßnahmen stark zurückgehenden Insolvenzzahlen und stellen fest: Da klafft eine riesige Lücke an Firmen, die statistisch gesehen pleite gehen müssten, aber offenbar bei keinem Insolvenzgericht aufgetaucht sind. Das mussten sie bis vor kurzem in vielen Fällen auch nicht, denn die Insolvenzantragspflicht war zeitweise ausgesetzt und ist es in manchen Fällen immer noch. Diese Firmen leben offenbar als Zombies weiter, so die Schlussfolgerung.

Gemein ist solchen Analysen, dass sie unterstellen, die Zombiefirmen stürben aufgrund "unnatürlicher" Hilfsmaßnahmen der Regierung oder Zentralbank nicht, während sie unter "normalen" Marktbedingungen längst aus dem Geschäft gedrängt worden wären. Schon vor den massiven Corona-Hilfen, die das Überleben vieler Firmen in der Krise derzeit sichern, wurden in den vergangenen Jahren oft die niedrigen Zinsen als solche "unnatürliche" Bedingung kritisiert, die ertragsschwachen Unternehmen künstlich am Leben erhielten, die bei einem höheren Zinsniveau ihre Kapitalkosten nicht erwirtschaften könnten.

Fragwürdige Definitionen

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Problematisch ist dabei nicht nur die Definition, was "natürliche" oder "unnatürliche" Bedingungen in der Wirtschaft sein sollen. Denn Volkswirtschaften ohne staatliche oder geldpolitische Eingriffe der Zentralbanken hat es schließlich nie gegeben und wird es auch nicht. Dass die Zinsen im historischen Vergleich sehr niedrig sind, heißt nicht, dass sie bald wieder steigen müssen. Fragwürdig ist auch, dass oft unterstellt wird, jedes renditeschwache Unternehmen schade der Wirtschaft, da es zum Beispiel Kapital oder Arbeitskräfte an sich bände, die bei einem stärkeren Konkurrenten effizienter eingesetzt werden könnten. Dadurch lähmten die am Leben erhaltenen Schwächlinge Produktivitätsfortschritte und Innovationen, so die Vorstellung. Empirische Belege für diese bei liberalen Ökonomen beliebte Theorie fehlen allerdings. Im Gegenteil ließe sich anführen, dass Unternehmen wie Amazon, Uber oder Tesla, die jahrelang gigantische Verluste gemacht haben, unbestreitbar zu den großen Innovationstreibern der jeweiligen Branche gehören.

Ertragsschwäche oder Abhängigkeit von niedrigen Zinsen sagen nichts darüber aus, ob ein Unternehmen vor dem Aus steht und dabei unbezahlbare Verbindlichkeiten anhäuft, die andere Firmen in den Abgrund reißen könnte. Während die - inzwischen für die allermeisten Fällen wieder in Kraft getretene Insolvenzantragespflicht - tatsächlich geeignet war, in der Krise auch gefährliche Zombies am Leben zu halten, gilt das für die umfassenden Finanzhilfen des Staates in der Krise eben gerade nicht. Indem der Staat Not- und Überbrückungshilfen gewährt, Garantien bereitstellt oder sich mit Kapital an Unternehmen in Schieflage beteiligt, verhindert er ja gerade, dass diese Firmen in ihrer Not zombiemäßig Lieferanten, Vermieter und andere Geschäftspartner aussaugen.

Quelle: ntv.de