Wirtschaft

Türkischer Verbandschef Kanca "Ein VW-Werk in der Türkei wäre ein Signal"

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Ford produziert bereits Wagen in der Türkei. VW soll als Partner für Kleinbusse dazukommen.

(Foto: REUTERS)

Zulieferer aus der Türkei sind ein wichtiger Teil der Produktionskette der deutschen Autoindustrie. Doch in den vergangenen Jahren überschattete die Politik Wirtschaftsbeziehungen, wie der Präsident des Branchenverbands Taysad, der Unternehmer Alper Kanca, im Interview bei n-tv.de erklärt. Eine Investitionsentscheidung von VW wird zum Testfall, dafür, dass diese Zeiten jetzt überwunden sind.

n-vt.de: In Folge des Lira-Crashs und der hohen Inflation ist im Herbst der Autoabsatz in der Türkei drastisch eingebrochen. Wie hart hat das die Zulieferbetriebe getroffen?

Alper Kanca: In der Tat ist der Binnenmarkt stark geschrumpft. Um 40 bis 60 Prozent für Pkw, und auch bei Lkw sehen wir den stärksten Einbruch seit 10 Jahren. Allerdings sind die türkischen Zulieferer sehr stark auf den Export ausgerichtet. Der heimische Markt ist nur etwa für ein Viertel unseres Umsatzes verantwortlich. Unterm Strich sehen wir Einbußen von 5 bis 7 Prozent aufgrund dieser Probleme. Das können wir verkraften, vor allem wenn man sich die Situation zuvor anschaut: In der Boomphase der letzten drei Jahre lief die Produktion in vielen Unternehmen sieben Tage die Woche im Dreischichtbetrieb. Jetzt haben wir eine kleine Erholungsphase.

Die vergangenen Jahre waren auch für ihren wichtigsten Handelspartner, die deutsche Autoindustrie, eine Zeit der Absatz- und Gewinnrekorde. Nun stecken die Konzerne nicht nur wegen der missglückten Umstellung auf das neue Abgasprüfverfahren in Problemen, sondern geben reihenweise Gewinnwarnungen auch gleich für das nächste Jahr heraus. Hat die Branche ihren Zenit überschritten?

Diese Trends auf unseren wichtigsten Märkten – Westeuropa und Deutschland – machen uns Sorgen. Wir spüren, dass das Wachstum langsamer wird. 2018 war kein gutes Jahr. Die aktuelle Situation bietet aber auch große Chancen, insbesondere für europäische Investoren in der Türkei.

Welche?

Für Investoren bieten sich einerseits gute Gelegenheiten, Firmen in unsere Branche zu kaufen. Der Wert mancher Unternehmen ist in Euro gerechnet in den vergangenen Monaten um die Hälfte gesunken, obwohl sie voll ausgelastet sind. Zudem haben die großen Markenhersteller in den mittel- und osteuropäischen Ländern, mit denen wir als Standort konkurrieren, zunehmende Schwierigkeiten ausreichend Fachkräfte zu finden.

In den vergangenen beiden Jahren waren auch die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen von politischen Kontroversen überschattet. Deutsche Unternehmen waren sehr zurückhaltend mit Investitionsentscheidungen in der Türkei. Haben Sie das in ihrer Branche auch gespürt? Und hat sich das inzwischen geändert?

Als jemand, der sehr viel mit deutschen und europäischen Geschäftspartnern zu tun hat, war das wirklich eine schwierige Zeit für mich. Der politische Streit war oft in den Geschäftsbeziehungen zu spüren. Doch das ist besser geworden. Die Politiker haben offenbar daraus gelernt und tragen ihren Streit nicht mehr öffentlich, sondern in geschlossenen Räumen aus. Die Unternehmen richten ihren Fokus auf die wirtschaftlichen Faktoren. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass zwei große Investitionsentscheidungen der Branche für die Türkei vor dem Abschluss stehen: eine gemeinsame Produktion von Kleinbussen von VW und Ford und ein neues Werk, das Skoda für den VW-Konzern errichten will.

Für das Skoda-Werk konkurriert die Türkei offenbar mit Bulgarien und Rumänien als mögliche Standorte. Was macht sie zuversichtlich, dass die Entscheidung zugunsten der Türkei fallen könnte?

Die Stärke des Autostandorts Türkei sind unsere Arbeitskräfte. Das sagen die deutschen Automanager. Wir haben eine Umfrage unter 150 leitenden Mitarbeiter der deutschen Autoindustrie durchführen lassen. Für die Mehrheit unter ihnen sind türkische Zulieferer wichtige Kooperationspartner. Und dabei stehen für sie an erster Stelle nicht etwa die niedrigeren Kosten in der Türkei, sondern unsere motivierten und effizienten Mitarbeiter. Dass gerade die Deutschen die Effizienz hervorheben, ist natürlich ein großes Kompliment.

Welche Bedeutung hätte die Entscheidung von VW für ein neues Werk für ihre Branche und für die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen?

Die VW-Entscheidung ist ein Testfall. Wenn es gelingt, das ohne politisches Störfeuer durchzuziehen, wären wir alle einen großen Schritt weiter. Derzeit ist es so - das zeigt unsere Umfrage ebenso wie meine persönliche Erfahrung -, dass die Entscheidungsträger in Unternehmen, die bereits enge Beziehungen zur türkischen Wirtschaft pflegen, unsere Stärken kennen. Bei den anderen jedoch gibt es große Bedenken und Vorurteile. In persönlichen Gesprächen verbringe ich oft die ersten 20 Minuten nur damit, grundlegende Vorurteile über den Standort Türkei auszuräumen. Eine öffentlichkeitswirksame Investition von einem Weltkonzern wie VW hätte eine sehr hilfreiche Signalwirkung.

Mit Alper Kanca sprach Max Borowski.

Quelle: n-tv.de