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Gesellschafter suchen das Weite Erdogans Mega-Flughafen bleibt im Testbetrieb

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Der neue Internationale Flughafen Istanbul ist Erdogans Protz-Projekt. Der Airport soll einmal eine Kapazität von 200 Millionen Reisenden im Jahr haben.

(Foto: picture alliance/dpa)

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Für die Planer des Berliner Flughafens BER ist es eine Schmach: In vier Jahren stampft die Türkei ihren Super-Airport in Istanbul aus dem Boden. Im März soll er komplett in Betrieb gehen. Doch jetzt stockt der Zeitplan, für Präsident Erdoğan wird es eng.

Der neue Airport Istanbul macht den BER: Auch nach zwei Termin-Verschiebungen wird es mit dem angekündigten Komplettumzug vom Atatürk Flughafen zum neuen Airport offenbar nichts. Zumindest bis Anfang März wird das Prestigeobjekt des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan nach übereinstimmenden Medienberichten nicht komplett ans Netz gehen können. Der Testbetrieb mit lediglich 20 Maschinen pro Tag werde mindestens noch einen Monat länger laufen, schreibt das "Handelsblatt".

Dabei hatte die türkische Flughafenverwaltung den Umzugstermin erst im Januar bestätigt. Nach der Teileröffnung am 29. Oktober 2018 mit einem Festakt aus Anlass des 95. Jahrestags der türkischen Republikgründung sollten die Flüge zügig zum neuen Airport umgeleitet werden. Zunächst hieß es, ab 2019 würden alle Maschinen von dort aus starten, dann ab dem 3. März. Nun klappt auch dieser Termin offenbar nicht.

Laut dem kritischem türkischen Nachrichtenportal Ahval steckt Erdoğans Prestigeprojekt in Schwierigkeiten. Ein Umzug Anfang März könne "zu einem katastrophalen Unfall vor den Wahlen" führen, schreibt Ahval und beruft sich dabei auf das türkische Luftfahrtportal Airporthaber. Demnach warnen Experten, dass die drei Flughäfen in Istanbul bei gleichzeitigem Betrieb wegen des hohen Verkehrsaufkommens nicht die internationalen Vorschriften für die Flugverkehrskontrolle einhalten können.

Gerüchten zufolge soll der ehemalige türkische Ministerpräsident und heutige Kandidat der AKP für das Amt des Bürgermeisters von Istanbul, Binali Yildirim, auf eine Verschiebung des Termins gedrungen haben. Er gilt als treuer Gefolgsmann Erdoğans. In der Türkei sind am 31. März Kommunalwahlen. Erdoğan ist auf jede Stimme angewiesen, die Zustimmungswerte für seine islamisch-konservative Partei AKP sinken.

Das Risiko durch den neuen Flughafen wird nach den Wahlen jedoch nicht geringer: Atatürk wird laut Vertrag bis 2021 am Netz bleiben. Ob der neue Flughafen bis dahin komplett hochfahren wird, bleibt abzuwarten.

Betreibergesellschaft in Auflösung

Und es gibt noch weitere Probleme: zum Beispiel die große Absetzbewegung in der Betreibergesellschaft Istanbul Grand Airport. Die fünf Unternehmen, die für den Bau und den Betrieb verantwortlich sind, verließen nach und nach "das sinkende Schiff", schreibt Ahval.

Einer der Gesellschafter soll seine 20 Prozent an Anteilen bereits verkauft haben. Zwei weitere sollen einen Ausstieg planen. Angeblich haben sie wegen des dramatischen Lira-Verfalls im vergangenen Jahr Schwierigkeiten, ihre Schulden zu zahlen. Laut Insidern steht die Immobilientochter der halbstaatlichen Turkish Airlines bereits in den Startlöchern, um einen Großteil dieser Anteile einzusammeln.

Das hätte jedoch nicht unerhebliche Konsequenzen: Die eigentlich profitable Airline würde nicht nur zum größten Anteilseigner, sie würde laut Ahval auch Schulden von bis zu 3,6 Milliarden Euro übernehmen, die dann zumindest zum Teil auch zu Staatsschulden werden. Denn 49 Prozent der gehandelten Aktien gehören dem türkischen Staatsfonds TVF, der mittlerweile von Erdoğan und von seinem Schwiegersohn, Finanzminister Berat Albayrak, geleitet wird. Der Fonds, der insgesamt Vermögenswerte von 200 Milliarden Dollar umfasst, war nach dem Putschversuch 2016 eingerichtet worden, um Wirtschaft und Finanzen zu beruhigen und staatliche Wirtschaftsbeteiligungen zentral zu verwalten. Auch die Immobilientochter von Turkish Airlines gehört zum Portfolio des Fonds.

Dass die größte türkische Fluggesellschaft auf ihrer Website seit Tagen keine Flüge mehr vom neuen Flughafen nach dem 28. Februar anbietet, wundert nicht. Laut dem Luftfahrtportal Airporthaber erscheint bei Anfragen nur noch der Hinweis: "Sie haben Datum und Route nicht ausgewählt. Sie können nach einem neuen Flug suchen, indem Sie diese Informationen ändern." Angaben dazu, was das zu bedeuten habe, seien von den Mitarbeitern bei Turkish Airlines nicht zu erhalten gewesen, heißt es.

Es wird eng für Erdogans Vorzeigeprojekt

Wie das "Handelsblatt" schreibt, läuft das Projekt Umzug wegen seiner Komplexität in der Zentrale von Turkish Airlines unter dem Namen "Big Bang". Ein großer Knall könnte es auch für Erdoğan werden, denn die Verzögerung bedeutet einen gewaltigen Imageschaden. Für die türkische Wirtschaft, die in einer schweren Finanzkrise steckt, geht es um nicht weniger als die Zukunft als Investitionsstandort.

Der Präsident wollte eigentlich mit dem größten Airport der Welt bei internationalen Investoren um Vertrauen werben. Der Flughafen soll in Zukunft nicht nur Frankfurt, sondern vor allem dem Standort Dubai als globales Drehkreuz Konkurrenz machen. Doch mit lediglich 20 Flügen am Tag ist der Traum selbst von einer Anfangskapazität von jährlich 90 Millionen Passagieren Lichtjahre entfernt.

Wegen schlechter Arbeitsbedingungen hatte der Bau des neuen Flughafens in den vergangenen Jahren immer wieder für Diskussionsstoff gesorgt. Viele Arbeiter wurden bei Unfällen getötet, auch Korruptionsfälle sorgten für Negativ-Schlagzeilen. Die Kosten stiegen von ursprünglich knapp sieben Milliarden auf 10,5 Milliarden Euro. Zum Zeitpunkt, als die Bauarbeiten für den neuen Airport am 7. Juni 2014 begannen, war als Eröffnungdatum der 29. Oktober 2017 anvisiert worden. Später wurde dieser Termin aus politischen Gründen um ein Jahr auf den Nationalfeiertag zur Gründung der türkischen Republik verschoben.

Allerdings ist das nichts im Vergleich zum Berliner Pannenflughafen BER, der auch zwölf Jahre nach dem ersten Spatenstich immer noch nicht fertiggestellt ist. Hier sind die Kosten mittlerweile auf mehr als sieben Milliarden Euro gestiegen. Beim ersten Spatenstich 2006 war von zwei Milliarden Euro die Rede. Im Unterschied zum neuen Flughafen in Istanbul gibt es nicht einmal einen Teilbetrieb, und um die Inbetriebnahme im Oktober 2020 wird auch immer noch gebangt.

Quelle: n-tv.de

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