Wirtschaft

Dax-Firma bestreitet Beteiligung Hacker attackieren Wirecard-Kritiker

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Wirecard-Gründer und -Chef Markus Braun hat nichts zu lachen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Gerade erst die Razzia in der Wirecard-Zentrale in Aschheim, nun schon wieder Negativschlagzeilen: Kanadische Sicherheitsforscher haben Beweise dafür, dass Gegner des Zahlungsdienstleisters Opfer gezielter Hacker-Attacken wurden. Für Firmenchef Braun kommt die Nachricht zur Unzeit.

Die Ungereimtheiten rund um den deutschen Finanzdienstleister Wirecard nehmen kein Ende. Als würden alle juristischen Auseinandersetzungen, in die er bereits verwickelt ist, nicht ausreichen, steht der Dax-Konzern nun auch noch im Zentrum einer der größten Fälle von Auftragshacking, den die Welt je gesehen hat. Auch wenn Wirecard die Vorwürfe zurückweist, muss der Konzern sich einmal mehr mit Fragen befassen, über die ein Flaggschiff der deutschen Börsen-Oberliga eigentlich erhaben sein sollte.

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Aufgedeckt haben den weltumspannenden Fall Forscher der Universität von Toronto. Wie die Research-Einheit "Citizen Lab" berichtet, wurden "mit großer Sicherheit" aus Indien heraus jahrelang Zehntausende Ziele in der ganzen Welt ausspioniert. Dazu gehörten Journalisten, Aktivisten, Anwaltskanzleien und sogar Regierungen. Besonders häufig aber waren offenbar Übergriffe auf Finanzkonzerne: Alle Fäden laufen bei Belltrox in Neu-Delhi zusammen. Reuters zitiert Insider, wonach die relativ unbekannte indische IT-Firma ihre Dienste auch großen US-Namen wie dem Private-Equity-Riesen KKR oder dem Leerverkäufer Muddy Waters Research angeboten haben soll.

Besonders wichtig aber war laut den Fachleuten in Kanada der deutsche Zahlungsdienstleister Wirecard, der sein Geld anfänglich vor allem mit Glücksspiel- und Pornoseiten im Internet machte. Laut Citizen Lab war das Unternehmen aber nicht selbst das Ziel der Hacker, sondern vielmehr Kritiker und Spekulanten, die in den vergangenen Jahren über Wirecard berichtet oder gegen den Konzern gewettet haben. Nur wenige Tage nach einer Razzia in der Firmenzentrale des Zahlungsabwicklers wirft der kanadische Bericht damit erneut ein Schlaglicht auf das Unternehmen - das derzeit eigentlich einen Neustart versucht und alles daran setzt, aus den Schlagzeilen zu verschwinden.

"Das wichtigste Ziel des Finanzsektors war eine Gruppe von Hedgefonds, Leerverkäufern, Journalisten und Ermittlern, die sich mit Themen im Zusammenhang mit Marktmanipulationen beim deutschen Zahlungsabwickler Wirecard AG befassten", schreiben die Forscher in ihrem Bericht. "Nach intensiver Arbeit" seien sie zum Schluss gekommen, dass die Ziele, die gehackt wurden, zum einen danach ausgesucht worden seien, wer auf fallende Aktienkurse gewettet habe. Zum anderen seien Journalisten, die kritisch über den Konzern berichtet hätten, zum Ziel der Hacker geworden.

Die Zugangsdaten zu den E-Mail-Konten der Opfer wurden demnach über gefälschte Webseiten gesammelt, wo diese ihre Daten unwissentlich eingegeben hatten. Im Fachjargon spricht man von Phishing. Auf diese Weise wurden sowohl private E-Mails zwischen Journalisten und ihren Quellen sowie die Korrespondenz von Leerverkäufern und Hedgefonds "abgefischt" und danach im Internet veröffentlicht. Einige Accounts seien monatelang beinahe täglich gehackt worden, schreiben die Forscher. Auffällig dabei: Die E-Mails wurden offenbar zuvor bearbeitet. Die Sicherheitsforscher schlussfolgern daraus, dass neben den Hackern auch noch andere Personen bei den Attacken mitgewirkt haben müssen.

Was Wirecard mit den Übergriffen zu tun hat und ob das Unternehmen als Auftraggeber fungierte, wie es sich vielleicht aufdrängt, bleibt unklar. "Eindeutige Beweise" dafür haben die Forscher nicht, wie sie schreiben. Wirecard selbst weist alle Vorwürfe - wie auch schon bei vergangenen Skandalen - zurück. Trotzdem lässt die Tatsache, dass im Zusammenhang mit dem weltumspannenden Auftragshack ausgerechnet der Name Wirecard fällt, wieder mal aufhorchen.

Ein weiteres Schlaglicht

Wirecard ist bereits in mehrere juristische Auseinandersetzungen verwickelt. Das Unternehmen und sein Gründer und Firmenchef Markus Braun scheinen inzwischen angezählt. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt nicht nur gegen Braun und seine Vorstandskollegen, sondern prüft auch mögliche Marktmanipulation durch Börsenspekulanten. Daneben gibt es zivilrechtliche Klagen: Einerseits hat Wirecard die "Financial Times" wegen deren Berichterstattung verklagt, andererseits gibt es Klagedrohungen und -ankündigungen von Aktionären gegen Wirecard wegen mutmaßlicher Markmanipulation.

Erst am vergangenen Freitag teilte Wirecard mit, dass die Behörden die Geschäftsräume des Unternehmens durchsucht haben. Es geht dabei um die bereits bekannten Ermittlungen im Zusammenhang mit Ad-hoc-Mitteilungen im Vorfeld der Veröffentlichung des lange erwarteten Sonderuntersuchungsberichts der Wirtschaftsprüfungsfirma KPMG. Die Finanzaufsicht Bafin hat den Bericht von Anfang Mai unter die Lupe genommen und inzwischen Anzeige wegen des Verdachts auf Marktmanipulation erstattet. Der Verdacht beruht darauf, dass die Verantwortlichen von Wirecard am 12. März und am 22. April "irreführende Signale für den Börsenpreis der Aktien der Wirecard AG gegeben haben könnten".

Wirecard hatte die KMPG-Untersuchung eigentlich in Auftrag gegeben, um sich vom Vorwurf der Bilanzmanipulation reinzuwaschen. Der Schuss ging jedoch nach hinten los. Die Prüfer fanden zwar keine Beweise für eine Bilanzfälschung, warfen dem Dax-Konzern jedoch organisatorische Mängel vor. Der erhoffte Befreiungsschlag für Wirecard blieb damit aus, was die Anleger auch noch mit Kursabschlägen von mehr als 30 Prozent abstraften.

Manager der beiden Fonds-Schwergewichte Union und Deka haben personelle Konsequenzen gefordert. In der Zentrale in Aschheim laufe eine "Art Endspiel", schreibt die "Wirtschaftswoche". Erstmals sei "sogar von einem möglichen Rücktritt Brauns die Rede". Der Druck auf Wirecard - sowohl von Seiten der Behörden als auch der Aktionäre - wächst.

Spuren führen nach Indien

Für Wirecards Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann, der das ganze Chaos ordnen und den Konzern endlich in geordnete Bahnen führen soll, wird es nicht einfacher. Gefallen dürfte das dem Manager nicht. Die Forscher in Toronto haben das US-Justizministerium bereits über die Attacken auf US-Ziele informiert. Die Angelegenheit würde derzeit von den US-Strafverfolgungsbehörden untersucht, heißt es. Eine Stellungnahme gibt es bislang nicht. Sicher ist: Klarheit über die Auftraggeber der Hackerattacken würde auch in der Angelegenheit Wirecard helfen.

An diese Informationen zu kommen wird womöglich jedoch nicht so einfach werden. Alle Spuren von "Dark Basin" (auf Deutsch: das dunkle Becken), wie die Cyber-Experten in Toronto die Hacker-Attacken getauft haben, führen angeblich zu "Belltroxinfotech". Gründer und Chef ist Sumit Guptam. Laut Reuters hat er alle Vorwürfe eines Fehlverhaltens zurückgewiesen. Wer zu den Kunden seines Unternehmens zählt, wollte er nicht sagen. Guptam ist bei den Justizbehörden kein Unbekannter. In den USA wurde er laut dem Bericht der kanadischen Forscher 2015 in einem Hacking-Verfahren angeklagt. 2017 hieß es, er sei flüchtig.

In den sozialen Medien beschreiben Belltrox-Mitarbeiter ihre Angriffstechniken als "Ethical Hacking" und sich selbst als "Certified Ethical Hacker". Der Belltrox-Slogan lautet: "You desire, we do!" Ein gewagtes Versprechen. Am Sonntag, den 7. Juni 2020 stellten die Forscher in Kanada fest, dass auf der Belltrox-Seite nur noch eine Fehlermeldung erschien. Alles, was Belltrox mit den Phishing-Vorgängen verbindet, sei gelöscht worden, schreiben sie in dem Bericht.

Die Stellungnahme von Wirecard zu dem Fall lautet bislang, der Konzern habe zu keinem Zeitpunkt in direktem oder indirektem Kontakt zu einer Hacker-Gruppe in Indien gestanden. Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Aktionärsvereinigung DSW, stellte am Freitag nach der Razzia die für Wirecard die entscheidende Frage: "Wie schafft man es, wieder Ruhe hineinzubringen?" Ruhe ist alles andere als absehbar. Der seit Jahren rasant wachsende Konzern hat nach wie vor keinen Abschluss für das Jahr 2019 vorgelegt, dies soll nun am 18. Juni nachgeholt werden. Noch fehlt das Testat der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young. Sollten sie keine uneingeschränkte Bestätigung ausstellen, wird sich der Druck auf Vorstandschef Braun weiter erhöhen.

Quelle: ntv.de

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