Wirtschaft

"Exportabschwung eingeläutet" Importe übertreffen erstmals seit Jahren Exporte

109620441.jpg

Im Mai war Deutschlands Außenhandelsbilanz zum ersten Mal seit Langem negativ.

(Foto: picture alliance / imageBROKER)

Jahrelang steht Deutschland wegen seines hohen Exportüberschusses in der Kritik. Im Mai sinken die deutschen Ausfuhren überraschend, so dass die Handelsbilanz zum ersten Mal seit mindestens 14 Jahren negativ ist. Auch hier liegt das Problem bei den Lieferketten.

Erstmals seit Jahren ist Deutschlands Außenhandelsbilanz im Mai negativ gewesen - der Wert der Exporte war niedriger als der Wert der Importe. Die Ausfuhren schrumpften im Vergleich zum April um 0,5 Prozent, die Einfuhren nahmen um 2,7 Prozent zu, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Der DIHK-Experte Volker Treier warnte: "Der Exportabschwung ist eingeläutet."

Es ist das erste Mal seit Januar 2008, dass Deutschlands Außenhandelsbilanz negativ war; das Minus lag laut Statistik bei einer Milliarde Euro. Aus den Jahren vor 2008 hat das Statistische Bundesamt keine Vergleichszahlen, weil damals die Statistik umgestellt wurde. Deutschland stand jahrelang wegen seines hohen Exportüberschusses in der Kritik.

Der Wert der Exporte erreichte rund 125,8 Milliarden Euro. Die Unternehmen hierzulande führten laut Statistik im Mai Waren im Wert von 67,5 Milliarden Euro in die EU-Mitgliedstaaten aus, ein Rückgang im Vergleich zum April um 2,8 Prozent. Die Ausfuhren in Drittstaaten dagegen nahmen zu: Sie wuchsen im Vergleich zum April um 2,3 Prozent auf 58,3 Milliarden Euro. Die meisten deutschen Exporte gingen demnach in die USA - der Wert stieg um 5,7 Prozent im Vergleich zum April auf 13,4 Milliarden Euro. Die Ausfuhren nach China legten um 0,5 Prozent auf 8,7 Milliarden Euro zu.

Importwert eine Milliarde Euro höher

Aus der Volksrepublik kamen im Mai die meisten Importe im Wert von 18,0 Milliarden Euro - das waren allerdings 1,6 Prozent weniger als im April. Aus den USA wurden Waren im Wert von 7,4 Milliarden Euro nach Deutschland geliefert, ein Plus von 9,7 Prozent. Insgesamt lag der Wert der Importe bei rund 126,7 Milliarden Euro.

"Die Exporteure sind immer weniger in der Lage, die lieferkettenbedingten Kostensteigerungen an internationale Kunden weiterzureichen", erläuterte der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Treier. Außerdem kämen wichtige Importgüter zur notwendigen Weiterverarbeitung für den deutschen Export häufig gar nicht erst an, insbesondere wegen der Lockdowns in China. Ein Ende der Preissteigerungen und Lieferkettenprobleme sei nicht in Sicht.

Dazu komme: Die Weltkonjunktur und damit die Nachfrage nach deutschen Produkten dürfte sich in den kommenden Monaten weiter abkühlen, erklärte Treier. Insbesondere Schwellenländer werden sich angesichts von zum Teil extrem gestiegenen Energie-, Rohstoff- und Agrargüterpreisen gezwungen sehen, den Bestand knapper Devisenmittel zusammenzuhalten. "Das werden konjunkturell schwierige Zeiten beispielsweise für den deutschen Automobil-, Maschinen- und Technologieexport."

Außenhandelsverband fordert mehr Freihandel

Auch der Präsident des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Dirk Jandura, sieht "düstere Aussichten". Die Folgen des russischen Angriffskriegs und die Störungen in den internationalen Lieferketten würden auch im Außenhandel noch wesentlich stärkere Spuren hinterlassen. "Und die Lage kann noch dramatischer werden, sollte es zu einem Abbruch der Gaslieferungen aus Russland kommen."

Jandura erklärte, mehr Freihandel sei "alternativlos". In der aktuellen Krise sei es entscheidend, dass die größte Wirtschafts- und Handelsnation in der EU deutlich macht, dass sie keine isolationistische Politik verfolge. Der BGA-Präsident forderte, Freihandelsabkommen nicht "mit Themen zu überfrachten und weitere Jahrzehnte mit Verhandlungen zu vertrödeln".

Quelle: ntv.de, chl/AFP

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen