Wirtschaft

Cartoon-Industrie auf Youtube Knebel für den digitalen Babysitter

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Die Videos von Cocomelon generieren in einem Monat durchschnittlich 2,5 Milliarden Klicks.

(Foto: Screenshot: Cocomelon, Bath Song)

Vor 15 Jahren geht auf Youtube das erste Video online. Die Übernahme durch Google, die Kommerzialisierung, die Werbemilliarden - aus dem ehemaligen Spielplatz für Privatvideos ist längst ein lukratives Geschäft geworden. Doch bei Angeboten für Kinder hört der Spaß auf.

Das beliebteste Video auf dem Kinder-Youtube-Kanal Cocomelon hat bisher mehr als zwei Milliarden Aufrufe. Darin zu sehen: Ein animiertes Baby in der Badewanne, das zu der Musik von "Baby Shark" singt. Sonst generieren alle Videos mit Cartoons und Kinderreimen auf dem Kanal zusammen in einem Monat etwa durchschnittlich 2,5 Milliarden Klicks. Nach Einschätzungen des Branchenanalysten Social Blade entspricht das monatlichen Werbeeinnahmen von bis zu 11,3 Millionen Dollar. Für Youtube sind kleine Kinder längst zu einer der lukrativsten Zielgruppe geworden. Nur das indische Musiklabel T-Series und der schwedische Youtube-Gamer PewDiePie erreichen mit ihren Videos mehr Zuschauer als Cocomelon.

*Datenschutz

Die Fülle an kostenlosen Inhalten macht die Plattform zu einem digitalen Babysitter. Jede Minute werden Hunderte Stunden an Videomaterial hochgeladen. Eine Umfrage des Pew-Forschungszentrums aus dem vergangenen Jahr ergab, dass 81 Prozent der Eltern mit Kindern bis 11 Jahre ihrem Nachwuchs erlaubt, Youtube zu schauen.

Cocomelon ist bereits vor 14 Jahren an den Start gegangen. Noch bevor Google Youtube 2006 kaufte, ging das erste Video online. "Das Lernen für Kinder mit schönen 3-D Animationen, pädagogischen Texten und mitreißender Musik zu einer lustigen und unterhaltsamen Erfahrung zu machen" ist das selbst ernannte Ziel des Kanals. In der Regel erscheint dort wöchentlich ein kurzes Video, sowie ein längeres, das aus altem Filmmaterial zusammengeschnitten ist. So richtig in Schwung kam das Geschäft im Oktober 2018, als die Videoaufrufe nach Angaben von Social Blade auf knapp zwei Milliarden kletterten, verglichen mit 123 Millionen Aufrufen im Jahr zuvor. Inzwischen hat der Kanal 73 Millionen Abonnenten.

Die Macher trauen sich aus der Deckung

*Datenschutz

Wie bei vielen anderen beliebten Kinderkanälen auf Youtube, war auch lange bei Cocomelon nicht bekannt, wer eigentlich dahinter steckt. Die Videoplattform verlangt von ihren Nutzern nicht, dass sie ihre Identität offenlegen. Viele geben nicht mehr über sich preis, als das Land, aus dem sie stammen.

Erst kürzlich hat sich der Macher von Cocomelon aus der Deckung getraut. Mitte der 1990er Jahre zog Jay Jeon von Südkorea nach Los Angeles und studierte dort an einer Kunsthochschule Regie, wie das US-Finanzportal Bloomberg erfahren hat. Etwa zehn Jahre später begann er mit seiner Frau mit der Produktion der Cartoons, um die beiden gemeinsamen Söhne zu unterhalten. Freunde rieten ihnen, die Clips auf Youtube zu veröffentlichen.

Mehr als ein Jahrzehnt haben Jeon und seine Frau, eine Kinderbuchautorin, ihren Kanal in Eigenregie betreut. Auch als ihre Kinder längst zu alt für die Videos waren, machten sie weiter. Die Zahl der Zuschauer stieg stetig. Als Jeon mit Youtube-Werbung genug verdiente, schmiss er seinen Job hin und stellte Animationsfilmer und Songschreiber an. Inzwischen arbeiten 20 Angestellte für ihn. Ihm gehören noch heute 100 Prozent der Firma Treasure Studio Inc, die hinter Cocomelon steckt.

Neues Geschäftsmodell wegen Werbeeinbußen

Der Erfolg des Kanals hat alle überrascht, auch den 55-jährigen Jeon. Von den rund acht Milliarden Dollar, die Youtube im vergangenen Jahr an die Videomacher ausgeschüttet hat, dürfte ein erheblicher Prozentsatz in Jeons Taschen gelandet sein. "Ich habe mich nie damit beschäftigt, warum etwas gut ankommt oder wie ich den Youtube-Algorithmus schmeicheln kann", zitiert Bloomberg den Cocomelon-Gründer. "Ich weiß, worauf es ankommt. Geschichten sind wichtig."

Jahrelang lehnen Jeon und seine Frau Angebote von Investoren, Sponsoren und Anfragen, ihre Cartoons in andere Sprachen zu übersetzen, ab. Das hat sich inzwischen geändert. Schon bald sollen die populärsten Lieder des Kanals auch abseits von Youtube zu hören sein, noch in diesem Jahr soll es Cocomelon-Spielzeug geben – auch über einen Kinofilm denkt Jeon angeblich nach.

Der Sinneswandel hat einen Grund: Youtube hat Anfang des Jahres seine Richtlinien geändert - und das, obwohl die Video-Plattform stets beteuert, ihr Kerngeschäft sei noch nie für Kinder unter 13 Jahren bestimmt gewesen. Als Reaktion auf Vorwürfe der US-amerikanischen Verbraucherschutzbehörde müssen Videos für Kinder jetzt trotzdem als solche gekennzeichnet werden. Ihnen darf inzwischen keine persönlich auf sie zugeschnittene Werbung mehr gezeigt werden. Von der Änderung sind zudem alle Nutzer betroffen, das Alter ist dabei irrelevant.

Seitdem Youtube die personalisierte Werbung für Kinder verboten hat, haben die Top-Kinderkanäle bis zu 60 Prozent ihrer Werbeeinnahmen verloren, zitiert Bloomberg Chris Williams, den Chef des Unternehmens Pocket Watch. Jeon bestätigt, dass auch die Werbeeinnahmen seines Kanals zurückgegangen seien, nennt aber keine weiteren Details. Die Entscheidung, die jahrelange Zurückhaltung aufzugeben und Figuren für Merchandise-Artikel zur Verfügung zu stellen, liegt also nahe.

Quelle: ntv.de